Fußball

Klinsmann, Lehmann, Kalou Ein Jahr, in dem Hertha alles falsch machte

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Schlechte Laune.

(Foto: picture alliance/dpa/AFP-Pool)

Für Hertha BSC ist 2020 ein Jahr zum Vergessen. Angefangen beim spektakulären Facebook-Abschied von Jürgen Klinsmann bis zu den Corona-Thesen von Aufsichtsratsmitglied Jens Lehmann. Dazu kriselt es auch sportlich bei den Blau-Weißen um Trainer Labbadia massiv.

Jürgen Klinsmann, Salomon Kalou, Peter Pekarik: In einem absurden 2020 gibt es bei Hertha BSC zahlreiche Menschen mit denkwürdigen Geschichten. Während einige märchenhaft klingen, wie das überraschende Comeback des lange missachteten Peter Pekarik, sind es andere deutlich weniger: wie der Facebook-Abgang und das aufsehenerregende Tagebuch von Jürgen Klinsmann, die Corona-Ignoranz von Salomon Kalou und Virus-Verharmloser Jens Lehmann. Doch Hoffnung auf einen halbwegs versöhnlichen Jahresausklang kommt gar nicht auf. Seit dem 1. Dezember ist Carsten Schmidt, der neue "Hertha-Boss" und Vorgesetzte von Manager Michael Preetz, im Amt. In seinem allerersten "Bild"-Interview poltert der Ex-Sky-Chef, dass er "maximal unzufrieden" mit dem Saisonstart sei.

Und Schmidt hat allen Grund dazu. Sportlich gab es nach den 76 Tagen mit Jürgen Klinsmann und der Corona-Krise auch in der neuen Saison nur wenig Positives. Das spektakuläre 4:5-Erstrundenaus gegen Zweitligist Braunschweig im Pokal, 13 Punkte aus 13 Spielen, die drittmeisten Gegentore der Liga: Insgesamt eine magere Ausbeute für eine teure und ambitionierte blau-weiße Mannschaft. Die angespannte Lage reizt Trainer Bruno Labbadia zunehmend. Nach vier Partien ohne Niederlage gibt es gegen Freiburg den nächsten 1:4-Rückschlag. "Mich ärgert, wo wir hätten stehen können", schimpft er nach dem Spiel. Fast noch schlimmer: Von Platz 14 aus fehlen inzwischen acht Punkte zum Lokalrivalen Union.

Labbadia kam, um die Scherben aufzukehren

Obwohl Anspruch und Realität so weit auseinanderliegen, wird die Trainerfrage öffentlich fast gar nicht gestellt. Das ist ungewöhnlich für Hertha. Für Übungsleiter war das Olympiastadion bisher nicht immer das beste Pflaster. In seinen elf Jahren Verantwortung arbeiten mehr als ein Dutzend Cheftrainer unter Manager Preetz. Warum also nicht auch Labbadia entlassen? Im Interview auf der Internetseite des Vereins beschwichtigt Arne Friedrich, Ex-Performance-Manager-Pionier und jetzt Sportdirektor, dass das Team sich in einem "Prozess" befinde. Vielleicht sagt er das auch in dem Wissen, dass Preetz' 14. Trainer, Bruno Labbadia, diesen "Prozess" weder angestoßen, noch zu verantworten hat. Der kam erst im Frühjahr 2020, um die Scherben aufzukehren, die Klinsmann hinterlassen hatte.

Der Trainer selbst kann nur mit den Umständen arbeiten, die Preetz und Friedrich ihm bieten und die hat er sich nicht gewünscht. Ein Beispiel der Transfersommer, den sich alle Verantwortlichen anders vorgestellt haben. Denn der war nicht nur von der Corona-Pandemie, sondern auch von spektakulären Gerüchten (Mario Götze, Julian Draxler, Wout Weghorst, Luka Jović) geprägt. Nicht alle wurden von Hertha dementiert, einige Medienberichte wurden aufgegriffen und weiter befeuert. Auf frühe Planungssicherheit und eine vernünftige Vorbereitung hoffte Labbadia vergebens, sein momentan wichtigster Transfer kam erst am letzten Tag der Frist.

Nachdem sich Arsenal-Leihgabe Mattéo Guendouzi von seiner Covid-19-Erkrankung erholt hatte, blitzte seine Qualität schnell auf. Der defensive Franzose ist der beste Zweikämpfer des Hertha-Mittelfelds, hat dort auch die beste Passquote und die Ausstrahlung eines Top-Spielers. Nicht umsonst ist sich Mesut Özil "sicher", dass der 21-Jährige ein "großer Fußballspieler sein wird". In 21 Spielen kehrt Guendouzi jedoch zurück nach London.

Trotzdem: Die erhofften "fertigen Spieler", wie Labbadia sie nennt, kamen nicht. Positionen, auf denen nachgebessert werden sollte, sind noch immer frei. Rechtsverteidiger Deyovaisio Zeefuik erwies sich bisher nicht als dauerhafter Ersatz für Peter Pekarik. Ein Spieler für den rechten Flügel wurde gar nicht erst verpflichtet, sodass der eigentlich aussortiere Matthew Leckie weiter regelmäßig Einsätze sammelt. Im kreativen offensiven Teil des Mittelfelds klafft, auch dank einer geplatzten Götze-Verpflichtung, nach wie vor ein Loch. Labbadia spielt zuletzt mit einer Dreierreihe vor der Abwehr, die aus dem selten überzeugenden Rekord-Mann Lucas Tousart, Dauerläufer Vladimir Darida, Mattéo Guendouzi oder dem gelernten Innenverteidiger Niklas Stark besteht.

