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"I killed Kurt Cobain" The Jesus & Mary Chain lärmen wieder

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Raufen sich nach knapp 20 Jahren wieder zusammen: Jim (l.) und William Reid alias The Jesus & Mary Chain.

(Foto: Steve Gullick / Warner Music)

10-Minuten-Konzerte mit dem Rücken zum Publikum - so beginnen sie ihre Karriere 1984. Ein Konzertabbruch nach 15 Minuten - so beenden sie sie 1998. Dazwischen werden The Jesus & Mary Chain Kult. Jetzt kehren sie mit neuem Album zurück.

Es gibt Bands, bei denen sofort die Kult-Sirene angeht. Nicht selten Bands, bei denen eines ihrer prominenten Mitglieder früh gestorben ist: die Sex Pistols etwa für die Punk-Szene, Joy Division für den New Wave oder Nirvana für den Grunge. Doch man muss nicht zwangsläufig den Löffel abgeben, um sich die Achtung von Musik-Liebhabern zu verdienen. So sind die beiden Gründungsväter von The Jesus & Mary Chain, die Brüder Jim und William Reid, noch quicklebendig, auch wenn sie sich gegenseitig durchaus schon ein ums andere Mal an die Gurgel gegangen sind.

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"Wir wollten uns nach jeder Tour gegenseitig umbringen. Und nach der letzten haben wir es versucht", sagte Jim Reid, nachdem sich er und sein Bruder 1998 scheinbar ein für alle Mal verkracht hatten. Unmittelbar vorausgegangen war ein ausverkauftes Konzert der Band in Los Angeles, bei dem Jim Reid so betrunken war, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Und das William Reid nach rund einer Viertelstunde abbrach, indem er wütend die Bühne verließ. Schon in all den Jahren zuvor hatten die Brüder als ähnliche Streithähne wie etwa das Oasis-Doppel Liam und Noel Gallagher gegolten. Trotzdem hielten sie es immerhin 14 Jahre als Band und sechs Studioalben lang zusammen aus.

"Die beste Band der Welt"

Angefangen hatte alles 1984 im schottischen East Kilbride, im Umfeld von Punk, New Wave und Gothic, das damals die musikalische Szenerie in Großbritannien prägte. Und die Reid-Brüder gaben sich mit ihren Mitstreitern, die im Laufe der Zeit oft wechseln sollten, bei ihren Auftritten bewusst rotzig. Meist dauerten ihre Konzerte kaum länger als zehn Minuten, in denen sie mit dem Rücken zum Publikum ihre Instrumente malträtierten, kein Wort sprachen und Fotografen bespuckten. Jim Reid stimmte seine Gitarre erst gar nicht und der Bassist empfand zwei Saiten als durchaus ausreichend. Nicht selten waren Drogen im Spiel. Und aus den Boxen quoll dabei vor allem eins: Lärm.

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Doch trotz oder gerade wegen des fröhlichen Zelebrierens von scheinbarem Dilettantismus und Provokation war The Jesus & Mary Chain die Aufmerksamkeit gewiss: die der Öffentlichkeit, die eine neue Skandalband aufziehen sah, und die der Musikbranche, die rasch das Potenzial der Gruppe erkannte. So hatten The Jesus & Mary Chain alsbald nicht nur einen Plattenvertrag mit einem großen Label in der Tasche, sondern konnten sich auch der Unterstützung des prominenten BBC-Moderators John Peel sicher sein. Der "New Musical Express" (NME) verstieg sich sogar zu der Aussage, The Jesus & Mary Chain seien "die beste Band der Welt".

Männer, die auf Schuhe starren

Denn so dilettantisch, wie sich die Gruppe gab, war sie bei Weitem nicht. Das wurde spätestens klar, als ihr Debütalbum "Psychocandy" erschien. Darauf verwob sie Gitarrenlärm der Marke The Stooges mit Punk, Gothic, Beach-Boys-Melodien und Soundgewittern zu einer bis dato einzigartigen Melange, in der die Rückkopplung quasi zur Kunstform erhoben wurde. Auf dem zweiten Album "Darklands" fuhr die Band den Lärm-Faktor deutlich zurück und stellte stattdessen ihre bittersüßen Melodien in den Vordergrund. Beide Werke tauchen etwa im Buch "1001 Alben: Musik, die Sie hören sollten, bevor das Leben vorbei ist" auf, in dem internationale Rezensenten Meilensteine der Musikgeschichte vorstellen.

