Unterhaltung
Noch Indie oder schon Mainstream? Chvrches.
Noch Indie oder schon Mainstream? Chvrches.(Foto: Danny Clinch / Universal Music)
Mittwoch, 06. Juni 2018

Wenn Pop kein Schimpfwort ist: Chvrches töten die Liebe

Seit sie 2013 groß rausgekommen ist, gehört die schottische Band Chvrches zu den Pop-Hoffnungen. Soeben ist ihr drittes Album erschienen. Doch nicht nur darum geht es im n-tv.de Interview, sondern auch um MeToo, den Brexit - und Hamster.

n-tv.de: Als ihr euer letztes Album "Every Open Eye" veröffentlicht habt, habt ihr auch über Laurens Hamster Gilbert gesprochen, der kurz zuvor von uns ging. Bist du darüber hinweg, Lauren?

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Martin Doherty: Das war der privilegierteste Hamster auf der Welt!

Lauren Mayberry: Ich fühle mich ja immer noch etwas schuldig, mir überhaupt ein Tier gehalten zu haben. Aber er hatte ein mehrstöckiges Luxus-Apartment. Und er ist für einen Hamster ganz schön alt geworden - er war schon ungefähr drei.

Sein Tod hat unter euren Fans für ziemliches Aufsehen gesorgt ...

Lauren Mayberry: Ja, das war echt süß. Manche haben mir sogar Zeichnungen von dem Hamster geschickt. (lacht) Ich habe den Hamster wirklich geliebt, aber ich hätte nicht erwartet, dass das so viel Aufmerksamkeit erregt.

Hat Gilbert einen Nachfolger bekommen?

Lauren Mayberry: Nein. Ich hatte mir den Hamster auch nur angeschafft, weil ich als Kind nie einen hatte. Aber die Zeit war nicht die richtige dafür. Wir wurden da gerade unter Vertrag genommen und mir war nicht klar, dass wir so viel unterwegs sein würden. Man kann den Hamster nicht auf Tour mitnehmen. Aber er hatte eine Pflegemutter: Martins Freundin hat sich um ihn gekümmert - und sie hat ihn geliebt!

Ihr habt euch immer als eine Band beschrieben, die im Internet geboren wurde. Allerdings seid ihr schon mit eurem ersten Album groß herausgekommen. Die BBC zum Beispiel setzte euch auf ihre Liste für den Sound 2013. Und das Album war sogar in den USA erfolgreich. Wie seid ihr mit diesem plötzlichen Ruhm klargekommen?

Lauren Mayberry: Ich glaube, wir haben uns einfach in die Touren und Live-Shows gestürzt und nicht zu viel darüber nachgedacht. Manchmal ist es vielleicht schade, wenn man so beschäftigt ist, dass man sich die Dinge nicht richtig vergegenwärtigt. Aber vielleicht ist es auch besser so, weil anders die Aufregung und der Druck größer wären.

Das Trio stammt aus Glasgow.
Das Trio stammt aus Glasgow.(Foto: Danny Clinch / Universal Music)

Martin Doherty: Ich glaube, das ist tatsächlich auch der einzige Weg, damit umzugehen. Wenn man mitten in so etwas steckt, kann man echt auch leicht zerstört werden, das ist verrückt. (lacht) Man verliert sich ganz schnell. Keiner von uns hatte ja so was schon mal erlebt. Man denkt vielleicht, dadurch, dass man schon eine ganze Weile Musik macht, sei man ein wenig darauf vorbereitet. Aber ob man in der Lage ist, damit klarzukommen, erfährt man erst, wenn es dann auch wirklich passiert. Die Tatsache, dass wir immer noch Freunde und als Band zusammen sind, zeigt aber, dass wir uns da ganz erfolgreich durchmanövriert haben.

Lauren Mayberry: Bis jetzt!

Vor Chvrches hast du auch als Journalistin gearbeitet, Lauren. War es dir eigentlich lieber, die Fragen zu stellen oder bevorzugst du, jetzt die Antworten zu geben?

Lauren Mayberry: Grundsätzlich hat sich mein Verhältnis zu Medien sehr verändert. Ich habe immer die investigativen und wirklich tiefschürfenden Geschichten am liebsten gelesen. Aber jetzt stelle ich fest, dass dich nie jemand so wahrnimmt, wie du gern wahrgenommen werden willst oder über dich selbst denkst. Am liebsten sind mir heute Gespräche, bei denen du mit den Menschen in einen Austausch kommst. Es ist schön, von einem anderen etwas zu erfahren. Immer nur über mich selbst zu sprechen, ist eigentlich nicht so mein Ding. (lacht) Nimm die Situation jetzt: Du fragst, aber wir erfahren praktisch nichts über dich. Das ist doch eine wirklich seltsame Interaktion! (lacht)

Stimmt, aber das liegt in der Natur der Sache.

