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"Willkommen auf Deutsch" Wenn nebenan Flüchtlinge einziehen

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Die Bewohner von Appel wollen Flüchtlinge aufnehmen. Aber nicht gleich 53.

© Boris Mahlau, Pier53

Ein kleiner Ort in Niedersachsen soll 53 Flüchtlinge aufnehmen. Die Dorfbewohner sind aufgebracht und wehren sich. Der Film "Willkommen auf Deutsch" zeigt, was passiert, wenn traumatisierte Frauen und Männer in der Provinz auf die gut situierte deutsche Mittelschicht treffen.

Es ist eine Idylle wie aus dem Bilderbuch: Rote Backsteinhäuser mit gepflegten Gärten liegen umgeben von Weiden und Wiesen in der Herbstsonne. Einen Bäcker oder Supermarkt gibt es nicht, dafür fährt immerhin zweimal am Tag ein Bus. "Das ist hier das noch beschauliche Dorf Appel", stellt Hartmut Prahm seinen Heimatort vor - und betont das Wort "noch". Denn die 415-Seelen-Gemeinde im Landkreis Harburg soll 53 männliche Asylbewerber aufnehmen. Und damit ist ein Großteil der Bevölkerung alles andere als einverstanden.

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Kameramann Boris Mahlau und Regisseur Hauke Wendler schauen in der deutschen Provinz genau hin.

(Foto: © Torsten Reimers, Pier53 )

Weltweit befinden sich derzeit Schätzungen zufolge 57 Millionen Menschen auf der Flucht. 200.000 von ihnen haben im vergangenen Jahr in Deutschland einen Antrag auf Asyl gestellt. Und der Strom der Flüchtlinge reißt nicht ab, im Gegenteil. Was passiert, wenn traumatisierte Menschen, die vor Krieg und Armut geflohen sind, plötzlich Tür an Tür mit der gut situierten bundesrepublikanischen Mittelschicht leben?

Dieser Frage gehen Carsten Rau und Hauke Wendler in ihrem Dokumentarfilm "Willkommen auf Deutsch" nach. In den norddeutschen Orten Appel und Tespe haben sie dafür ein Jahr lang Flüchtlinge, Anwohner und Mitarbeiter der Harburger Kreisverwaltung begleitet, die mit ihren Ängsten und Vorbehalten, Sehnsüchten und Hoffnungen zu Wort kommen. Der klug gemachte Film verzichtet auf Off-Kommentare und sortiert die Menschen nicht in die Schubladen "gut" oder "böse" ein. Der Zuschauer soll sich sein Urteil bei diesem hochaktuellen Thema selber bilden und bleibt am Ende nachdenklich zurück. Aber auch fassungslos angesichts kruder Gesetze und eines latenten Alltagsrassismus'.

"Gewisse männliche Bedürfnisse"

In Appel sind die Bewohner in Aufruhr. Prahm und seine Mitstreiter wehren sich in einer Bürgerinitiative dagegen, dass die ehemalige Seniorenwohnanlage zu einem Asylbewerberheim umgebaut wird. Auf Versammlungen betonen sie immer wieder, helfen zu wollen - "aber bitte sozialverträglich". 53 fremde Menschen seien einfach zu viel. "Wir können nicht die Anlaufstelle für ganz Afrika sein", heißt es da schon mal. Es ist die Rede von einem "gewissen Potenzial", das die Flüchtlinge mitbrächten, und von der Sorge um die eigenen Töchter, da die Asylbewerber ja "gewisse (…) männliche Bedürfnisse" hätten.

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Aber es gibt auch Beispiele bedingungsloser Unterstützung. In Tespe kümmert sich Ingeborg Neupert ehrenamtlich um eine siebenköpfige Familie aus Tschetschenien. Dass die Flüchtlinge "keinen Platz auf der Erde" hätten, "das ist doch dramatisch", meint die fast 80-Jährige. Sie ist entsetzt, zu erleben, was die Familie nach allem Leid und aller Not während ihrer Flucht nun in Deutschland durchmachen muss.

"Wie es mit uns weitergeht, ist völlig offen. Jeden Morgen stehen wir auf und wissen nicht, was kommt", erklärt die 21-jährige Larisa. Sie seien sehr dankbar dafür, in Deutschland Zuflucht gefunden und eine Wohnung bekommen zu haben. Aber "es gibt Tage, an denen haben wir nur Angst".

Die Familie ist kaum vorstellbaren Belastungen ausgesetzt: Die Ungewissheit, ob sie in Deutschland bleiben darf, hängt wie ein Damoklesschwert über ihr. Außerdem muss sie mit den Anfeindungen der Anwohner leben, die bei der Polizei anrufen, nur weil einmal ein Kind schreit. Auf Informationsabenden diskutieren die Tesper in Anwesenheit der Familie darüber, ob sie die Tschetschenin mit ihren sechs Kindern in ihrer Nachbarschaft akzeptieren können.

Als die Mutter mit einem Nervenzusammenbruch in die Klinik eingeliefert wird, übernimmt Larisa die Verantwortung für ihre fünf jüngeren Brüder - und bekommt einen Bescheid, dass sie als einziges Mitglied der Familie nach Polen abgeschoben werden soll.

Eine Reform des Ausländerrechts muss her

Fachbereichsleiter Reiner Kaminski kämpft unterdessen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln dafür, den immer zahlreicher werdenden Flüchtlingen in seinem Landkreis Schutz zu gewähren, sie auf die Gemeinden zu verteilen und geeignete Immobilien zu finden. Angesichts ausgereizter Kapazitäten und hitziger Proteste eine wahre Herkulesaufgabe.

Ohne Zweifel steht für Kaminski fest, dass die Asylsuchenden in Deutschland willkommen geheißen werden sollen. Aber er benennt auch klar die Schwierigkeit, Menschen in die Gesellschaft aufnehmen zu wollen, von denen man weiß, dass sie innerhalb kürzester Zeit wieder aus dem Land ausgewiesen werden können. Und so ist er es, der einen sehr simplen, aber den vielleicht wichtigsten Satz des Filmes ausspricht, nämlich "dass unser Ausländerrecht einer umfassenden Reform bedarf".

In Appel schöpfen die Bürger letztendlich die juristischen Möglichkeiten aus, um zu verhindern, dass Asylbewerber in das ehemalige Altenheim einziehen. Aber die Gemeinde findet trotzdem eine Lösung. Am Ende nähern sich Dorfbewohner und Flüchtlinge zaghaft und ein wenig unbeholfen an. Auch wenn die Situation vielerorts schwierig ist - ganz hoffnungslos ist sie nicht.

"Willkommen auf Deutsch" läuft seit dem 12. März in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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