Musik

40 Jahre Motörhead Lauter, dreckiger, Lemmy

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Sex and Drugs and Rock'n'Roll: Motörhead-Frontmann Lemmy Kilmister.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Vor vierzig Jahren schloss Lemmy Kilmister seinen Bass im Londoner The Roundhouse an, legte los und die Welt veränderte sich. Sie wurde mächtig laut und sorgte für Fiepen in den Ohren. Ein Hoch auf die Rocker von Motörhead.

Motörhead hätte es wohl nie gegeben, wenn Lemmy Kilmister andere Drogen genommen hätte. Aber der Bassist der Hippie-Band Hawkwind steht auf Speed, während alle anderen sich für Präparate interessieren, die einen eher für lange Zeit halluzinieren lassen. Das Timing stimmt nicht mehr - während Lemmy wie ein aufgezogenes Kaninchen herumhüpft, sind seine Kumpels im langsamen Drogenrausch. Umgekehrt müssen die Jungs dann auf ihren Mann am Bass warten, während der sich gerade von seinen Amphetaminen erholt.

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Nun ja, der Hübscheste war Lemmy noch nie - muss er ja aber auch nicht sein.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Die Spannungen sind zu groß: Als Kilmister 1975 in Kanada wegen Drogenbesitzes verhaftet wird, bedeutet dies für ihn das Aus bei Hawkwind. Das macht aber nichts, denn der Musiker holt sich schnell den Gitarristen Larry Wallis und den Trommler Lucas Fox ins Studio und gründet die Band Bastard. Als sein Manager leise anmerkt, dass man mit so einem Bandnamen niemals im Fernsehen auftreten könne, ändert sein Klient diesen kurzerhand in Motörhead um. Das passt, denn so werden Amphetamin-Süchtige genannt - und man tritt Ian "Lemmy" Kilmister nicht zu nahe, wenn man ihn dazuzählt.

Wie zwei aneinandergetackerte Katzen

Ein Anfang ist gemacht, aber es wird eine Weile dauern, bis die Welt das neue Rock-Trio registriert. Zwar geht die Band ins Studio, aber die Plattenfirma ist nicht sehr beeindruckt von "One Parole" und hält das Material zurück.

Drummer Taylor versucht sich zunächst bei "City Kids" als Sänger, aber laut Lemmy klingt er, als ob zwei Katzen aneinandergetackert worden wären. Dann doch lieber die Stimme von Herrn Kilmister. Die ist zwar heiser, was erhöhter Zigarettenkonsum so mit sich bringt, aber sie passt super zu dem neuen Stil. Denn der ist laut und dreckig. Eher Punk als Heavy Metal und wenn, dann vielleicht Speed Metal. Aber so etwas gibt es damals noch gar nicht - Motörhead machen den Anfang.

Lemmy Kilmister definiert seine Musik einfach nur als Rock'n'Roll, aber so laut und hart, dass sie Nachbars Garten den Garaus machen würde. In einem Interview von 2003 beschreibt der Künstler seine Musik so: "Ein Unfall, bei dem Motorrad, Auto und Bulldozer aufeinander krachen. Das Ganze eine Terz tiefer. Und wieder hoch. Nur der Motorradfahrer überlebt."

Kriegsschwein als Maskottchen

Nachdem sich die Band 1976 mit ihrer Plattenfirma verkracht, kommt "Motörhead" 1977 bei einem anderen Label heraus. Es wird nicht die letzte Auseinandersetzung mit Plattenbossen sein - die Herren wechseln in ihrer 40-jährigen Bandgeschichte 15 Mal die Firma. Aber zumindest hat man ein Maskottchen: Joe Petagno kreiert das Kriegsschwein, das fortan die meisten Platten der Band zieren wird.

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Seit 1992 sind sie Motörhead: Kilmister, Phil Campbell (l.) und Mikkey Dee.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Besetzung von Motörhead unterliegt in den ersten zwei Jahrzehnten einer Fluktuation - Wallis und Fox werden 1976 nach den missglückten Plattenaufnahmen  durch Eddie Clarke und Phil Taylor ersetzt. 1982 verlässt Clarke die Band, weil er auf keiner Coverversion von "Stand By Me" spielen will. Thin Lizzys Brian Robertson ersetzt ihn für eine Tour und ein Album. Leute kommen und gehen, aber seit 1992 kennt man unter Motörhead -neben Lemmy als Chef - Mikkey Dee am Schlagzeug und Phil Campbell an der Gitarre. Letzterer drischt schon seit 1984 auf die Gitarrensaiten.

