Politik

Berlin stimmt über Tegel ab Viel Lärm um nichts - vermutlich

Tegel Hauptgebäude

Noch werden am Terminal A Flüge abgefertigt. Die Frage ist nur, wie lange das so bleibt.

(Foto: n-tv/Ziche)

Parallel zur Bundestagswahl entscheiden die Berliner über den Erhalt des Flughafens Tegel. Oder etwa nicht? Schon seit Jahren gibt es Pläne zur neuen Nutzung. Auch die Landesregierung hat ihre Entscheidung bereits getroffen.

Wer derzeit zum Flughafen Berlin-Tegel fährt, bekommt zweierlei Ansagen. Da sind die Wahlplakate der FDP, auf denen sich Kandidat Christoph Meyer als "Tegelretter" darstellt. Und da sind die riesigen Plakate vor dem Zufahrtstunnel unter dem Rollfeld, die das "neue" Tegel anpreisen. "Flughafen zieht aus. Berlin zieht ein." steht da. Ein Unbeteiligter könnte auf den Gedanken kommen, dass sich die Hauptstadt nicht entscheiden kann, was sie mit Tegel machen soll. Dabei hat sie das eigentlich schon. 

Am Sonntag muss sich Berlin zweimal entscheiden. Gleichzeitig mit der Bundestagswahl findet eine Volksabstimmung zur Zukunft des Flughafens statt, an der alle Wahlberechtigten teilnehmen dürfen. Außerhalb Berlins ist das nahezu unbekannt. Die Sächsin Elisabeth Petzold ist auf Durchreise in Tegel. Sie weiß nur, dass die Abstimmung zusammen mit der Wahl passiert. Das Ergebnis sei für sie unwichtig, "solange ich eine Möglichkeit habe, irgendwie anzukommen". Eine Touristin aus Hamburg hat nur gehört, dass die Abstimmung "die Regierung trotzdem nicht interessiert". 

Tatsächlich entscheidet die Abstimmung nicht darüber, ob Tegel der Hauptstadt erhalten bleibt oder, wie vorgesehen und von Gegnern des Flughafens gefordert, sechs Monate nach Eröffnung des neuen Willy-Brandt-Flughafens Berlin-Brandenburg (BER) geschlossen wird. Im Grunde ist es nur eine politische Willensbekundung - unabhängig vom Ergebnis wird das Votum wohl keine tatsächliche Auswirkung haben. Rechtlich bindend ist die Volksabstimmung nämlich nicht. Das bedeutet, dass die Landesregierung auch im Fall eines positiven Ergebnisses ihre Pläne fortsetzen kann. Erst im Juni dieses Jahres stimmte das Berliner Abgeordnetenhaus gegen den Flughafen, womit die Entscheidung mehr oder weniger schon gefallen ist. 

Der Flughafen wird zum Politikum

Allerdings gibt es viele, die für den Erhalt von Tegel kämpfen, angeführt von der Berliner FDP unter Fraktionschef Sebastian Czaja. Ihrer Website zufolge kann die FDP-Initiative "Berlin braucht Tegel" auf eine Viertelmillion Unterstützer setzen. Der Verein "Tegel bleibt offen" nennt ähnliche Zahlen. Eine Umfrage vom Meinungsforschungsinstitut Civey spricht von 56 Prozent Zuspruch für Tegel. Neben der FDP positionieren sich auch CDU und AfD aufseiten des Flughafens. Sogar die irische Billigfluggesellschaft Ryanair wirbt für Tegel, obwohl sie nur Berlin-Schönefeld anfliegt.

Hinter dem Bündnis "Tegel schließen - Zukunft öffnen" stehen dagegen relativ wenige Befürworter. Die Initiatoren sprechen von "mehreren Tausend", darunter Politiker der Grünen, der Linken und auch ein FDP-Politiker. Dessen Partei hat bereits bekannt gegeben, dass sie Neuwahlen im Berliner Parlament fordern wird, sollte die rot-rot-grüne Stadtregierung einem positiven Abstimmungsergebnis nicht nachkommen. Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller von der SPD hält dagegen, dass sich durch das Votum die Rechtslage nicht verändere, deutete aber schon an, im Zweifelsfall über den Erhalt nachzudenken.

"Was spricht gegen Tegel?"

Landeanflug2

Im Schnitt starten und landen täglich rund 490 Flugzeuge in Berlin-Tegel.