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Lauren Mayberry: Ja, aber ich denke, es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass das nicht der normale Umgang mit Menschen ist. Man kann das oft sehen: Schauspieler, Schriftsteller oder Musiker sind so daran gewöhnt, dass sie in sozialen Situationen gar nicht mehr umschalten können. Sie denken, das sei normal. Aber das Erste, was man machen sollte, wenn man mit einem anderen Menschen spricht, ist, zu fragen: Wie geht es dir?

Mit "Love Is Dead" erscheint nun euer drittes Album. Spürt ihr damit Erfolgsdruck?

Martin Doherty: Druck gibt es immer. Den macht man sich schon selbst - den Druck, seinen eigenen Erwartungen, Wünschen und Zielen gerecht zu werden. Aber ich glaube, es ist gesund, sich dabei nicht auf die Dinge zu konzentrieren, die man nicht kontrollieren kann: Erfolg im Sinne von Verkäufen, Streams oder den Absatz von Konzertkarten. Darauf hast du keinen großen Einfluss. Du kannst die Dinge im Studio kontrollieren. Du kannst kontrollieren, was zwischen uns dreien abgeht. Jeder Druck oder Wunsch von uns, erfolgreich zu sein, beginnt und endet mit uns im Studio.

Wenn man euch hört, fragt man sich: Ist das eigentlich noch elektronische Indie-Musik oder doch schon Pop-Mainstream. Wo würdet ihr euch verorten?

Iain Cook: Ich mag diese Frage! Denn ich glaube, dass wir tatsächlich genau zwischen diesen beiden Welten leben. Und wir leben da ziemlich komfortabel, finde ich. Die Frage eines bestimmten Genres spielt doch heute eigentlich keine Rolle mehr. Durch das Streaming bekommen die Leute heute jede Art von Musik, die sie wollen, zu jeder Zeit. Sie haben auf ihrer Playlist vielleicht Heavy Metal neben Hardcore neben Dance-Musik. Ich finde es toll, Musik so genießen zu können. Und ich denke, wir passen genau in diese Welt.

In anderen Interviews zu eurem neuen Album habt ihr gesagt, es sei das vielleicht poppigste Material, das ihr bisher gemacht habt. Aber auch das aggressivste und verletzlichste. Wie kommt das?

Chvrches - eine Rockband ohne Rockinstrumente.
Chvrches - eine Rockband ohne Rockinstrumente.(Foto: Danny Clinch / Universal Music)

Lauren Mayberry: Unsere Erfahrung ist, das "Pop" für viele aus einem alternativen Umfeld immer noch eine Art Schimpfwort ist. Pop steht für leer, bedeutungslos und dumm. Stimme ich dem zu? Ja, es gibt Pop, der genau das alles ist. Aber es muss nicht so sein. Es gibt auch eine andere Seite, die wirklich stark, direkt und nach vorne gehend sein kann. Und ich denke, diese Momente gibt es verstärkt auf unserem neuen Album. Aber ebenso die Momente, in denen wir in abgedrehte Sphären abtauchen. Für mich ist es eine Art destillierte Version dessen, was wir schon immer waren.

Martin Doherty: Ich finde, die Leute sollten mit dem Begriff "Pop" einfach entspannter umgehen. Man sollte sich nicht dafür schämen, ihn zu benutzen, sondern ihn feiern. Für manche Menschen ist das so ein Tabu ... Aber guck dich doch mal um: Pop-Elemente sind doch fast überall enthalten.

Lauren Mayberry: Und ja, es gibt viel schreckliche Popmusik. Aber es gibt auch schreckliche Alternative-Musik. Und genauso gibt es in beiden Bereichen auch viel tolle Musik.

Ein bisschen aggressiv ist auch der Album-Titel: "Love Is Dead" ("Liebe ist tot"). Was wollt ihr uns damit sagen?

Lauren Mayberry: Wir sind darauf schon früher bei der Arbeit an Songs gekommen. Aber erst jetzt hat es sich richtig angefühlt, das als Albumtitel zu wählen. Mir gefällt, dass es ein ziemlich theatralischer Titel ist. Und er bringt einen zum Nachdenken. Der Titel bedeutet nicht notwendigerweise, dass wir denken, alles und alle seien im Arsch. Er soll eher zu einem Gespräch anregen. Wir haben über diesen Albumtitel auch beinahe mehr gesprochen als über alles andere. (lacht)

Auf dem Album befindet sich mit "My Enemy" ein Duett mit Matt Berninger von The National. Auch mit Hailey Williams von Paramore habt ihr schon einmal einen Song eingespielt, den Song "Bury It". Beide singen in Rockbands. Habt ihr ein geheimes Faible für Rock?

