Fußball

Sechs Dinge, gelernt an Spieltag 13 BVB bricht das Tabu, Klopp klebt nicht

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An mein Herz: Dortmunds Trainer Jürgen Klopp und Pierre-Emerick Aubameyang in Frankfurt.

(Foto: imago/Eibner)

Steigt Borussia Dortmund aus der Fußball-Bundesliga ab? Manager Zorc will das nicht mehr ausschließen. Trainer Klopp ist ratlos, die Bilanz des Tabellenletzten desaströs. Dagegen wirken die Probleme des FC Bayern albern.

1. Der BVB steckt mitten im Abstiegskampf

Anfang November hatte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke im Bezahlfernsehen ein langes Interview gegeben. Seine Dortmunder hatten da in der Fußball-Bundesliga gerade fünfmal in Folge verloren und waren auf Platz 17 abgerutscht. Doch als das Gespräch auf einen möglichen Abstieg kam, sagte Watzke nur: "Lösen Sie sich vom Thema 2. Liga. Das war ein schöner Joke, wird aber natürlich nicht passieren." Er sei sogar froh, "dass wir genau da stehen. Spätestens jetzt hat jeder erkannt, dass das kein Selbstläufer wird".

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Leidgeprüft: Dortmunds Fans im Waldstadion.

(Foto: imago/Schüler)

Vier Wochen später hat sich die Dortmunder Borussia Platz 18 gekuschelt und sich die "Rote Laterne" mit einer Bilanz des Schreckens verdient. In zehn Partien seit dem vierten Spieltag gab es sieben Niederlagen, zwei Unentschieden und einen Sieg, den allerdings Mönchengladbachs Weltmeister Christoph Kramer mit einem Eigentor aus 44,5 Metern herausschoss.

Nach dem deprimierenden 0:2 bei Eintracht Frankfurt, bei dem sich eigenes Pech und Unvermögen sowie taktisches und individuelles Können des Gegners wieder einmal unheilvoll gegen den BVB verbündeten, brach Sportdirektor Michael Zorc nun das Tabu: "Wir sind mitten im Abstiegskampf angekommen, das muss jedem klar sein. In den letzten Wochen hat man immer noch geschaut, wie sind die Abstände nach oben. Damit ist seit dem heutigen Spiel endgültig Schluss." Es gehe jetzt nur darum, "bis Weihnachten möglichst viele Punkte zu holen, um die Abstiegsplätze zu verlassen. Alles andere wäre Schönfärberei". Die dürften sie in Dortmund inzwischen ähnlich satt haben wie die andauernden Niederlagen. In Frankfurt gab es die ersten Stinkefinger und Pfiffe Richtung Mannschaft.

2. Klopp gibt nicht auf - wirkt aber ratlos

Wegen akuten Glücksmangels warf Armin Veh am vergangenen Montag beim VfB Stuttgart hin, sein Vorgänger Huub Stevens wurde auch sein Nachfolger, und voila: In Freiburg glückte den Schwaben prompt ein glücklicher 4:1-Sieg. Ein freiwilliger Rücktritt als neues Erfolgsrezept für kriselnden Bundesligisten? Nicht in Dortmund, sagte Trainer Jürgen Klopp in Frankfurt: "Ich sehe mich hier total in der Verantwortung und stelle mich dem. Ich stehe ganz bestimmt nicht im Weg, aber ich kann auch nicht gehen, bevor es eine bessere Lösung gibt." Wenn das andere nicht mehr machen wollten, könne er "nichts daran ändern". Er glaube zwar nicht, dass es eine reine Glücksfrage sei, klebe aber nicht an seinem Stuhl: "Wenn ein Trainerwechsel das Glück zurückbringt, dann soll mich jemand anrufen und mir eine Garantie geben. Dann mache ich den Weg frei. Aber so leicht ist es nicht." In Frankfurt musste Klopp erkennen, dass seinem Team nicht nur das Glück fehlt, sondern auch die Fähigkeit, das Glück zu erzwingen.

