Kino

Zwischen Genie und Wahnsinn Von Ben Affleck in die Mangel genommen

Christian Wolff ist ein Buchhalter. Er hat aber noch andere Namen und Pässe - dann ist er eine Kampfmaschine. Er ist aber auch ein guter Bruder und zärtlicher Verliebter. "The Accountant" ist ein großartiger Film. Wir haben deshalb mit Ben Affleck gesprochen.

Der sympathische Profikiller von nebenan macht's schmallippig, voller Inbrunst, sauber, am liebsten leise, in sich gekehrt und leider nicht mit Anna Kendrick: Ben Affleck spielt Christian Wolff (und wer dabei an Christian Wulff denkt, ist selber schuld, obwohl die biedere Fassade diesen Gedanken geradezu aufdrängt), einen nach außen hin zurückhaltenden, wortkargen Buchhalter, der in Wahrheit ein Zauberer der Zahlen und in seinem zweiten Leben Profikiller und Kampfmaschine mit masochistischen Zügen ist. Das alles aber so grundsympathisch, dass man sich von ihm gern mal in die Mangel nehmen lassen würde. 

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Durfte keine hohen Schuhe tragen ("Und Ben ist ein Riese!!"): Anna Kendrick.

(Foto: dpa)

Dieser Christian Wolff ist mit einem besonderen Talent für Mathematik zur Welt gekommen - andere Talente bleiben da vorerst auf der Strecke, werden im Laufe des Lebens aber antrainiert. Als Hochbegabter mit genialen Fähigkeiten - man könnte ihn auch autistisch nennen - tut er sich enorm schwer, soziale Kontakte zu pflegen. Getarnt als kleinstädtischer Steuerberater erledigt er "backstage" gewissenhaft die Buchhaltung für einige der gefährlichsten Unterweltvereinigungen der Welt. Doch Steuerfahnder Ray King (J.K. Simmons) ist ihm auf den Fersen; er hat seine Mitarbeiterin Meredith Medina (Cynthia Addai-Robinson) auf ihn angesetzt - und die nimmt diesen Job sehr ernst, da ihr Leben auf Gedeih und Verderb davon abhängt.

BenandAnna = BenAnna

Chris nimmt unterdessen einen neuen Auftrag an, bei dem er die Buchhalterin einer Firma für Robotik, Dana Cummings (Anna Kendrick), unterstützen soll. Diese hat festgestellt, dass es Ungereimtheiten in den Finanzen ihrer Firma gibt. Doch je tiefer Christian in das Verwirrspiel von Zahlen und Menschen dringt, desto mehr bemerkt er, dass es noch andere interessante Aspekte auf diesem Planeten gibt als immer nur Zahlen, Gleichungen und unbekannte Größen. Nebenbei sterben um ihn herum Menschen wie die Fliegen und in Rückblenden erfährt der Zuschauer, warum Christian, der Junge mit dem Asperger Syndrom, und sein Bruder von ihrem Vater zu Kampfmaschinen ausgebildet werden.

Im Laufe des Films entwickelt unser stoischer Held zu seinem mathematisch nicht minder begabten, weiblichen Gegenüber in Gestalt von Dana auch andere Gefühle - andere, als es sämtliche Wurzeln, Potenzen und logische Abfolgen bisher je in ihm hervorrufen konnten. Den beiden bei ihrem Spiel zuzugucken ist, wie zwei Menschen beim Tanzen zuzusehen, die eigentlich nicht tanzen können: Beide sind kühle Mathe-Genies, beide sind Eigenbrötler und beiden bleibt irgendwann nichts anderes übrig, als sich aufeinander zu verlassen. 

Ganz sicher ist eine Geschichte, in der es um ein autistisches Mathe-Genie und eine etwas spröde Frau geht, nicht der Stoff, aus dem Hollywood-Träume normalerweise gemacht sind. Aber Ben Affleck und Anna Kendrick sind perfekt in ihren Rollen, der Plot ist voller Überraschungen, ohne je den Faden zu verlieren, selbst wenn die Geschichte ab und an ins Fantastische abdriftet und der Schluss ein Fest für jeden Waffennarr ist. Immer behält Regisseur Gavin O'Connor ("The Americans") seine Figuren liebevoll im Blick, immer kriegt er die Kurve, bevor es zu sehr ins Kitschige oder ins Brutale abdriftet, und nicht umsonst hat der Film sich in den USA an seinem ersten Wochenende bereits an die Spitze der Kinocharts gesetzt.

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It' s raining, Mann! Ben Affleck bei der Premiere in London.

(Foto: dpa)

Also: Wenn Ben Affleck eines kann, dann stoisch gucken. Außerdem kann er: sehr stilvoll eine unglaublich schlimme Brille tragen und trotzdem hochklassig wirken. Anna Kendrick, im wahren Leben laut eigener Aussage gern mal der Pausenclown und unterwegs wie ein Duracell-Hase auf Highspeed - morgens allerdings mit eher schlechter Laune - ist, wie bereits in "Up In The Air" an George Clooneys Seite, eine grandiose "bessere Hälfte". Man nimmt ihr dieses etwas einsame Mädchen ab, das voller Witz und Leben steckt. Wie Ben Affleck aka Christian Wolff sich um sie bemüht, als er spürt, dass ihr Leben in Gefahr ist, wie er sie rettet, ohne dass sie jemals so wirkt, als wollte sie gerettet werden, welche Haken die beiden schlagen und welche Action dieser Film bietet, ist großes Kino.

Anders - das neue Normal?

Dass Autisten und Menschen, die "anders" sind, im US-amerikanischen Film grundsätzlich super funktionieren, wissen wir seit "Rain Man" und "Forrest Gump". Immer schaffen sie es, in ihrem Anderssein nicht nur über sich, sondern auch über andere Menschen und schlechte Grundvoraussetzungen hinauszuwachsen.

Neben den beiden Hauptdarstellern, die im Interview mit n-tv.de auf der einen Seite wie ein altes Ehepaar (im besten Sinne) oder wie Geschwister (im neutralsten Sinne) oder aber auch wie ein Liebespaar (im romantischsten Sinne) wirken, sind J.K Simmons ("Mit besten Absichten"), Cynthia Addai-Robinson und John Lithgow zu sehen. Action gepaart mit Witz garantieren einen großartigen Kino-Besuch.

"The Accountant" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: ntv.de

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