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6 Dinge, gelernt am 18. Spieltag Guardiola entzaubert, Klopp im Paradies

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Jetzt aber mal scharf nachdenken: Josep Guardiola.

(Foto: imago/Bernd König)

Nach dem Debakel bei mächtigen Wolfsburgern muss sich Guardiola für seinen FC Bayern etwas einfallen lassen. Dortmunds Klopp wähnt sich mit dem BVB an der Pforte zum Garten Eden und bei Schalkes Huntelaar setzt es aus.

1. Der FC Bayern lässt sich entschlüsseln

Bisher gab es in der Fußball-Bundesliga, wie es schien, zwei Arten gegen den FC Bayern zu spielen: Entweder, was meist der Fall war, stellten sich die Gegner gegen die Münchner hinten rein - und kassierten früh die Tore. Oder sie griffen, wie zum Beispiel die Dortmunder und Augsburger, früh an, dann bekamen sie die Gegentreffer etwas später, wenn sie des Pressings müde waren und die Kräfte nachließen. Der VfL Wolfsburg nun hat zum Auftakt der Rückrunde an diesem 18. Spieltag eine dritte Variante präsentiert: Die Mannschaft von Trainer Dieter Hecking ließ die Bayern bis zur Mittellinie gewähren, positionierte die Viererabwehrkette aber direkt dahinter und nicht etwa vor dem eigenen Strafraum. Das hatte zur Folge, dass das Mittelfeld zugestellt war und die Münchner nie recht ins Spiel kamen. Die Wolfsburger konterten den Gegner und dessen traditionell weit aufgerückte Defensive nach allen Regeln der Kunst aus. Am Ende stand an diesem Freitagabend ein sagenhaftes 4:1.

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Nach dem Tänzchen: Dante.

(Foto: dpa)

Dass damit der Code des FC Bayern endgültig entschlüsselt ist, wäre dann aber doch ein zu euphorisches Fazit. Schließlich ist es ein Markenzeichen des Teams von Josep Guardiola, auch innerhalb einer Partie taktisch flexibel reagieren zu können, immer fußend auf dem Credo des Ballbesitzes. Nur in Wolfsburg hat das nicht geklappt, was bei aller Stärke des VfL auch daran lag, dass die Bayern einen denkbar schlechten Tag erwischt hatten. Wobei der dringende Verdacht besteht, dass beides ursächlich zusammenhängt. Guardiola jedenfalls räumte hinterher ein: "Bei Ballverlusten konnten wir die Konter nicht kontrollieren. Wir hatten Probleme." In der Tat. Die Abwehr der Münchner mit Sebastian Rode, Jérôme Boateng, Dante und Juan Bernat schien meist überfordert. Exemplarisch sei hier die Szene aus der 73. Minute genannt, als der offensiv überragende Kevin de Brunyne den Brasilianer Dante einfach austanzte, bevor er den Ball an Manuel Neuer vorbei zum 4:1 ins Tor drosch. Guardiola versprach aber, dass seine Mannschaft so schnell wie möglich zurückkommen werde. Die nächste Gelegenheit dazu haben sie am morgigen Dienstag. Dann ist der FC Schalke 04 zu Gast in München. Die Liga ist gespannt auf die Taktik der Gelsenkirchener. Und auf die des FC Bayern.

2. Der VfL Wolfsburg plant Großes

Was. Für. Ein. Spiel. Was war das denn bitte in Wolfsburg? Eine Machtdemonstration war vorab befürchtet worden, eine Machtdemonstration wurde es auch. Demonstriert wurde aber nicht die Überlegenheit der Über-Bayern, sondern das neue Anspruchsdenken am Mittellandkanal. Die Champions League soll es beim Auto-Klub schon werden in dieser Saison, mindestens. Und haben die Wolfsburger nicht schon einmal elf Punkte Rückstand auf die Münchner aufgeholt und dann den Titel gewonnen? Haben sie. Das 4:1 reiht sich ein in Wolfsburger Sternstunden wie das 5:1 gegen die Bayern vom Frühjahr 2009. Untermauert wird das Großmannsdenken durch das Wolfsburger Bemühen um Andre Schürrle. Selbst geneigte Beobachter fragen sich zwar, was der VfL mit dem Fußball-Weltmeister will (und spekulieren, ob er womöglich der Nachfolger von de Bruyne sein soll). Der Edelreservist vom FC Chelsea soll den Wölfen 30 Millionen wert sein. Damit wäre er der teuerste Wintertransfer der Ligageschichte und der kickende Beweis, dass die Inflation im Euro-Raum doch grassiert.

