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Die Odyssee von Take That "Ach, würden uns doch Mädchen folgen"

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Das Trio, das mittlerweile Take That bildet: Mark Owen, Gary Barlow und Howard Donald (v.l.).

Universal Music

30 Jahre ist es her, dass ein findiger Manager namens Nigel Martin Smith in Manchester eine Boyband castete: Als Take That brachen Robbie Williams, Mark Owen, Gary Barlow, Howard Donald und Jason Orange sämtliche Rekorde. Williams und Orange sind der Band im Laufe der Jahre abhandengekommen, doch auch als Trio sind Take That nach wie vor erfolgreich.

Bevor sie 2019 auf Tournee geht, läutet die Gruppe ihr Jubiläum mit "Odyssey" ein - eine etwas andere Best-Of-Compilation, die ihre Geschichte nacherzählt. Im Interview sprechen Gary Barlow, Mark Owen und Howard Donald über kreischende Teenies, das Älterwerden und die Zukunft von Take That.

n-tv.de: Für eine geplante TV-Dokumentation haben Sie Ihre Fans kürzlich aufgerufen, auf mytakethatstory.com ihre Lieblings-Take-That-Geschichten zu erzählen. Was ist Ihre persönliche Lieblingserinnerung aus den letzten 30 Jahren?

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Gary Barlow: Ich entscheide mich für die ersten MTV Europe Music Awards 1994 am Brandenburger Tor. Ich erzähle Ihnen jetzt nicht von der Show selbst, sondern von der Party danach. Alle Künstler schliefen im Hilton und trafen sich im Anschluss an der Bar. Rob und ich legten die Musik auf, Prince war da, George Michael, Annie Lennox - alle! Es war ein unglaublicher Abend. Plötzlich fühlte es sich an, als hätten wir es geschafft.

Welche Momente kommen Ihnen in den Sinn, Herr Donald und Herr Owen?

Howard Donald: Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir das erste Mal echte Hysterie erlebten. Das war in der City Hall in Newcastle auf unserer ersten Tour 1992. Diese Lautstärke! Es hat dir nicht nur einen Schauer über den Rücken gejagt, sondern diese Energie des Publikums hat dich geradezu ausgelaugt. Kennen Sie das, wenn auf einmal die Knie zittern? So war das. Ich weiß noch, dass ich super emotional wurde, als ich dieses Kreischen hörte, bevor wir auf die Bühne gingen.

Mark Owen: Ich nehme Sie mit nach New York ins Jahr 2010. Dort nahmen wir in den Electric Lady Studios, dem Studio von Jimi Hendrix im West Village, unser Album "Progress" auf. Wir waren alle fünf im gleichen Raum - eine Band, die so viel hinter sich hat. Howard an den Drums, Jason an der Gitarre, Gary am Klavier. Das alles in der besten Stadt der Welt. Es war einfach nur wow. Wie sind wir von hier nach da gekommen? Aber wir hatten es verdient, in diesem Studio zu sein. Ich muss dazu sagen - das ist ein bisschen peinlich - wir hatten es nur für einen Tag gemietet. (lacht) Aber wir fühlten uns wie die Größten.

Mit "Odyssey" veröffentlichen Sie nun nicht bloß eine normale Best Of. Durch Interludes und Audio-Mitschnitte erzählt das Album vielmehr die Geschichte der Band. Wie kamen Sie auf die Idee?

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Sie wollen als Take That weitermachen, das steht fest.

(Foto: Universal Music)

Barlow: Als wir überlegten, eine Best Of zu machen, kamen wir zu dem Schluss, dass die Zeiten solcher Alben vorbei sind. Durch die ganzen Streaming-Anbieter existieren sie im Grunde schon, jeder kann sich dort seine eigene Best Of zusammenstellen. Wir fragten uns also, was wir mit unserem Gesamtwerk machen können, damit die Leute Spaß daran haben. Darum haben wir das Album nun als Geschichte kuratiert. Die Songs tauchen darauf nicht chronologisch auf, sondern in einer speziellen Abfolge, wie bei einem Konzert. Da sind ein paar neue Songs, aber auch alte, die wir neu aufgenommen haben. Dazu die Interludes und alten Interviews - so wollen wir den Hörern ein Gefühl für die Zeit geben und eine Verbindung zwischen damals und heute schaffen.

Owen: Wir wollten ein Wurmloch schaffen, eine Zeitreisemaschine.

Wenn Sie in dieses Wurmloch eintauchen und die Interviews von damals hören, was empfinden Sie dann?

Owen: Die Stimmen! Wie hoch unsere Stimmen sind …

Barlow: (mit hoher Stimme) "Wir arbeiten wirklich hart, und wenn es gut läuft, machen wir einfach weiter, und eines Tages sind wir riesig" - das hat einer von uns wirklich gesagt. Es ist unglaublich. Die Songs auseinanderzunehmen, hat viele Erinnerungen geweckt. Bei "Pray" zum Beispiel transportierte mich das sofort ins Jahr 1992. Wir fünf in einem Studio in Fulham.

