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Unter dem Joch der Pandemie Stell dir vor, es ist ESC …

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Schluss mit dem Versteckspiel! Der ESC 2021 ist eröffnet (im Bild: Anxhela Peristeri aus Albanien).

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die Proben laufen längst. Das erste Halbfinale steht schon vor der Tür. Und nun ist der Eurovision Song Contest auch offiziell eröffnet - trotz Corona. Doch die Pandemie lastet wie ein bleierner Schleier auf der Veranstaltung. Daran ändert auch ein türkisfarbener Teppich nichts.

"Stell dir vor, es ist Krieg - und keiner geht hin", hieß es mal in den 80ern, als der Eurovision Song Contest (ESC) noch auf den altehrwürdigen Namen Grand Prix Eurovision de la Chanson hörte. Rund 30 Jahre später könnte man die Parole von einst mal eben so umtexten, dass sie zwar deutlich weniger martialisch, aber noch immer schier unglaublich klänge: Stell dir vor, es ist ESC - und keiner geht hin.

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Eine Pandemie ist natürlich kein Grund, auf skurrile Outfits zu verzichten - das finden auch Samanta Tina (l.) aus Lettland und ihr Gefolge.

(Foto: picture alliance / ANP)

Nun ist der ESC per se natürlich keine Völkerschlacht, auch wenn einem das bei manch politisch getriebener Punktevergabe in der Vergangenheit durchaus in den Sinn kommen könnte. Ganz im Gegenteil hat er sich der Völkerverständigung verschrieben und ist tatsächlich eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen die europäische Integration noch immer mehr recht als schlecht zu funktionieren scheint.

So hat ihn seit inzwischen 65 Jahren noch nichts aus den Angeln gehoben. Nun gut, ein vom ehemaligen EU-Beitrittskandidaten zur Erdogan-Autokratie gewandelter Wackelkandidat wie die Türkei ist jetzt schon seit ein paar Jahren nicht mehr mit von der Partie. Weißrussland wurde in diesem Jahr sogar disqualifiziert, weil das Land unbedingt mit einer Hymne auf seine Diktatur antreten wollte. Und Ungarn hat sich selbst aus dem Spiel genommen. Aus unbekannten Gründen, wie es heißt. Doch gemunkelt wird, dem vom Rechtsaußen Viktor Orban regierten Land sei der Contest nun mal einfach "zu schwul".

"Perfekte Harmonie"

In seinen Grundfesten erschüttert hat all das den ESC, an dem auch 2021 immerhin 39 Länder teilnehmen, jedoch nicht. Auch nicht der Nahost-Konflikt. Während der mal wieder heftig eskaliert, singt Eden Alene für Israel in ihrem Partysong "Set Me Free" in Rotterdam irgendwas von "perfekter Harmonie". Sogar der Sorge, höchstselbst ins Visier von Terroristen zu geraten, trotzte der Contest in den vergangenen Jahren selbstbewusst, freilich um den Preis drastisch verschärfter Sicherheitsvorkehrungen.

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Eden Alene vertritt in diesem Jahr Israel.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Um den ESC in die Nähe der Implosion zu rücken, brauchte es schon etwas viel Kleineres als politischen Zwist, Homophobie oder Terror: ein Virus. 2020 brachte Corona den Contest komplett zur Strecke. 2021 dagegen wird er zwar stattfinden, jedoch in noch nie da gewesener Form. Stell dir vor, es ist ESC - und keiner geht hin? Nicht ganz. Aber von der sonst üblichen Volksfeststimmung ist der Contest in diesem Jahr ungefähr genauso weit entfernt wie Deutschland zuletzt vom ESC-Sieg.

Dass der ESC 2021 in jedem Fall stattfinden würde, entschied die Europäische Rundfunkunion (EBU) bereits im Oktober vergangenen Jahres. Einige mögen das für ganz schön forsch gehalten haben. Doch im Lichte der aktuellen Situation war die Entscheidung sicherlich richtig. Im Kampf gegen die Pandemie braucht es auch Hoffnungsschimmer - und sei es "nur" für die Millionen, die den Contest vor den Fernsehgeräten verfolgen werden. Dass Corona dennoch wie ein bleierner Schleier über der Veranstaltung liegt, lässt sich definitiv nicht wegdiskutieren.

Corona schlägt zu

Wenn alles gut geht, dann finden die ESC-Shows nicht nur mit immerhin 3500 Live-Zuschauern in der Rotterdamer Ahoy-Arena statt. Dann werden auch die Teilnehmer ihre Songs live auf der Bühne performen - abgesehen von der australischen Sängerin Montaigne, die das Risiko der weiten Anreise doch lieber von Vornherein ausgeschlossen hat. Zugleich aber gibt es Notfallszenarien für alle Eventualitäten. Bis zuletzt bleibt offen, ob das Publikum nicht doch noch ausgesperrt oder der eine oder andere Beitrag lediglich per Video eingespielt wird.