Ein Lied wie ein Stromstoß

Doch zurück zu den Anfängen: Die ersten Jahre sind nicht einfach. Das Debütalbum "Motörhead" findet keinen reißenden Absatz, aber das sieht bei dem Nachfolger "Overkill" schon ein bisschen anders aus. Endlich findet die Band ihren Sound, dreckige Riffs, die eine laute Ehe mit dem schnellen Schlagzeug eingehen. Und über allen Lemmys Rhythmusbass. Das gefällt Punk- wie Heavy-Metal-Fans. Endlich ist der Erfolg da.

Für viele fängt die Motörhead-Geschichte folgerichtig 1979 mit "Overkill" an. Im selben Jahr erscheint "Bomber". Der Titelsong schlägt auch tatsächlich ein, aber nicht so wie der Nachfolger: "Ace of Spades". Selbst Menschen, die eher akustischen Gitarren lauschen, dürfte der Song geläufig sein. Das Lied ist wie ein Stromstoß. Mit "Ace of Spades" werden die Rocker zu einem internationalen Hit.

Produzent Vic Maile sorgt dafür, dass sich die Energie der Live-Auftritte ins Studio überträgt, der Sound aber professioneller klingt. Kilmister wird später sagen, dass Maile ihm beigebracht hat, zu singen und nicht zu schreien.

Keyboards und Headbangen

Die nächsten Jahre sind von erfolgreichen Tourneen und Alben geprägt, aber ebenso von Bandstreitereien und Ärger mit Plattenfirmen, der vor Gericht landet. Richtige Kracher-Alben wie "Ace of Spades" gibt es nicht. Anfang der 90er Jahre wagt die Band einen Soundwechsel: Auf "1916", das 1991 erscheint, hört man verstärkt Keyboards!

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Gib Stoff, Lemmy!

(Foto: imago/Manngold)

Doch diese sanften Töne halten sich nicht. Bei Alben wie "Bastards" (1993) und "Sacrifice" (1995) ist wieder Headbangen angesagt - wie bei den nächsten Produktionen, es wird nicht mehr viel experimentiert. Aber die Anhänger lieben es. Und es werden zur großen Freude von Kilmister immer mehr. Besonders in Deutschland hält man den Rockern weiterhin die Treue: "Kiss of Death" wird 2006 zum hierzulande erfolgreichsten Album der Band und schafft es bis auf Platz 4 in den Charts.

Sex & Drugs & Rock'n'Roll

Dass Motörhead nicht aufs Abstellgleis gestellt werden, liegt wahrscheinlich auch an der sagenumwobenen Gestalt von Lemmy Kilmister, der das Klischee von Sex and Drugs and Rock'n'Roll wirklich lebt. Mit über tausend Frauen will er geschlafen haben. Für Jahrzehnte war seine Ernährung eher flüssig - eine Flasche Whiskey mit Cola und jede Menge Speed.

Dass er in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiern kann, ist ein kleines Wunder. Denn schaut man mal genauer hin, hat er natürlich gesundheitliche Probleme. Wenn man ihn heute sieht, wirkt der Engländer fast zerbrechlich.

Verschweigen darf man aber natürlich auch nicht Lemmys berüchtigte Sammlung von Nazi-Erinnerungsstücken - die SS-Uniformen, Messer, Teller und was es nicht alles gibt. Nein, Kilmister ist sicher kein Nazi. Aber das unreflektierte Tragen von Nazi-Kleidung oder das Schwärmen über Hitlers Charisma lässt einen schon schwer schlucken. Am liebsten möchte man ihn schütteln. Aber das ist Kilmister herzlich egal - passend zur Bad-Boy-Legendenbildung.

Fast 70 - und der Mann steht immer noch auf der Bühne. Ein bisschen wackelig, aber er steht. 40 Jahre Motörhead müssen schließlich gefeiert werden. Am 28. August erscheint das sage und schreibe 22. Studioalbum von Motörhead mit dem Titel "Bad Magic". Darauf befindet sich ein Cover des Stones-Klassikers "Sympathy for the Devil". Und auch das ist irgendwie passend.

Quelle: n-tv.de

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