Ein grundsätzliches Problem im Kader

Dazu kommt noch ein grundsätzliches Problem. Nach den Abgängen von langjährigen Spielern, wie Per Skjelbred, Vedad Ibisevic, Salomon Kalou und Thomas Kraft, beklagt Labbadia die fehlende Hierarchie im Kader. Routiniers, die ihre Nebenleute Thomas-Müller-artig dirigieren und coachen, sucht man vergeblich. Dann passiert es schon mal, dass der junge Matheus Cunha sich nicht an taktische Vorgaben hält und wie gegen Freiburg laut Labbadia "unterirdisch" auftritt. Tadel gibt es "nur vom Trainerteam", sagt der Chefcoach.

Für individuell unterlegende Mannschaften wie Freiburg und Mainz erleichtert das Unstrukturierte vieles. Auch, weil derzeit der polnische Nationalspieler Krzysztof Piątek für den verletzten Jhon Córdoba im Sturmzentrum aushilft. Manchmal wirkt es beim 24-Millionen-Euro-Mann, als trainiere er unter der Woche mit einer anderen Mannschaft, so sehr fremdelt er mit dem Berliner Offensivspiel. Gegen Freiburg hat er trotz fast doppelter Spielzeit nur einen Ballkontakt mehr als Matheus Cunha.

All das widerspricht dem, was Manager Preetz in den vergangenen Jahren auf dem Transfermarkt gezeigt hat. Zahlreiche Beispiele und Entdeckungen (der gewinnbringende Leih-Verkauf von Davie Selke an Werder, die ablösefreie Verpflichtung von Javairô Dilrosun, das Erkennen von Matheus Cunhas Talent) beweisen, dass er eigentlich das richtige Gespür entwickelt hat. Doch dem aktuellen Kader fehlt die Balance. Am 2. Januar 2021 öffnet das Winter-Transferfenster. Nach Medienberichten soll Investor Lars Windhorst sein Portemonnaie schon wieder geöffnet haben, vermutlich wird zu Jahresbeginn erneut nachgebessert.

Mit Beginn der "Big City Club"-Ära im Sommer 2019 war gerade bei den Hertha-Verantwortlichen auch die Hoffnung verbunden, das triste Platz-Elf-Image der Berliner endgültig abzustreifen. Während Manager Preetz öffentlich als Mahner auftrat, fantasierten Klinsmann und Co. schon von der Meisterfeier. Der Klub sollte endlich "cool" werden. Geträumt wurde von Titeln, großen Namen und endlich mitreißendem Fußball. Gut 18 Monate später setzt die Realität ein: Anfang Dezember gibt es im gesamten Spiel gegen den Vorletzten Mainz auf beiden Seiten keinen einzigen Torschuss. Das letzte Mal, dass sich so eine fußballerische Langeweile statistisch manifestierte, war vor fünf Jahren am gleichen Ort, im Berliner Olympiastadion, gegen Hoffenheim.

Enttäuschungen bis zum letzten Tag

Der Verein und seine Verantwortlichen stecken in einer Zwickmühle. Mit den seit Sommer 2019 ständig wechselnden Cheftrainern (Ante Čović, Jürgen Klinsmann, Alexander Nouri und Bruno Labbadia) lässt sich keine nachhaltige Spielidee entwickeln. Nach einem Rekord-Transfer nach dem anderen und dem chaotischen 2020 braucht die Mannschaft Ruhe und Vertrauen. Eine erneute Trainerentlassung würde das torpedieren. Für den kriselnden Labbadia ist es im Moment das stärkste Argument.

Zumal weil er schon einmal gezeigt hat, dass er eine verunsicherte Mannschaft stabilisieren kann. Nach Amtsantritt im Frühjahr 2020 bewahrte er die Hertha nicht nur vor dem Abstieg, sondern sie spielte unter ihm wieder ansehnlichen Fußball mit der Mini-Chance auf Europa. Dazu muss man dem Trainer jedoch auch den nötigen Raum geben. Mit den Windhorst-Millionen sollte das eigentlich möglich sein.

Statt sich sportlich zu entwickeln, verärgert Hertha kurz vor Jahresende seine Fans übrigens noch einmal. Seit Discounter Tedi, der ehemalige Hauptsponsor, im Sommer 2020 die Trikotbrust freigemacht hat, stellten die Blau-Weißen die freie Fläche für soziale Zwecke zur Verfügung. So rief die Mannschaft zur Einhaltung der Corona-Regeln auf, suchte nach einem Stammzellen-Spender für ein leukämiekrankes Mädchen und warb im Derby an die Aktion "Herthakneipe", die sich für Corona-gebeutelte Gastronomen einsetzt. Dafür gab es viel Applaus. Damit ist nun Schluss: In einer Stadt mit akuter Wohnungsnot und (bisweilen dramatisch) steigenden Preisen wirbt der Klub ab 2021 für ein Immobilien-Startup. Bis zum letzten Tag bleibt es für Hertha ein Jahr, in dem fast alles falsch gemacht wird.

Quelle: ntv.de

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