(Foto: n-tv/Ziche)

Viele, die man am Flughafen trifft, sprechen sich für Tegel aus. Alexander Schmidt findet, es sei ein praktischer Flughafen. "Ich bin beruflich ständig hier. Man hat kurze Wege, er ist gut zu erreichen. Andere Flughäfen sind deutlich umständlicher." Heute geht es für ihn nach Düsseldorf. Abstimmen darf der 47-Jährige aber nicht, da er außerhalb Berlins in Brandenburg wohnt.  

Bedarf an Taxis wird es am BER auch geben, Taxifahrer Özgen Tali findet es aber trotzdem nicht in Ordnung, Tegel zu schließen: "Jede große Stadt hat zwei Flughäfen. Warum nicht Berlin?" Tali hat viele Stammkunden, die er von und nach Tegel transportiert - von keinem von ihnen habe er gehört, dass sie den Flughafen geschlossen sehen wollen.

"Ich finde, der BER ist sinnlos, das ist Geldverschwendung. Was spricht gegen Tegel?", sagt Mahdi Sarhrani. Er kehrt gerade mit einem Freund aus dem Urlaub zurück, sie waren im türkischen Antalya. Dort hätten sie eine Stunde bis zum Flughafen gebraucht. "Tegel hat eine gute Lage. Von hier ist man schnell in Mitte. Ich brauche 15 Minuten bis nach Hause", sagt der 23-Jährige. Die Anbindung sei unkompliziert. Das würde sich ändern, wenn Tegel geschlossen werde. Sarhrani wohnt in Berlin-Wedding, am Rand der Einflugschneise. Der Lärm stört ihn nicht: "Die Straßenreinigung ist lauter als die Flugzeuge." 

Kein Lärmschutz dank "Lex Tegel"

Lärmbelastung ist ein wichtiges Thema in der Debatte um Tegel. Da der Flughafen mitten im Stadtgebiet liegt, fliegen landende Flugzeuge über dichtbesiedelte Gebiete in Reinickendorf, Pankow und Spandau. Laut der Bürgerinitiative "Tegel schließen" sind über 300.000 Menschen vom Fluglärm betroffen. Die Senatsverwaltung spricht nach Stand 2017 von rund 276.000 Belasteten, die über 55 Dezibel ausgesetzt sind; davon müssen 2500 Einwohner dauerhaft mit einem Geräuschpegel zwischen 70 und 75 Dezibel leben. Das entspricht in etwa dem Lärm eines nahe vorbeifahrenden Pkws. 

Lärmschutz gibt es für die Betroffenen nicht. Im Gesetz zum Schutz gegen Fluglärm heißt es nämlich bei Paragraf 4, Absatz 7, dass ein Flughafen keine Lärmschutzbereiche festlegen muss, wenn er in den nächsten zehn Jahren geschlossen wird. "Lex Tegel" heißt diese Klausel, da nur Berlin-Tegel davon betroffen ist. 

Flugzeug über Kurt-Schumacher-Platz

Tiefflieger gehören am Kurt-Schumacher-Platz zum Stadtbild.

(Foto: n-tv/Ziche)

Am etwa einen Kilometer entfernten Kurt-Schumacher-Platz befinden sich die Flugzeuge kurz vor der Landung. Beinahe im Minutentakt donnern die Maschinen hier scheinbar nur wenige Meter über die Häuser. Geräuschpegel von 90 Dezibel sind an der Tagesordnung. Die Anwohner Markus und Kevin zucken aber nicht einmal mit der Wimper, als ein Flugzeug der Swiss über sie hinweg fliegt, während sie vor einem Restaurant zu Mittag essen. "Man merkt es kaum noch", erklärt Markus. Wie auch Alexander Schmidt und Mahdi Sarhrani würden sie für den Erhalt von Tegel stimmen, da sie häufig flögen und "keen Bock" darauf hätten, jedes Mal hinaus nach Schönefeld im Süden Berlins zu fahren. 

Damit geben die beiden ziemlich genau das Meinungsbild in der betroffenen Gegend wieder. Die 33-jährige Maria lebt an der Müllerstraße, nur wenige Minuten zu Fuß vom Kurt-Schumacher-Platz. Per Briefwahl hat sie bereits abgestimmt - für den Flughafen, und aus denselben Gründen wie Markus und Kevin. Auch Siri, die an der weiter entfernten Osloer Straße am Rande von Berlin-Wedding wohnt, kann nur Gutes über Tegel sagen. "Ich finde Tegel schön, ich kenne ihn auch so lange, wie ich Berlin kenne", sagt die 50-Jährige. An den Lärm habe auch sie sich gewöhnt. Sie fühle aber mit den Leuten, die ihre Kleingärten in Flughafennähe haben, "die sind alle betroffen". 