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Für die Probe standen Daoi & Gagnamagnio aus Island noch auf der Bühne - die Eröffnungsfeier aber fand ohne sie statt.

(Foto: picture alliance / ANP)

Die Teilnehmer - egal, ob Künstler, Delegationsmitglieder, Veranstalter oder Journalisten - durchlaufen tagtäglich einen Test-Marathon. Ansonsten ist Abstand halten angesagt. Treffen mit Menschen außerhalb des eigenen Zirkels sind tabu - auch und gerade für die Interpreten, die sich so untereinander kaum kennenlernen. Doch auch für die Fans ist wenig geboten. Partystätten, in denen der Wettbewerb sonst stets gefeiert werden darf, gibt es in Rotterdam nicht. Lediglich online wurde ein virtuelles "Eurovision Village" errichtet.

All dies konnte jedoch nicht verhindern, dass Corona auch beim ESC bereits unerbittlich zugeschlagen hat. Am Wochenende musste zunächst die polnische Delegation vermelden, eine positiv getestete Person in den eigenen Reihen zu haben. Wenig später überbrachte auch das Team aus Island eine gleichlautende Hiobsbotschaft. Die Folge: Die Abgesandten beider Länder befinden sich derzeit samt und sonders in Quarantäne. Die offizielle Eröffnung des Contests auf einem türkisfarbenen Teppich im Hafen von Rotterdam am Sonntagabend mussten sie sausen lassen.

Bruno Mars und Xbox

Doch auch die Delegationen aus Rumänien und Malta verpassten neben der ohnehin nicht anwesenden Crew aus Australien das Schaulaufen. Weil sie im selben Hotel wie die Mitstreiter aus Polen und Island untergebracht sind, stehen sie vorerst unter Beobachtung. Stell dir vor, es ist ESC - und zumindest fünf können schon mal nicht hin. Ein unbeschwertes Freudenfest sieht irgendwie anders aus. Darüber konnte auch der 200 Meter lange türkisfarbene Teppich nicht hinwegtäuschen.

Er hänge im Hotelzimmer ab und gucke Bruno-Mars-Videos, antwortete etwa Großbritanniens ESC-Hoffnung James Newman auf die Frage, was er denn in Rotterdam so mache, wenn gerade keine Probe in der Ahoy-Arena anstünde. Uku Suviste aus Estland dagegen freute sich darüber, dass ihm jemand eine Xbox vorbeigebracht hat. So könne er in der freien Zeit wenigstens ein bisschen zocken. Vermutlich nicht die schlechteste Möglichkeit, die Zeit bis zu seiner Teilnahme am zweiten Halbfinale am Donnerstagabend totzuschlagen.

Deutsche Nominierung ohne Tamtam

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Bis auf den türkisen Teppich hat er es bereits geschafft: Deutschlands ESC-Kandidat Jendrik.

(Foto: picture alliance/dpa/Sputnik)

Noch ein bisschen länger bibbern, ob es mit seinem ersten großen Einsatz in Rotterdam wirklich klappt, muss Jendrik. Der deutsche Teilnehmer ist schließlich für das ganz große Finale am Samstag bereits gesetzt. Seine Nominierung in diesem Jahr passt irgendwie zu einem Pandemie-ESC, der auch in der öffentlichen Wahrnehmung bislang ein Schattendasein zu fristen scheint. Dass der Hamburger mit seinem Gute-Li-La-Laune-Song "I Don't Feel Hate" aufs Schild gehoben wurde, wurde geradezu beiläufig an einem Samstag bekannt gegeben. Eine öffentliche Debatte über seine Ernennung blieb danach fast vollständig aus. Ganz anders als beim letztlich abgesagten ESC 2020, als die Nominierung von Ben Dolic ohne den von vielen Fans liebgewonnenen Vorentscheid noch mit ebenso viel Tamtam wie Kritik begleitet wurde.

Glaubt man den Buchmachern, dann ist Deutschland auch in diesem Jahr so weit vom ESC-Sieg entfernt wie die Veranstaltung in Rotterdam von Volksfeststimmung. Doch noch ist ja nicht aller Tage Abend. "Am Ende der Schlacht zählt man die Toten", lautet ein weiterer martialischer Spruch. Auch das trifft freilich auf den ESC zu: Erst ganz am Ende des Contests werden die Punkte gezählt.

Quelle: ntv.de

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