Musik

Ina Müller plant voraus Wir sprechen uns noch vor der Rente wieder

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Füße stillhalten, Maske auf, Hände waschen, abwarten.

(Foto: Sandra Ludewig)

"55" heißt das neue Album, es ist ihr drittes mit einer Zahl im Titel, und das Wort "Zahl" ist statt "Alter" ganz bewusst gewählt, obwohl Ina Müller nun wirklich kein Problem damit hat, zu ihrer Zahl zu stehen. Es gibt ja Künstlerinnen und Künstler, denen ziemlich schnell die Themen ausgehen. Sie machen ein gutes Album, vielleicht zwei - und spätestens beim dritten besteht alles nur noch aus Wiederholungen und Selbstzitaten. Und dann gibt es Ina Müller. Auf ihrem neuen Album stellt sie zwölf neue Songs vor, die ganz verschieden und doch völlig logisch sind. Ina Müller kann alles - von Wohnungssuche bis Eichhörnchen, von Rockröhre bis Chanteuse. Mit ntv.de spricht sie über Rauchen, Rente (nicht ihre) und Kanzlerinnen-Optionen.

ntv.de: Als wir uns zum Album "48" getroffen haben, vor sieben Jahren, da sagtest du bereits: "So ein Virus nimmt keine Rücksicht auf den Terminplan." Da handelte es sich allerdings "nur" um eine blöde Grippe, die dich lahmlegte …

Ina Müller: Oh Mann, ich erinnere mich! Aber jetzt ist es schon was anderes …

Wie fühlst du dich denn im Moment?

Ich schätze mal, so wie alle: Füße stillhalten, Maske auf, Hände waschen, abwarten. Mehr kann man ja nicht machen. Ich habe meine Tour auch direkt auf Anfang 2022 verlegt - ich glaube nicht, dass 2021 Konzerte stattfinden können in den Hallen.

Es gibt Kollegen, die sich fragen, wie es weitergehen soll.

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Sie hat ihre Tour verschoben auf 2022 ...

(Foto: Sandra Ludewig)

Zum Überleben braucht man erstmal Geld, das ist das Wichtigste. Klar ist es nicht schön, wenn wir nicht mehr auftreten können, aber was soll man machen? Natürlich müssen wir, die wir mehr Reichweite haben als andere, auf den Status quo hinweisen, für die Community sprechen. Wenn ich toure, dann toure ich mit einem Team von 54 Leuten, angefangen beim Busfahrer Bernie, der mir ans Herz gewachsen ist, bis in alle Gewerke. Wir haben viele Paare dabei - und wenn beide jetzt nicht arbeiten können, das ist hart. Also es geht erstmal um Geld, denn da hat man schon Angst, wenn gar nichts mehr reinkommt! Es geht darum, die Leute, die für die Kunst arbeiten, nicht zu vergessen.

Auf deinem neuen Album singst du "Uns rennt die Zeit davon" ...

… wenn du sie lässt.

Ina - wir steuern krass auf die Rente zu … Wie halten wir denn mal die Zeit an?

Na gar nicht, wir lassen alles schön weiterlaufen. Da mussten schon unsere Urahnen durch und das schaffen wir jetzt auch. In der Kindheit vergeht die Zeit tatsächlich langsamer, ich weiß ja auch nicht, wie das kommt.

Du lässt dir jedenfalls Zeit zwischen deinen Alben. Ich hoffe, du wartest mit dem nächsten nicht, bis ich in Rente bin.

Ich mache nur ein neues Album, wenn mir wieder genug Themen einfallen. So uninspiriert dahingeklatscht gibts bei mir nicht.

Du hast ja auch noch was anderes zu tun.

Das stimmt, ich liebe meine Sendung auch sehr, aber ich will unbedingt wieder auf die Bühne. Vielleicht machen wir dann aber lieber ganz bald nochmal ein Interview, kurz bevor du in Rente gehst.

Mit angucken, nicht am Telefon.

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Sag' mir, dass alles gut wird!

(Foto: Sandra Ludewig)

Das fände ich auch sehr schön. Ist jetzt ja der Situation geschuldet. Aber wenn das alles ist, worauf man momentan verzichten muss, dann stecken wir das locker weg.

Wie habt ihr denn "Inas Nacht" eigentlich aufgezeichnet?

Das war schon etwas anders. Die Sendung lebt ja von der Nähe, die ich mit meinen Gästen habe - eng auf der Bank, Nase an Nase, angetrunken etwas rumkumpeln. Jetzt mussten wir die Musik nach draußen verlagern und Abstand halten. Die Shantys mussten leider auch zu Hause bleiben. Ich würde nächstes Jahr gerne so weitermachen wie früher, mit allem Drum und Dran. Es gibt diese Tage, da renne ich durch die Wohnung und sage mir, dass alles gut wird. Aber es gibt auch die Tage, an denen ich gar nicht erst aufstehen möchte.

Wie in deinem Song "Eichhörnchentag“ beschrieben?

Ja, dann kriech' ich unter die Decke und wünsche mir, dass der liebe Gott alles weggemacht hat, wenn ich wieder unter der Decke hervorkrabbele.

