Politik

Ein Nachruf Helmut Kohl, der "ewige Kanzler"

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Bundeskanzler Helmut Kohl bei einer Wahlkampfveranstaltung in Erfurt im Februar 1990. Die Ostdeutschen küssten Kohl noch einmal wach.

(Foto: picture alliance / dpa)

Helmut Kohl führte die Regierung der alten Bundesrepublik und des wiedervereinigten Deutschlands. Er war der am längsten amtierende deutsche Bundeskanzler. Mit seinem Namen verbunden sind die deutsche Wiedervereinigung, Europa und der Euro. Aber Kohl stand auch für Reformstau, Aussitzen und Spendenaffäre.

16 Jahre lang hat Helmut Kohl die Geschicke der Bundesrepublik Deutschland bestimmt, acht Jahre lang war er Bundeskanzler des wiedervereinigten Landes. Betrachtet man sein politisches Werk, überwiegt trotz aller Kritik, die in den letzten Jahren gelegentlich geäußert wurde, das Positive. Der Pfälzer hat bereits seit langem seinen Platz als Kanzler der Einheit in den Geschichtsbüchern sicher. War er auch ein großer Kanzler? Nach seiner Abwahl hätte es durch seine Schuld fast die CDU zerlegt. Ein bedeutender Kanzler, der Großes geleistet hat, war er in jedem Fall.

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Am 4. Oktober 1982 legt Kohl den Amtseid ab. Er ist der sechste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Als Kohl 52-jährig am 1. Oktober 1982 durch den Deutschen Bundestag zum sechsten deutschen Bundeskanzler gewählt wird, glauben nur Wenige daran, dass er bis 1998 im Sessel des Regierungschefs verbleiben würde. Im Vergleich zu seinem sich weltmännisch gebenden SPD-Vorgänger Helmut Schmidt gilt er als außenpolitischer Nobody. Schlimmer noch: Kohl, der es nie schafft, Hochdeutsch zu sprechen, wird auch im eigenen Lager als tumber Provinzler verspottet. Das Wort "Birne" macht die Runde. Kein deutscher Politiker wird so oft und so böse karikiert wie er. Ein souverän auftretender Kohl auf der internationalen Bühne? Anfang der 1980er Jahre scheint das unmöglich. Obwohl Kohl mitunter außenpolitisch irrlichtert, etwa beim Gorbatschow-Goebbels-Vergleich, sollten sich seine Gegner und Kritiker gewaltig täuschen.

Kohl war ein deutscher Patriot. Selbst in den finstersten Zeiten des Kalten Krieges glaubte er daran, dass die deutsche Wiedervereinigung irgendwann auf die Tagesordnung der Geschichte kommen würde. Dass sie während seiner Kanzlerschaft wahr werden würde, damit hatte er allerdings in seinen kühnsten Träumen nicht gerechnet. Als sich die Möglichkeit dazu ergab, griff Kohl beherzt zu. Die Grundlagen, die zum 3. Oktober 1990 führen sollten, hatte er in den Jahren zuvor geschaffen - politische Beziehungen mit den Großen der Welt, mit denen Kohl - sieht man einmal von Großbritanniens widerspenstiger Premierministerin Margaret Thatcher ab - freundschaftliche Beziehungen pflegte.

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Kohl und der französische Staatspräsidenten Francois Mitterrand reichen sich am 22. September 1984 über den Gräbern von Verdun die Hand.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

1930 geboren, war Kohl der letzte Bundeskanzler, der den Zweiten Weltkrieg noch bewusst erlebt hat. Kriegserfahrungen in seiner Heimatstadt Ludwigshafen - sie war als IG-Farben-Sitz Ziel schwerer alliierter Luftangriffe - und der Tod seines geliebten Bruders Walter im November 1944 hatten großen Einfluss auf sein späteres politisches Handeln. Die Pflege und Weiterführung der von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle eingeleiteten Politik der deutsch-französischen Freundschaft und die Einbettung Deutschlands in die westliche Wertegemeinschaft waren die Leitlinien Kohlscher Außenpolitik. Die Verknüpfung von deutscher Einheit und europäischer Integration - Kohl brachte die Einführung des Euro maßgeblich mit auf den Weg - bildeten den roten Faden seiner Politik. Dazu gehörte in Kohls Augen auch Nationalstolz. Nationalismus lehnte er vehement ab.

Dafür sprang er auch über seinen Schatten. So führte Kohl die Außenpolitik der sozialliberalen Vorgängerregierung weiter. Sie beinhaltete nicht nur die Durchsetzung des von Helmut Schmidt initiierten Nato-Doppelbeschlusses. Er pflegte auch weiter den Kontakt zu den Mächtigen in der DDR, wohl wissend, dass der Schlüssel zur Verbesserung der deutsch-deutschen Beziehungen in Moskau lag. Kohl ertrug den Besuch von DDR-Staats- und SED-Chef Erich Honecker 1987 in der Bundesrepublik und ließ sogar einen Milliardenkredit für den maroden zweiten deutschen Staat zu. Trotz seines verbalen Fauxpas im Jahr 1986 entwickelte sich ein Vertrauensverhältnis zu Michail Gorbatschow, das dann für die Herbeiführung der deutschen Einheit nützlich war. Auf der anderen Seite gab es unter Kohl keine Krisen im Verhältnis zu den USA - die persönlichen Beziehungen zu den Präsidenten Ronald Reagan, George Bush und Bill Clinton waren eng und von gegenseitigem Vertrauen geprägt.