Owen: Anfangs war es, als würde man auf eine andere Person blicken, auf ein anderes Leben. Es war echt schwer, sich damit zu identifizieren. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir zwischendurch diese große Pause hatten und unsere Leben sich geändert haben. Ich glaube, wir haben die 90er lange ausgeblendet. Es war schön, jetzt zurückzukehren. Diese Zeit nicht mehr zu verdrängen, sondern zu akzeptieren. Wir wissen sie jetzt wieder zu schätzen. Genau das hatten wir uns erhofft.

Bei allem Ruhm: Es muss auch eine einsame Zeit gewesen sein, oder?

Barlow: Das war es auch.

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Donald: Es war hart. Je größer die Band wurde, desto mehr Zeit haben wir in Hotels und Flughäfen verbracht. An manchen Orten waren wir nicht mal in der Lage, einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, ohne dass einem 40 Mädchen folgten, jeden Schritt beobachteten oder nach Fotos fragten.

Owen: Jetzt wünschten wir, sie würden uns folgen. (lacht)

Donald: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will mich nicht beschweren. Es war toll. Aber es hat zu einem gewissen Grad natürlich auch das Familienleben beeinflusst. Vier von uns lebten damals noch bei ihren Eltern und auf sie hat es sich auch ausgewirkt. Zum Beispiel wenn Marks Straße an seinem Geburtstag gesperrt werden musste, weil dort Hunderte Mädchen standen und Happy Birthday sangen.

Owen: Sie meinten es ja gut - aber die Nachbarn waren, glaube ich, nicht so begeistert.

1995 stieg Robbie Williams aus, ein Jahr später lösten Sie die Band auf. Es folgte die Wiedervereinigung, Williams zwischenzeitliche Rückkehr und dann der Ausstieg von Jason Orange - fühlt sich Ihre Geschichte wirklich manchmal wie eine Odyssee an?

Owen: Schon. Unser Weg ist ja ziemlich gut dokumentiert, jeder kennt die Höhen und Tiefen unserer Karriere. Der Titel "Odyssey" schien uns einfach sehr passend. Aber es fühlt sich nicht nur für uns so an. Wenn wir mit unseren Fans sprechen, dann sagen sie uns immer, dass es auch ihre Reise ist. Nicht nur wir waren auf dieser Odyssee.

Welchen Rat würden Sie dem jungen Mark, Howard und Gary mit Ihrem heutigen Wissen geben?

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Mitte November statteten sie auch der Bambi-Verleihung in Berlin einen Besuch ab.

(Foto: imago/APress)

Barlow: Schnall dich gut an! Wissen Sie, "Odyssey" ist für uns nicht irgendein Album. Es ist ein sehr ergreifender Moment. Wir haben es bis hier geschafft, 30 Jahre. Also ich würde sagen: Viel Glück, wir sehen uns auf der anderen Seite. So viele Menschen und Leute spielten in den letzten 30 Jahren eine Rolle. Das sind nicht nur wir und unsere Musik. Tausende andere haben dazu beigetragen, dass wir jetzt hier sind. Und die Leute wollen uns immer noch sehen. Es ist ein toller Moment, um innezuhalten und zu sagen: "Wow, guck mal, wo wir sind."

Wie geht es danach mit Take That weiter?

Barlow: Normalerweise, wenn wir auf Tour sind oder ein Album fertigstellen, planen wir schon das nächste. Das wollen wir dieses Mal nicht. Wir wollen es genießen, denn es markiert das Ende einer wunderbaren Zeit. Wir wissen also nicht, was als Nächstes kommt. Keine Ahnung.

Owen: Wir wollen, dass unsere Tour nächstes Jahr ein tolles Ende für Part 2 in der Geschichte von Take That wird, mit dem alle glücklich sind, auch das Publikum. Es wird uns sicher auch als Band guttun, mal nicht über die Arbeit zu sprechen. Unsere Beziehung kann dadurch wachsen. Und das führt dann hoffentlich zu etwas Neuem. Wenn man auf die 50 zugeht, so wie wir, denkt man halt ein bisschen nach. Wie geht es weiter? Wir müssen den Baum etwas stutzen, …

Barlow: ... umpflanzen, …

Owen: … ihn wässern, und dann wächst er hoffentlich wieder.

Herr Donald, Sie sind als Erster aus der Band dieses Jahr 50 geworden. Wie war es, an dem Morgen in den Spiegel zu blicken?

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Donald: Alter bedeutet nichts, es ist bloß eine Zahl. So sehe ich das. Ich fühle mich super, ich bin immer noch hungrig darauf, Musik zu machen. Wir haben eine tolle Freundschaft und eine tolle Perspektive. Denn wir werden zwar eine Pause machen, aber es wird Take That in der Zukunft geben.

Wie werden Sie die Bandpause füllen?

Owen: Ich möchte mich um meine Familie kümmern und ihnen auf die Nerven gehen.

Sie sind in diesem Sommer schon zwei Monate mit Ihrer Familie gereist.

Owen: Ja, es war wunderbar. Ich habe versucht, surfen zu lernen.

Und?