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"Immer die gleiche Scheiße": Rafael van der Vaart.

(Foto: imago/MIS)

So wie im Januar 2014, als sich die Dortmunder mit viel Leidenschaft einen schmutzigen 2:1-Sieg beim Tabellenletzten Braunschweig erarbeiteten und aus der Krise kämpften. Damals landete in der Nachspielzeit ein Kopfball von Braunschweigs Ermin Bicakcic am Pfosten. In Frankfurt landete ein Befreiungsschlag der Eintracht nach fünf Minuten genau im Lauf von Torjäger Alexander Meier, der derart abgezockt vollstreckte, dass es den Dortmunder Chancenverschwendern doppelt weh getan haben muss. "In unserer Situation war es die denkbar ungünstigste Spiel-Entwicklung mit einem frühen Nackenschlag. Das Spiel passt insgesamt in unser Kuriositätenkabinett." Klopp klang ratlos, als er das sagte, er wirkt müde, angeschlagen, denn die Situation ist seit Wochen unverändert. Den Satz, den er womöglich lieber gesagt hätte, sprach am 13. Spieltag HSV-Kapitän Rafael van der Vaart aus. "Ich kann mich selber nicht mehr hören, immer die gleiche Scheiße zu erzählen."

3. Dortmund stirbt den Chancentod

Wie klingt Pech? Laut BVB-Homepage so, dort stand nach der Frankfurt-Pleite: "Borussia Dortmund agierte nicht wie ein Tabellenletzter, aber vorne fehlt die Durchschlagskraft, und hinten ist die Mannschaft leider immer wieder mal für ein kurioses Gegentor gut. Der BVB hatte mehr Chancen, mehr Torschüsse (17:11), mehr Ecken (8:1), aber null Glück." Die Sache mit dem Glück, die kann man ewig hin und her diskutieren. Das Kernproblem ist ein anderes: In der Chancentabelle (siehe Grafik) liegt der BVB bei erspielten Chancen (Platz 5), Torschüssen (Platz 4), zugelassenen Chancen (Platz 5) und zugelassenen Schüssen (Platz 4) im oberen Tabellendrittel. Die Dortmunder Chancenverschwendung ist Legende, in den Vorjahren spielte der BVB aus einer sicheren Abwehr trotzdem groß auf. Fatal in dieser Saison ist jedoch, dass die Dortmunder die drittwenigsten Tore (14) erzielt und die sechsmeisten Treffer kassiert haben. "Wir haben jetzt 21 Gegentore. Die haben wir schon mal in einer ganzen Saison bekommen", kritisierte Sportdirektor Zorc sein Team. Nur der Hamburger SV braucht mehr Schüsse für ein Tor als die Borussia. Aber: Nur die Gegner von Leverkusen und Hertha brauchen noch weniger Schüsse pro Gegentor als die BVB-Gegner, im Schnitt ist jeder fünfte Schuss auf den BVB-Kasten drin - weil die Borussen-Abwehr mitunter fröhlich mithilft. "Der Gegner muss wenig tun, um noch ein Tor zu machen. Wir machen viel für nichts. Das ist die Situation", sagte Trainer Klopp, wieder einmal. Wie klingt ein Dilemma? Genau so.

4. Der FC Bayern spielt in seiner eigenen Welt

In der Tabelle genau 17 Plätze vor den Dortmundern steht der FC Bayern. Wo auch sonst? Der Ausflug nach Berlin endete mit einem unspektakulären 1:0 bei der Hertha. Es bleibt dabei: Die Münchner sind bei ihrem Alleingang in Richtung Titelverteidigung nicht zu stoppen, sie spielen in ihrer eigenen Welt. Daran ändert auch nichts, dass man kräftig darüber spekulieren kann, ob die Berliner nach einer stärkeren zweiten Halbzeit ihrerseits und einem wenig inspirierenden Auftritt der Bayern nicht vielleicht doch einen Punkt verdient gehabt hätten.

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Alle Zeit der Welt: Josep Guardiola.