Reformer in Mainz

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Generationswechsel in Mainz: Peter Altmeier muss Kohl Platz machen.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Innenpolitisch war Kohls Image am Ende stark lädiert. Aussitzen, Stillstand, Reformstau, Spendenaffäre werden auch Jahre danach mit ihm in Verbindung gebracht. Das ist aber nicht die ganze Wahrheit: Der junge Kohl war durchaus reformfreudig und in seinem Heimatland Rheinland-Pfalz der Schrecken der alten CDU-Nomenklatura. Sie konnte es nicht verhindern, dass der politische Draufgänger 1963 als 33-Jähriger Chef der CDU-Landtagsfraktion und 1966 Landesvorsitzender wurde. Obwohl mitunter ungestüm, war Kohl auch schon in den 1960er Jahren taktisch geschickt: 1969 schaffte er es, den Langzeit-Ministerpräsidenten Peter Altmeier auf das Altenteil zu hieven und erster Mann in Mainz zu werden. Kohl öffnete die katholische Honoratiorenpartei CDU für alle Klassen und Schichten. Er setzte in Rheinland-Pfalz eine schwierige Gebietsreform um. Konfessionsschulen wurden durch Gemeinschaftsschulen ersetzt. "Sie sind Luzifer", beschimpfte deshalb ein katholischer Geistlicher Kohl. Nichtsdestotrotz: Kohl hatte seine ersten dicken Bretter gebohrt.

Schnell wurde Rheinland-Pfalz zu klein für Kohl. Sein Weg nach Bonn begann mit einer herben Niederlage: 1971 unterlag er im Ringen um den CDU-Bundesvorsitz Rainer Barzel. Aber der zweite Anlauf gelang bereits zwei Jahre später. Folgerichtig fiel ihm 1976 auch der Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion zu - mit 48,6 Prozent bei der Bundestagswahl verfehlte Kohl den Einzug in den Bonner Kanzlerbungalow nur knapp.

Beharrlichkeit und Machtwille waren Kohls Stärken. Diese Eigenschaften ermöglichten es ihm, die folgenden sechs Jahre auf der harten Oppositionsbank zu überleben. Gegen zwei mächtige Gegner hielt er stand: Helmut Schmidt und CSU-Chef Franz Josef Strauß. Die erste Bastion stürmte Kohl 1980 nach Strauß' missglückter Kanzlerkandidatur, die zweite 1982 mit Schmidts Sturz.

Von Ostdeutschen gerettet

Eine "geistig moralische Wende" wollte der neue Kanzler in der Bundesrepublik herbeiführen. Mit dieser Formulierung konnte kaum jemand so richtig etwas anfangen. Kohls anfänglicher Reformhunger erlahmte relativ schnell. Bereits 1989 waren die Westdeutschen seiner überdrüssig, und die Zeichen bei der nächsten turnusmäßigen Bundestagswahl 1991 standen auf Abwahl. Wenn nicht der von Kohl oft zitierte Mantel der Geschichte den Kanzler umhüllt hätte. Die Ostdeutschen küssten Kohl noch einmal wach.

Natürlich hat Kohl die deutsche Wiedervereinigung nicht alleine bewirkt. Die Unfreiheit in der DDR und deren ökonomischer Zusammenbruch waren die Hauptursachen. Die Menschen, die - ermutigt von den Veränderungen in der Sowjetunion - auf die Straße gingen, um gegen die SED-Herrschaft zu protestieren, bereiteten den Boden für die friedliche Revolution im deutschen Osten. Der Kanzler nutzte aber die Chance, die sich ihm bot, um sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Der ökonomisch nicht Bewanderte unterschätzte dabei die finanziellen Lasten der Wiedervereinigung. Seine "blühenden Landschaften" im Osten ließen lange auf sich warten und entstanden teilweise gar nicht. Kohls letzte Amtsperiode als Bundeskanzler von 1994 bis 1998 war eine bleierne. Kaum Bewegung, ökonomische und arbeitsmarktpolitische Reformen wurden nicht durchgesetzt. Die abendlichen Bonner Runden zum Bündnis für Arbeit brachten nicht viel. Kohls Zeit war abgelaufen - aber er wollte es sich nicht eingestehen. Dennoch bleibt festzuhalten: Ohne Kohl hätte es die Einheit wohl kaum gegeben.

Nach seiner Abwahl holten Kohl frühere Sünden ein. Sein unmöglicher Umgang mit der Spendenaffäre riss einen tiefen Graben innerhalb der CDU. Langjährige Weggefährten wie Wolfgang Schäuble oder Norbert Blüm wandten sich von ihm ab, andere wurden von Kohl im Regen stehen gelassen. Auch den CDU-Ehrenvorsitz verlor er. Es rächte sich nun, dass der Machtmensch Kohl es nie verstanden hatte, innenpolitische Beziehungen auf Augenhöhe zuzulassen. Kein Kanzler - nicht einmal Helmut Schmidt - hat sich mit seiner Partei so überworfen wie Kohl. Übermäßiger Machthunger sowie Eitelkeit und Starrsinn sorgten dafür, dass es zum Schluss um ihn ziemlich einsam wurde. Auch der Suizid seiner Frau Hannelore 2001 und die Entfremdung von seinen Söhnen, die nicht einmal seiner Hochzeit mit Maike Richter beiwohnten, verdeutlichen die Tragik des "ewigen Kanzlers" in seinen letzten Lebensjahren.

Quelle: n-tv.de

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