3. Dortmund nimmt den Abstiegskampf an

Was hat die Winterpause für den BVB gebracht? Das war die große Frage vor dem Spiel. Nach dem Remis in Leverkusen lautet die Antwort: Die Dortmunder, ihres Zeichens nun Tabellenletzter, scheinen erkannt zu haben, in welch misslicher Lage sie sich befinden - auf dem Rasen wie rhetorisch. "Ich kann nicht Abstiegskampf predigen und Champagner-Fußball fordern", sagte Trainer Jürgen Klopp. "Wir haben nicht nach Perfektion gestrebt, sondern nach Stabilität." Das ist ihnen gelungen, auch wenn es selten schön anzuschauen war, was die Dortmunder mit ihrer stabilen Defensive den Zuschauern boten. Aber es war schlichtweg das, was sich anbot. Schließlich hatte der BVB zuvor nur zweimal auswärts gepunktet: Beim 3:2-Sieg am 29. August in Augsburg und beim 2:2 in Paderborn am 22. November. Dass sie trotz des Teilerfolges auf Rang 18 abgerutscht sind, wollte keiner der Dortmunder zu hoch bewerten. Oder wie Klopp es formulierte: "Nicht, dass man sich jetzt dran gewöhnt. Aber heute ist mir das scheißegal." Wie halt einer spricht, der weiß, dass es gegen den Abstieg geht. "Wir sind auf Schlagdistanz, das ist das einzige, was mich interessiert. Wir sind nur noch zwei Punkte von einem Platz entfernt, den ich als Paradies bezeichnen würde."

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98-Protent-Sieger: Mats Hummels, rechts, hier im Zweikampf mit Leverkusens Karim Bellarabi.

(Foto: REUTERS)

Sein Ansinnen ist klar: Er will nichts mehr davon hören, dass die Dortmunder eigentlich in die Saison gestartet sind, um den FC Bayern zu jagen. Aber auch so gesehen war dieser Spieltag ein Erfolg, hat der BVB doch den Rückstand auf die Münchner von 30 auf 29 Zähler reduziert. Kleiner Scherz. Tatsächlich geht die Tendenz zu Recht dahin, dass die Dortmunder nicht mehr an ihren verschütteten Möglichkeiten gemessen werden, sondern daran, wo sie in der Tabelle stehen. "Wir haben das angenommen, was gemacht werden musste", bilanzierte Klopp. Eben drum sei er zufrieden. Mats Hummels behauptete zwar: "Wenn man in Leverkusen einen Punkt holt, dann hat man ihn zu 98 Prozent gewonnen." Doch was der Punkt wert ist, zeigt sich dann erst am Mittwoch, wenn der FC Augsburg im Westfalenstadion gastiert. Denn die Statistik lehrt: Immerhin 35 der 51 Mannschaften, die am 18. Spieltag Letzter waren, stiegen am Saisonende ab. Und das wäre für den BVB dann die Hölle.