(Foto: dpa)

Gewonnen hat wieder der FC Bayern. In diesem Jahr spielt die Mannschaft von Trainer Josep Guardiola noch gegen Leverkusen, in Augsburg, gegen Freiburg und in Mainz. Und spätestens am 13. Dezember, zwei Spieltage vor dem Ende der Hinrunde, dürfen sie dann das feiern, was unter dem Titel Herbstmeisterschaft schon früher keine Relevanz hatte. Da kümmern sie sich in München lieber um andere Dinge. Guardiola probierte in Berlin aus, ob er die Flügelspieler Arjen Robben und Franck Ribéry auch in der Mittelfeldzentrale spielen lassen kann. Kann er. Und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge probierte aus, ob er Guardiola öffentlich dazu bewegen kann, seinen bis 2016 laufenden Vertrag vorzeitig zu verlängern. Kann er nicht. Zumindest wich der Trainer aus: "Wir haben noch viel Zeit, um das zu besprechen." Die haben sie in der Tat.

5. Roger Schmidt ist ein schlechter Gewinner

Schlechte Verlierer gibt es viele, beim Mensch-ärgere-Dich-nicht wie beim Fußball. Da wird dann gezetert, lamentiert und nach Ausreden gesucht. Mindestens ebenso schwer aber ist es, mit Stil zu gewinnen. Trainer Roger Schmidt ist das am Wochenende nicht gelungen. Da hatten seine Leverkusener den 1. FC Köln mit 5:1 zwar deutlich besiegt, aber doch nach einer Viertelstunde Glück gehabt, dass Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer kein Weltklassesprinter ist. Er verweigerte den Kölnern einen Elfmeter. Hätte er gepfiffen und der Effzeh getroffen, hätten die Leverkusener mit 0:2 zurückgelegen und das nach Gelb-Rot für Keeper Bernd Leno zu zehnt.

Schmidt hätte also durchaus Anlass für ein wenig Demut gehabt. Und er hätte auch seine Spieler loben können, allen voran sein Offensivtrio mit Hakan Calhanoglou, Karim Bellarabi und Josip Drmic. Doch Schmidt sagte: "Jeder hat seine eigene Philosophie, wie er Fußball spielen möchte. Ich könnte so nicht spielen, wie Köln heute gespielt hat. Dann wäre ich kein Trainer. Das macht mir einfach keinen Spaß." Das ist, mit Verlaub, doch arg arrogant. Wie wohltuend, dass sein Kölner Kollege Peter Stöger verhältnismäßig zurückhaltend reagierte: "Respekt kann man sich am Transfermarkt eben nicht kaufen."

6. Seferovic schießt ein Tor für Tugçe A.

Zum Schluss etwas Trauriges, etwas, dass wenig mit dem Profifußball und seinen Aufgeregtheiten zu tun hat. Haris Seferovic hat am Sonntag im Spiel gegen den BVB das zweite Tor für die Frankfurter Eintracht geschossen. Was folgte, war eine bemerkenswerte Geste: Der Schweizer Nationalspieler zog sein Trikot hoch und zeigte der Welt, was er auf sein weißes T-Shirt geschrieben hatte: "Tugçe = #Zivilcourage #Engel #Mut #Respekt". Die 23 Jahre alte Studentin war nach einem Schlag auf einem Parkplatz in Offenbach Mitte November ins Koma gefallen, aus dem sie nicht mehr erwachte. Sie soll versucht haben, einen Streit zu schlichten und zwei Mädchen zu beschützen. Am Freitag wurden in der Klinik die lebenserhaltenden Maßnahmen beendet, nachdem die Ärzte zwei Tage zuvor den Hirntod festgestellt hatten. Seferovic sagte zu seiner Aktion: "Ich denke, die Leute sollen ein Zeichen setzen. Wenn man irgendetwas sieht, soll man dazwischen gehen. Die Kleine tut mir leid und auch ihre Familie. Sie war mutig, und ich denke, alle sollten so mutig sein. Dann kann man was bewegen."

Quelle: ntv.de

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