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Berlin bietet Athen Hilfe an Was wir wissen zum Brand in Moria - und was nicht

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Menschen flüchten in der Nacht mit dem, was sie tragen können vor den Flammen im Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos.

(Foto: dpa)

Moria ist ein Raub der Flammen geworden. Europas größtes Flüchtlingscamp ist in der Nacht niedergebrannt. Noch ist vieles unklar - was wir wissen über die Situation auf der griechischen Insel Lesbos und was nicht.

Was ist in Moria passiert?

In der Nacht sind im und um das Flüchtlingslager Moria herum an mehreren Stellen Feuer ausgebrochen. Die Flammen haben sich schnell in dem Lager auf der griechischen Insel Lesbos ausgebreitet, wie der Bürgermeister vom nahe gelegenen Mytilini dem privaten Radiosender Skai sagte. Die Brände sind inzwischen weitgehend unter Kontrolle. Der Präsident der Feuerwehrgewerkschaft sagte am Morgen, das Camp sei "zu 99 Prozent abgebrannt". Das Staatsfernsehen zeigte Bilder von verkohlten Containerwohnungen und verbrannten Zelten rund um das Camp.

Was ist die Brandursache?

Ob die Brände von Migranten oder Inselbewohnern gelegt wurden, blieb vorerst unklar - die Angaben dazu gingen zunächst auseinander. Vorangegangen waren Unruhen unter den Migranten, weil das Lager seit voriger Woche nach einem ersten Corona-Fall unter Quarantäne gestellt worden war. Nach Ausbruch des Feuers hätten Lagerbewohner die Feuerwehrleute mit Steinen beworfen und versucht, sie an den Löscharbeiten zu hindern, berichtete der Einsatzleiter im Fernsehen. Die griechische Regierung spricht von Brandstiftung und hat die Sicherheitseinheiten auf der Insel verstärkt.

Gibt es Verletzte oder Tote?

Es gibt nach Angaben der Feuerwehr auf Lesbos keine Verletzte oder Tote. Mehrere Menschen zogen sich aber leichte Rauchvergiftungen zu.

Wie viele Menschen leben in dem Flüchtlingslager?

Aktuell sind es nach Angaben des griechischen Gesundheitsministeriums 12.600 Menschen, zeitweise waren es sogar rund 20.000 Menschen. Eigentlich ist das Lager nur für 2800 Menschen ausgelegt. Unter den Lagerbewohnern sind auch 400 unbegleitete Kinder und Jugendliche. Über die Zustände in dem Camp wird seit Monaten heftig diskutiert.

Wo sind die Menschen jetzt?

Das Lager wurde noch in der Nacht evakuiert. Viele der Migranten flohen in die umliegenden Wälder und auf Hügel, andere machten sich auf den Weg zur Inselhauptstadt Mytilini, wie griechische Medien berichteten. Stellenweise sollen sich ihnen Inselbewohner entgegengestellt und ihnen den Weg versperrt haben. Einige werden inzwischen auf einer Autobahn von der Polizei überwacht. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie viele Menschen auf dem Asphalt liegen, manche mit einer Decke oder Jacke. Der Grund für diese Maßnahme ist, dass einige von ihnen mit dem Coronavirus infiziert sind, weshalb das Lager auch unter Quarantäne steht. Aktuell soll es unter den Bewohnern 35 nachgewiesene Corona-Fälle geben.

Was passiert jetzt mit den Menschen?

Man wisse nicht, wo die Menschen nun untergebracht werden sollten, sie seien obdachlos. Auch für die Einheimischen sei die Situation eine enorme Belastung. "Die Insel Lesbos hat den Ausnahmezustand erklärt", sagte ein Regierungssprecher dem Fernsehsender ERT. Am Morgen war ein Treffen der Regierung geplant, "um die Situation in Moria und die nötigen Maßnahmen zu erörtern". Der griechische Innenminister sowie die Verantwortlichen des Corona-Krisenstabes wollen sich zudem ein Bild von der Lage vor Ort machen und am Abend bekannt geben, wie es weitergehen solle, teilte Regierungssprecher Stelios Petsas mit. Die 400 unbegleiteten Kinder und Jugendlichen sollen schnell aufs Festland gebracht werden. Dafür hat die EU-Innenkommissarin Ylva Johansson schnelle finanzielle Hilfen zugesagt.

Wird Berlin Griechenland helfen?

Die Bundesregierung hat Griechenland nach dem Brand in Moria Hilfe angeboten. Dies kündigte das Bundesinnenministerium nach einem Telefonat von Ressortchef Horst Seehofer mit dem griechischen Migrationsminister Notis Mitarakis an. Der griechische Minister habe in dem Gespräch geschildert, "dass weite Teile der Einrichtung zerstört wurden, so dass man davon ausgehen muss, dass sie in bisheriger Form nicht mehr nutzbar ist", sagte Seehofers Sprecher. Das Bundesinnenministerium wolle zunächst mit den griechischen Behörden klären, welche Hilfe nötig ist, und diese dann "zügig und unkompliziert bereitstellen", sagte der Sprecher.

Kommen auch Flüchtlinge nach Deutschland?

Dazu gibt es noch keine Informationen, ob die Menschen in Griechenland bleiben oder tatsächlich auf EU-Länder verteilt werden. Mehrere deutsche Politiker und Vertreter von Hilfsorganisationen haben ihre Forderungen nach einer sofortigen Auflösung des größten Flüchtlingscamps Europas erneuert. Außenminister Heiko Maas forderte eine schnelle Unterstützung für Griechenland. "Dazu gehört auch die Verteilung von Geflüchteten unter Aufnahmewilligen in der EU", twitterte er. Mit der EU-Kommission und anderen hilfsbereiten EU-Mitgliedstaaten müsse Deutschland schnellstens klären, wie Griechenland unterstützt werden könne.

Die Linke forderte einen EU-Sondergipfel. "Es ist eine Schande, dass Europa Zustände wie in Moria jahrelang duldete." Der Grünen-Europa-Abgeordnete Erik Marquardt twitterte: "Ich weiß nicht, wer die Feuer gelegt hat. Aber ich weiß, dass viele wollen, dass dieser entwürdigende Ort nicht mehr existiert. Wir haben politisch versagt, jahrelang."

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Auch die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses im Bundestag, die FDP-Politikerin Gyde Jensen, fordert sofortige Hilfe. Bundesinnenminister Horst Seehofer dürfe die Aufnahme weiterer Geflüchteter "nicht länger pauschal ausschließen".

Nehmen andere europäische Länder Flüchtlinge auf?

Als erstes Land hat Norwegen am Vormittag angekündigt, 50 Flüchtlinge aus Moria aufzunehmen - vorzugsweise Familien mit Kindern. Ministerpräsidentin Erna Solberg sagte, die Entscheidung sei gefallen, als man am Morgen die Bilder von dem Feuer gesehen habe. Die Regierungsparteien in Norwegen hatten bereits im Mai entschieden, 50 Menschen aus dem Lager auf der Insel Lesbos zu holen - vorausgesetzt acht bis zehn andere Länder tun dasselbe. Angesichts des Brandes wolle man nun nicht länger warten, sagte Solberg: "In der Situation und dem Chaos, das jetzt herrscht, müssen wir einfach in Gang kommen."

Quelle: ntv.de, mau/joh/dpa/AFP