Owen: Ich schaffe es mittlerweile, auf dem Brett zu stehen, also ich werde besser. Zwischendurch kam ich zwar rauf, aber wusste nicht, wie ich wieder runterkomme - also landete ich in Korallen und Steinen. Das war der bisherige Tiefpunkt. Das Ding ist: In meinem Geist fühle ich mich wie Patrick Swayze in "Point Break", wenn ich auf dem Board stehe, aber dann sehe ich ein Foto und wirke eher wie Mister Bean beim Versuch zu surfen. Es sieht nicht aus, wie es sich anfühlt.

Herr Barlow, bei Ihnen hatte man in den letzten Jahren nicht den Eindruck, als seien Sie besonders gut darin, nicht zu arbeiten.

Barlow: Das bin ich auch nicht. Hin und wieder versuche ich, das bewusst zu tun, aber ich muss das wirklich ändern.

Warum können Sie so schlecht ohne?

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Nun ja, ein paar Mädchen (und Jungs) rennen ihnen schon noch hinterher.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Barlow: Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil ich es liebe. Aber wenn wir nächstes Jahr unsere 50 Konzerte hinter uns haben, dann werde ich bereit sein für eine Pause.

Owen: Aber ich sage Ihnen: Das kann sich alles ändern. Vielleicht sagt er nach der Tour: Ab ins Studio!

Barlow: Wahrscheinlich tue ich das!

Bevor Sie die Beine hochlegen können, haben Sie noch einige Projekte vor sich: Im April kommt das Musical "The Band", das auf der Musik von Take That beruht, nach Berlin. Auf Deutsch?

Barlow: Da die Songs nicht die Handlung erzählen, müssen sie nicht übersetzt werden, aber der Dialog wird übersetzt.

Owen: Das ist total aufregend!

Werden Sie sich die deutsche Version ansehen?

Barlow: Klar, wir kommen zur Premiere - und werden denken: Was bitte reden die da? (lacht)

Warum sollten die Leute sich das Stück angucken?

Donald: Egal, welche Band man mag - mit dem Stück kann sich jeder identifizieren. Es handelt nicht von uns, sondern von einer Gruppe junger Mädchen, die super gut befreundet sind, sich aus den Augen verlieren und dann in ihren 40ern wiedertreffen. Es ist eine sehr emotionale Geschichte. Das Beste ist natürlich die Musik. (lacht) Nein, aber tatsächlich haben viele Songtexte durch das Musical noch einmal eine ganz andere Bedeutung bekommen.

Owen: Es ist bewegend, wir mussten uns wirklich zusammenreißen, als wir es das erste Mal sahen.

Odyssey
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Herr Barlow, Sie haben zudem gerade Ihre zweite Autobiografie "A Better Me" veröffentlicht. Darin erzählen Sie erstmals von der Totgeburt Ihrer Tochter Poppy vor sechs Jahren. Warum haben Sie sich entschieden, mit diesem traumatischen Erlebnis an die Öffentlichkeit zu gehen?

Barlow: Autobiografien sollen den Leuten einen echten Einblick in dein Leben geben, ansonsten kann man sie sich sparen. Vor allem aber finde ich es wichtig, dass wir als Männer über Dinge sprechen, die so lebensverändernd sind. Denn Männer reden über so etwas nicht. Nicht so, wie Frauen es tun. Frauen sind so gut darin, sich gegenseitig zu unterstützen. Das war einer meiner Beweggründe. Ich wollte ehrlich aus dem Herzen eines 47-jährigen Mannes, eines Ehemanns und Vaters schreiben.

Sie beschreiben in dem Buch auch, wie Ihnen das Kochen in dieser schweren Zeit geholfen hat.

Barlow: Essen war in meinem Leben sowohl etwas Gutes als auch etwas Schlechtes. Was Familien betrifft, ist es aber auf jeden Fall etwas Gutes. Man könnte das auch auf eine Tour umlegen. Wir haben zwar unterschiedliche Garderoben, aber um 17 Uhr kommen wir alle zusammen, setzen uns gemeinsam an den Tisch und essen - jeden Abend. Wenn du über unsere heutige Welt nachdenkst: Wie oft passiert das noch? Immer weniger. Das ist traurig, denn zusammen zu essen ist so wichtig. Eine Familie, die zusammen isst, bleibt auch zusammen.

Donald: Wenn ich nach Deutschland komme, habe ich immer das Gefühl, dass das Leben hier ein bisschen gemeinschaftlicher ist. Es gehört zur Routine, zusammen zu essen. Selbst in Restaurants gibt es Gemeinschaftstische, an denen alle nebeneinandersitzen. Das gefällt mir.

Wann können wir denn mit Ihrem ersten Kochbuch rechnen, Herr Barlow?

Barlow: Ein Kochbuch? Nein!

Owen: Was? Da warte ich schon lange drauf.

Barlow: Definitiv nicht. Ich mache keine Rezepte, ich folge ihnen nur.

Mit Gary Barlow, Mark Owen und Howard Donald von Take That sprach Nadine Wenzlick.

Take That befinden sich im Juni 2019 in Deutschland auf Tour: Düsseldorf (15.6.), Berlin (20.6.), Hamburg (24.6.), Frankfurt (25.6.)

Quelle: n-tv.de

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