Hörbücher

"Das Evangelium der Aale" Schlange oder Fisch, Sohn und Vater

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Der Aal, Anguilla anguilla, beschäftigt noch immer die Wissenschaft.

(Foto: imago/blickwinkel)

Ein ganzes Hörbuch über Aale. Sieben Stunden und 48 Minuten über ein rätselhaftes Geschöpf. Es wandert zwischen Salz- und Süßwasser, seine Fortpflanzung hat bis heute niemand gesehen. Und daraus entspinnt sich eine Vater-Sohn-Geschichte, die ohne den Aal nicht dieselbe wäre.

Vater und Sohn fahren abends zum Fluss, den Feldweg entlang, der gerade mal eine Traktorspur breit ist, bis es nicht mehr weiter geht. Dort legen sie ihre Angeln aus. Sie nennen Langleinen und Nachtschnüre, selbstgebaute Konstruktionen, wie sie in keinem Angelbuch stehen. Im hohen Schilf und im schwindenden Licht ist der Siebenjährige kaum zu sehen. Am nächsten Morgen kommen sie wieder, kontrollieren die Leinen und nehmen den Fang mit heim, wenn es denn einen gibt: Aale.

Auch Jahrzehnte nach diesen Stunden am Fluss erinnert sich Patrik Svensson an jede Geste seines Vaters, an die Farben ihrer Hosen und das Gefühl, wenn sich am anderen Ende der Leine einer jener schlangenähnlichen Fische wand. In seinem Debütroman "Das Evangelium der Aale" hat der Schwede genau diese beiden Elemente miteinander verwoben: die Vater-Sohn-Beziehung und die Aale.

Das hätte daran scheitern können, dass Svensson bis dahin vor allem als Journalist geschrieben hatte oder daran, dass biografisches Schreiben und nature writing zwei sehr verschiedene Ansätze sind. Ist es aber nicht, ganz im Gegenteil. Inzwischen wird das Buch in mehr als 30 Sprachen übersetzt, auch in Deutschland steht es schon auf der Bestsellerliste.

Rätselhafte Kreatur

Der Aal, Anguilla anguilla, ist eine Kreatur, die noch immer nicht all ihre Geheimnisse preisgegeben hat. Und das, was jetzt als wissenschaftlich belegt gilt, war lange alles andere als das. Beispielsweise, dass der Aal wirklich ein Fisch ist, denn seine Schuppen sind so winzig, dass man sie kaum als solche erkennen kann und seine Kiemen fast unsichtbar. Lange hielt man Aale für Würmer oder Schlangen. Auch ihre eigenartige Lebensreise aus dem Salz- ins Süßwasser und wieder zurück schien schlicht unglaublich. Gleiches gilt für die seltsame Metamorphose, die Aale im Lauf ihres Lebens vollziehen, von der kleinen Weidenblattlarve über den durchsichtigen Glasaal zum Gelb- und schließlich zum geschlechtsreifen Blankaal.  "Irgendwo in der Dunkelheit und dem Schlamm gelang es dem Aal immer wieder, sich der Erkenntnis zu entziehen", schreibt Svensson und holt dann zu einem ganz großen Bogen aus.

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Er beginnt bei Aristoteles, der sich bereits intensiv mit der rätselhaften Fortpflanzung der Aale beschäftigt hat. Der gelehrte Grieche ging davon aus, dass Aale im Schlamm am Grund der Gewässer sozusagen von selbst entstehen. Auch Sigmund Freud sezierte als junger Student Hunderte Tiere auf der Suche nach ihrem Fortpflanzungsgeheimnis, um sich dann doch der menschlichen Psyche und der Rolle der Sexualität darin zuzuwenden. Der Zoologe Johannes Schmidt fand schließlich in der Sargassosee in der Nähe der Bahamas die Weidenblattlarven und damit die Kinderstube der Aale.

Die Grenze zur Kultur überschreitet Svensson gemeinsam mit seinem Vorbild, der US-amerikanischen Biologin und Autorin Rachel Carson. Sie hat in ihrem Buch "Stummer Frühling", das sich mit der Auswirkung von Pestiziden auf die Umwelt beschäftigte, dem Aal besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Und dann ist da natürlich noch Günter Grass, der in der "Blechtrommel" das Bild der aus einem verwesenden Pferdekopf quellenden Aale unsterblich machte.

Hommage an den Vater

Seine Exkursionen in das Leben der Aale unterbricht Svensson, der an der schwedischen Aalküste geboren ist, immer wieder mit Erinnerungen an den Vater. Der angelte nicht nur leidenschaftlich, sondern aß den Aal auch unheimlich gern. Der Straßenbauarbeiter fand in den Stunden am Fluss wohl die Freude, die er im heißen Dampf der Teerdämpfe kaum empfunden haben dürfte. Viel gesprochen haben Vater und Sohn nie miteinander, doch als der Krebs sein tödliches Werk verrichtet, kommen sie einander wieder nahe wie beim Aale-Angeln.

"Wir brauchten den Aal. Ohne ihn wären wir zusammen nicht dieselben gewesen." Johann von Bülow liest diesen Satz als trockene Feststellung, nichts, was man hinterfragen müsste. Dabei ist Svensson längst bei der Wiederauferstehung von den Toten angekommen, für die Aale, die nach Stunden auf dem Land wieder zu schwimmen begannen. Und die an ihrem eigenen Lebensende alle Organe zurückbilden, außer die, die sie für die Fortpflanzung brauchen. Aber auch für den Vater, der am Krebs stirbt. Von Bülow begleitet die Zuhörenden durch die fast acht Stunden des Hörbuchs aus dem Audio-Verlag unaufgeregt und dennoch sehr eindringlich. Die Natur- und Kulturgeschichte ist dabei genau so spannend, wie die biografischen Teile anrührend sind.

Am Ende fährt der Erzähler allein an den Fluss, wirft seine Angel aus und fängt einen Aal. "Er war groß und blassgrau, hatte Augen wie schwarze Knöpfe, und er schaute mich an, als wolle er sich vergewissern, dass ich ihn ebenfalls gesehen hatte." Der Mann, der gerade seinen Vater verloren hat, lässt die Angelschnur los.

Quelle: ntv.de