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"Shoegazing" war das Label, das man der Musik von The Jesus & Mary Chain zunächst anheftete. Aufgekommen war es irgendwann als ironischer Begriff in der britischen Presse, der darauf anspielte, dass die Musiker bei ihren Auftritten meist in Richtung ihrer Schuhe starrten - tatsächlich wohl, um ihre Gitarren-Pedale im Blick zu haben. Für die Alternative-Musik sollte der Sound trotz der lustigen Umschreibung indes für viele Jahre prägend sein.

Comeback mit Scarlett Johansson

Ihren Streit haben die Brüder Jim und William Reid bereits 2007 geschlichtet. Damals traten sie beim Coachella-Festival erstmals wieder gemeinsam live auf, inklusive Unterstützung von Schauspielerin Scarlett Johansson beim Song "Just Like Honey". Es folgten einige weitere Konzerte und Festival-Auftritte. Doch für ein neues Album mussten noch einmal zehn Jahre ins Land ziehen. Jetzt ist mit "Damage And Joy" das erste Werk der Band seit knapp 20 Jahren erschienen.

Produziert wurde das Album von Martin Glover, besser bekannt als Youth. Er ist nicht nur Bassist der Alternative-Urgesteine Killing Joke, sondern arbeitete als Produzent schon mit Künstlern von The Verve über U2 bis Guns N' Roses zusammen.

Das gewisse Maß an Provokation

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Musikalisch mutet "Damage And Joy" ein wenig wie ein Parforceritt durch die früheren Schaffensphasen von The Jesus & Mary Chain an. Songs wie der Opener und die erste Single "Amputation", "Get On Home" oder "Facing Up The Facts" wecken lärmige Assoziationen an "Psychocandy"-Zeiten. "War On Peace" kommt verträumt wie ein Lied vom "Darklands"-Album daher. "All Things Pass" oder "The Two Of Us" erinnern an die eher poppige Phase, die die Gruppe seinerzeit mit ihrem dritten Album "Automatic" einschlug. Und bei Songs wie "Los Feliz (Blues And Greens)", "Black And Blues" oder "Can't Stop The Rock" wird so entspannt geschrammelt wie auf dem 1994er Album "Stoned And Dethroned".

Wie auf den beiden letzten Alben vor ihrem Split 1998 haben sich die Reid-Brüder auch diesmal weibliche Unterstützung beim Gesang geholt. Vier verschiedene Sängerinnen sind bei 6 der insgesamt 14 Songs zu hören - darunter etwa US-Songwriterin Sky Ferreira und Linda Fox, die jüngere Schwester von Jim und William Reid. Und mit einer Textzeile wie "I killed Kurt Cobain, I put the shot right through his brain" ("Ich habe Kurt Cobain getötet, ich habe ihm direkt durchs Gehirn geschossen") im Song "Simian Split" liefern The Jesus & Mary Chain auch das gewisse Maß an Provokation, das man von ihnen gewöhnt ist. "Es ist Fiktion und sollte nicht zu ernst genommen werden", sah sich Jim Reid im Gespräch mit dem Musikportal "Pitchfork" bereits genötigt, die Textpassage zu relativieren.

So gesehen haben die Reid-Brüder alles richtig gemacht und dürften mit "Damage And Joy" ins Schwarze treffen. Davon überzeugen kann man sich demnächst auch bei vier Deutschland-Konzerten in Darmstadt (20.4.), Hamburg (21.4.), Berlin (24.4.) und Köln (25.4.), wobei die Shows in Hamburg und Berlin bereits restlos ausverkauft sind. Bleibt nur noch zu hoffen, dass nicht wieder einer der beiden mitten im Set die Bühne verlässt.

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Quelle: n-tv.de

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