Garantie für die Kleingärtner 

So wirklich "betroffen" fühlt Benno sich nicht. Seinen Schrebergarten in der "Kolonie vor den Toren" direkt am Tegeler Flughafen hat der 62-jährige Bayern-Fan seit acht Jahren und kann sich nicht über enormen Lärm beklagen. "Es ist hier sehr ruhig. Wenn der Wind nicht von Norden kommt, hört man fast gar nichts", sagt er. Dabei hält er nichts vom Fliegen und bezeichnet den Flughafen als "das Dümmste, was es auf der Welt gibt."

Masterplan TXL.PNG

Die Nachnutzung des Flughafengeländes ist bereits komplett durchgeplant.

(Foto: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin)

Was aus dem Flughafen werden soll, wenn einmal keine Flugzeuge mehr dort landen, ist schon seit vier Jahren beschlossene Sache. Damals verabschiedete der Berliner Senat den "Masterplan TXL". Dieser sieht vor, das Gelände mit Forschungs- und Industrieanlagen, Wohnraum sowie Freizeit- und Erholungsangeboten zu füllen. Insgesamt sollen 9000 Wohnungen und 20.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. "Tegel als Flughafen ist Vergangenheit", sagte Klaus Lederer, Senator für Kultur und Europa, im Juli dieses Jahres. "Als Standort für Wohnungsbau, Wirtschaft und Wissenschaft ist Tegel Zukunft." 

Obwohl Benno den Flughafen nicht leiden kann, gibt dieser ihm die Garantie, dass ihm sein Kleingarten erhalten bleibt. "So seltsam es ist, werde ich am Sonntag für den Erhalt stimmen", sagt er und fährt sich durch die grauen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haare. "Viele hier haben Angst davor, vertrieben zu werden. Da leben wir lieber mit so 'ner Bestie wie dem Flughafen." 

Andere haben berufliche Gründe, den Flughafen behalten zu wollen. Gunar Eichelmann zum Beispiel. Der Mitarbeiter einer in Tegel arbeitenden Sicherheitsfirma wohnt in Oranienburg, etwa 22 Kilometer weiter nördlich in Brandenburg. Für ihn bedeutet der Umzug zum BER einen doppelt so langen Arbeitsweg. "Tegel müsste bloß saniert werden", findet er und nimmt seine Portion Pommes von Steffi Döring entgegen. Die 31-Jährige bedient hungrige Fluggäste in der "Ess-Bahn", einem zur Currywurst-Bude umgebauten S-Bahn-Waggon. Für sie hängt ihre Arbeit an Tegel: Sobald der Flughafen den Betrieb einstellt, läuft ihr Arbeitsvertrag ab und die Imbissbude schließt.

Nostalgie ist kein Argument

Es sind aber nicht alle Berliner dafür, dass Tegel bleiben soll. Der Pankower Werner Schneider ist 2010 in die Einflugschneise gezogen. Damals ging er davon aus, dass der Flughafen in zwei Jahren schließen würde. Er und seine Frau "fühlten unser Vertrauen missbraucht, wenn die Koalition ein Ja durchsetzt", sagt er. Schneider engagiert sich bei "Tegel schließen – Zukunft öffnen". Gegen die Offenhaltung würde er auch klagen, sagt er.

Martin Schlegel von der Umweltorganisation BUND Berlin sieht das ähnlich. "Der Flughafen muss schnellstmöglich geschlossen werden, damit endlich Ruhe einkehrt", sagt er. Persönlich betroffen ist er nicht, hat aber noch den inzwischen geschlossenen Flughafen Tempelhof miterlebt: "Da hatte man das Gefühl, man würde vom Balkon fallen, wenn die Flugzeuge landen." Schlegel hofft, dass sich der Trend noch dreht und die Bevölkerung gegen Tegel stimmt.

Bis Sonntag läuft der Kampf um den Flughafen weiter. Erst danach wird sich zeigen, ob Bürgermeister Müller sich doch beugt, sollte eine Mehrheit ein Ja für Tegel abgeben. Mancher Berliner hängt aus Nostalgie an Tegel - der Flughafen repräsentiert für sie ein Stück des alten Westberlin. Die Spanien-Urlauberin Brigitte Law hält davon nichts: "Das Gebäude soll ja ohnehin erhalten bleiben."

Quelle: n-tv.de

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