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Iain Cook: Ein nicht ganz so geheimes, ja. (lacht) Neulich haben wir uns auf Youtube eine Emo-Band angesehen, die unseren Song "Get Out" in einem aggressiven Rock-Stil gecovert hat. Und Überraschung: Das hat perfekt funktioniert. Ich denke, man kann 90 Prozent von dem, was wir machen, auch auf diese DNA herunterbrechen - Rockmusik, Schlagzeug, Bass, Gitarre. Das ist, wo wir herkommen. Und das war auch so, als wir unter Vertrag genommen wurden. Man sah in uns eher eine Rockband, die keine klassischen Rockinstrumente spielt, und weniger eine Synthie-Band.

Es gab das Gerücht, dass ihr auch mit "Twilight"-Schauspielerin Kristen Stewart ein Projekt plant.

Lauren Mayberry: Ja, das ist bereits passiert. Wir haben für eine abgespeckte Version des Songs "Down Side Of Me" von unserem letzten Album ein Musikvideo gedreht. Dabei hat sie Regie geführt. Es war eine Benefiz-Aktion für eine Kampagne zur Unterstützung der Initiative "Planned Parenthood", der wiederum Matt von The National vorstand. So kommt alles zusammen. Es ist wirklich toll, mit so vielen kreativen Menschen zusammenarbeiten zu können, erst recht, wenn es darum geht, etwas Gutes für die Welt zu tun.

Lauren, du hast zu Themen wie Frauenfeindlichkeit oder Sexismus immer klar Stellung bezogen. Wie blickst du jetzt auf Diskussionen wie "MeToo" oder "Time's Up"?

Lauren Mayberry: Ich denke, dafür war es mehr als allerhöchste Zeit. Ich glaube, niemand ist über die Dinge, die im Zuge von "MeToo" ans Licht gekommen sind, überrascht. Ich finde es sehr gut, dass darüber geredet wird und hoffe, dass das nicht nur mit Blick auf die Unterhaltungsindustrie passiert. Was daraus wird, muss man sehen - ob daraus auch wirklich handfeste Konsequenzen gezogen werden. Aber es ist schon mal gut und wichtig, das ins Bewusstsein zu rufen.

Auch zum Brexit habt ihr als Band Stellung bezogen. Ihr lehnt ihn ab - wie die meisten Schotten.

Martin Doherty: Ja, das ist eine Schande. Der Blick geht jetzt verstärkt nach Amerika. Das ist umso schlimmer, als der Brexit und die Präsidentschaft von Donald Trump zeitlich ineinander gefallen sind.

Das Album "Love Is Dead" ist seit Kurzem erhältlich.
Das Album "Love Is Dead" ist seit Kurzem erhältlich.(Foto: Universal Music)

Lauren Mayberry: Man schämt sich dafür richtiggehend. Klar, ich verstehe Menschen in Großbritannien, die sich zurückgelassen fühlen. Und die Regierung hat ihnen gesagt, mit dem Brexit würde es ihnen besser gehen. Natürlich gibt es auch viel Hass und Rassismus. Aber viele haben einfach nur der Regierung vertraut ...

Martin Doherty: ... und der Presse. Die rechtsgerichtete Presse in Großbritannien hat so auf den Putz gehauen. Das mit anzusehen, war wirklich übel. Und das kam nur kurz nachdem die Menschen in Schottland belogen worden waren, damit sie dafür stimmen, bei Großbritannien zu bleiben. Ihnen hat man die EU auch als Schreckgespenst präsentiert. Und nur Wochen später geht es dann auf einmal darum, dass Großbritannien als Ganzes die EU verlässt. Für mich ist das eines der dunkelsten politischen Kapitel, die ich bisher miterlebt habe.

Ihr kommt aus Glasgow. Da kommt ihr zum Schluss natürlich nicht um diese Frage herum: Celtic oder Rangers?

Martin Doherty: Das ist eine Frage, die es wirklich in sich hat. Ich liebe Fußball! Aber ich rede darüber nicht so gern in der Öffentlichkeit, weil es die Emotionen bei den Leuten so unglaublich befeuert. Es ist schwer zu beschreiben, wie extrem das in Glasgow ist. Google einfach meinen Namen - dann findest du es schon raus.

Mit Lauren Mayberry, Martin Doherty und Iain Cook von Chvrches sprach Volker Probst

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Quelle: n-tv.de