4. Es gibt sie noch, die Winterschnäppchen

Eine Legende im Fußball geht so: Im Winter lassen sich - ohne VW-Millionen - keine guten Geschäfte machen, nur die Transfer-Resterampe ist gut gefüllt. Dort aber, das hat der SC Freiburg gezeigt, lassen sich durchaus Trüffel ausgraben, mindestens Eintags-Trüffel (Stichwort Martin Fenin). In Bremen werden sie sich verwundert die Augen gerieben haben über die zweite Halbzeit in Freiburg. Ist das wirklich unser Nils Petersen, werden sie nach der historischen Drei-Tore-Show der Werder-Leihgabe gedacht haben? Obwohl schon Sturmtitanen wie Uwe Wassmer und Alexander Iashvili und (der bei seinem Debüt vergleichsweise unglückliche) Papiss Demba Cissé das SC-Trikot trugen, war Petersen der erste Freiburger, dem ein lupenreiner Bundesliga-Hattrick glückte. Die DFL konnte Bremen und Bayern dem Vernehmen nach nur mit Mühe davon abhalten, ihre Lizenzen aus Scham über die Verkennung des rohen Petersen'schen Talents zurückzugeben. Auch beim FC Augsburg dürften sie mit einem Wintereinkauf sehr zufrieden sein. Vom FC Bayern wurde der junge Däne Pierre-Emile Højbjerg ausgeliehen und war beim 3:1-Schneewalzer gegen 1899 Hoffenheim sofort der kreative Chef im Augsburger Mittelfeld. Er könnte für die spielerisch, mannschaftlich und moralisch gefestigte Truppe von Markus Weinzierl das entscheidende Puzzleteil sein, um in dieser Saison für ein echtes Fußballwunder zu sorgen. Von den Champions-League-Rängen trennt den FCA im Moment nur das Torverhältnis.

5. Hamburg und Berlin sollten umdisponieren

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Weniger glücklich verlief der Einstand des neuen Hamburger Zukunftstransfers. Damit ist nicht Levin Öztunali gemeint, der Seeler-Enkel wird in der Rückrunde Werder Bremen vor dem Abstieg retten, ausgerechnet. Gemeint ist der neue HSV-Perspektivspieler Ivica Olic, 35 Jahre jung und gefühlt schon dabei, als das HSV-Stadion letztmals Volkspark hieß. Trotz Volkshelden-Status im Bald-Wieder-Volksparkstadion konnte auch Olic die chronische Torallergie der Hamburger gegen den 1. FC Köln nicht abstellen. Neun Tore sind eine mickrige Ausbeute und dürften von Nils Petersen am 21. Spieltag übertroffen werden, spätestens.

Neun Tore garantieren aber, dass der HSV wenn schon nirgendwo anders dann doch im Abstiegsgeschäft weiter ganz dick dabei ist, ebenso wie die Hertha aus Berlin. Beide Vereine haben gemeinsam, dass sie schon am ersten Rückrundenspieltag enorme körperliche und psychische Verschleißerscheinungen an den Tag legten. Für mehr als das Frönen des olympischen Gedankens reicht es für beide Teams derzeit nicht. Vielleicht sollten beide Städte konsequent umdisponieren - und sich ab sofort ausschließlich auf Olympia konzentrieren.

6. Schalkes Huntelaar gibt Rätsel auf

Es dürfte so sein, wie es "Collinas Erben" vermuten: Was Klaas-Jan Huntelaar bewogen haben mag, beim mühsamen Sieg seiner Schalker gegen Hannover 96 fünf Minuten vor dem Ende der Partie dem bemitleidenswerten Manuel Schmiedebach derart sinnfrei von hinten in die Beine zu grätschten, weiß der Niederländer wohl selbst nicht so genau. Jedenfalls sah er völlig zurecht die Rote Karte und wird den Gelsenkirchenern nun sowohl am Dienstag in München als auch am Freitag gegen Borussia Mönchengladbach fehlen. Angesichts der Tatsache, dass die Schalker eh schon damit umgehen müssen, dass acht Spieler verletzt fehlen, ist das alles andere als eine gute Nachricht. Der Angreifer selbst wollte zu seinem Aussetzer nichts sagen. Wahrscheinlich seine einzige gute Entscheidung an diesem Samstagnachmittag, an dem er Schiedsrichter Sascha Stegemann nach dem Platzverweis auch noch den Vogel zeigte und ihm per Handschlag zu seiner unstrittigen Entscheidung gratulierte. Während Trainer Roberto Di Matteo ("Er ist kein böser Spieler. Er wollte dem Gegner nicht wehtun, sondern den Ball erobern") und Manager Horst Heldt ("Klaas-Jan hat die falsche Entscheidung getroffen. Es war nicht bösartig, aber es ist sehr ärgerlich für uns") sehr darum bemüht waren, mit Blick auf die ausstehende Bestrafung durch das Sportgericht des DFB die Sache herunterzuspielen, fand Huntelaars Mitspieler Marco Höger klare Worte: "Er weiß selber, dass er da Mist gebaut hat." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Quelle: n-tv.de

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