Normalerweise habe ich immer einen Plan B. Und C. Kann bis Z gehen. Aber das funktioniert gerade nicht, ich bin machtlos.

Es ist eine wirklich ungewohnte Situation. Und die Maske zu tragen ist dabei das kleinste Problem ...

Ganz schön ist die ja, wenn man einen Pickel am Kinn hat …

... oder über 50 ist. Masken sind eigentlich nur für die jungen, sehr hübschen Menschen doof!

Ist "55" ein Corona-Album?

Nein, da hab ich schon im November 2019 mit angefangen, und das ging dann in den ersten Lockdown hinein. Da haben wir dann im Februar schon gedacht, dass sich das mit dem Virus und der Welt grad gar nicht gut anhört, haben aber noch den 85. Geburtstag meiner Mutter in großer Runde mit vielen älteren Menschen gefeiert.

Berührungen und Nähe und Menschenmassen kommen einem ja inzwischen recht unwirklich vor …

Ja, Wahnsinn oder? Wie wir das adaptiert haben. Wenn ich jetzt einen Film aus der "Vor-Corona-Zeit" sehe, denk ich mittlerweile sogar: "Hey, das darfst du nicht, nicht so nah ran da!" Das macht mir ein bisschen Sorge, dass wir da eine andere Haltung im wahrsten Sinne des Wortes einnehmen.

Lass uns über was anderes sprechen: "Rauchen"!

Sehr gerne. Auch wenn der Song natürlich keine Glorifizierung der Zigarette sein soll - ich weiß, wovon ich rede! Bei mir hat das Nichtraucher-Gesetz voll funktioniert: Ich habe erst weniger, dann gar nicht geraucht und bin letztendlich als Genussraucher da rausgekommen. Aber ich finde, diese Rauchjahre durch die Pubertät und die Zwanziger und Dreißiger hatten eine gewisse Rauchkultur. Das heißt, ich habe immer mit den Rauchern abgehangen - hätte ich nie geraucht, wäre mein Leben sicher ganz anders verlaufen. Andere Leute, andere Geschichten.

Die Raucher waren jedenfalls draußen oder hinten …

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Manchmal will sie gar nicht erst aufstehen.

(Foto: Sandra Ludewig)

… im Flugzeug ja schon immer hinten, in Restaurants irgendwann auch. Und während die Nichtraucher aus dem vorderen Bereich schon längst wieder zu Hause waren, haben die Raucher hinten erst angefangen zu essen und zwischendurch ohne Rücksicht weiter gequalmt. Die Raucher waren immer die Letzten und es war immer lauter und lebendiger. Vielleicht, weil sie schon wussten, dass sie nicht so alt werden wie die Nichtraucher, und deshalb mehr Gas geben. Am fiesesten war es aber im Flieger. Wenn wir Langstrecke geflogen sind und schön bei den Nichtrauchern gesessen haben und nur zum Rauchen nach hinten gingen. Und wenn die Bahn kam, hat man den Waggon gesucht mit der Zigarette drauf …

… heute achtet man auf den Waggon mit dem Fahrrad drauf …

… und wird trotzdem rausgedisst.

Bist du eigentlich froh, dass wir "die Mutti" noch zur Kanzlerin haben?

Ja, auf jeden Fall! Stell dir mal vor, wenn nicht! Früher dachte ich immer, dass nur dicke große Männer, die einschläfernde Reden halten, Kanzler werden können. So wie Helmut Kohl. Da wird mir schon ein wenig angst und bange, was nach Angela Merkel kommen wird. Als emanzipierte Frau ist mir echt ein bisschen mulmig, wenn ich an die nächste Wahl denke. Sowohl Friedrich Merz als auch Markus Söder sind für mich ein Schritt zurück, von da wo wir jetzt schon sind.

Wen würdest du denn wollen?

Ich würde Ursula von der Leyen wollen, die hat so viel richtig gemacht. Aber die macht ja jetzt Europa. Ich finde sie schlau und besonnen, und durch ihre vielen Kinder ist sie dran am Zahn der Zeit. Die weiß also auch, was die jungen Menschen bewegt. Plus: Sie ist eine Frau und sie kann zig Fremdsprachen. Aber die kommt nicht zurück, oder?

Glaub' ich auch nicht, dass sie nochmal hier antritt, vor allem, wenn man sich mal klarmacht, wie schlecht man in dem Amt der Kanzlerin behandelt wird.

Stimmt. Ach, ich hoffe, dass Frauen sich in ihren Positionen noch mehr trauen, so zu netzwerken und die Strippen zu ziehen, wie Männer das machen.

Wir lernen stetig dazu.

Ja, und ich bin gespannt, wie wir beide bei unserem nächsten Gespräch auf die jetzige Zeit zurück blicken. Ob dann wohl alles wieder normal ist?

Mit Ina Müller sprach Sabine Oelmann

Die Tour Ina Müller & Band startet am 2. Januar 2022 in der Hamburger Elbphilharmonie und endet am
4. Dezember 2022 in Fulda

Quelle: ntv.de