Fußball

Die Lehren des 28. Spieltags Ist der FC Bayern wirklich schon durch?

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Das war so schlecht nicht: Die Fußballer des FC Bayern jubeln beim Sieg gegen Dortmund.

(Foto: imago images / Plusphoto)

Nach der Gala gegen den BVB spricht viel dafür, dass der FC Bayern auch zum siebten Mal in Folge deutscher Meister wird. Doch das Titelrennen ist völlig offen, schließlich sind noch 18 Punkte zu vergeben. Und nicht nur in Freiburg wissen sie: Fußball ist manchmal komisch.

1. Das Titelrennen ist entschieden

Nach dem 5:0 des FC Bayern gegen die Dortmunder Borussia war viel von einer Münchner Machdemonstration die Rede, von einer meisterlichen, titelreifen Gala. Und in der Tat hat die Mannschaft von Trainer Niko Kovac nicht einfach nur ein Fußballspiel gewonnen, sondern das Team demontiert, das an diesem 28. Spieltag der Bundesliga als Spitzenreiter im mit seinen 75.000 Plätzen natürlich ausverkauften Stadion in Fröttmaning angetreten war. Nun stehen die Münchner wieder dort, wo sie stets hinwollen, ganz oben, vor allen anderen, wenn auch nur mit einem Punkt vor dem BVB. Aber wer gesehen hat, wie furios sie an diesem Samstagabend über eine seltsam wehrlose und ratlose gelb-schwarze Borussia hinweggefegt sind, der kann nur darauf setzen, dass dieser FC Bayern am Ende der Saison zum siebten Mal hintereinander die deutsche Meisterschaft gewinnt.

So durfte Häuptling Uli Hoeneß auch zufrieden und unwidersprochen konstatieren: "Die Mannschaft hat gesprochen." Howgh! Und Sportdirektor Hasan Salihamidzic lobte: Wir haben die Lehren aus dem Liverpool-Spiel schon gezogen. Mannschaft und Trainer haben das viel besser gemacht." Apropos Trainer. Abgesehen davon, dass Kovac die Gunst der Stunde nutzte, um die Medien für ihre seiner Meinung nach zu kritische und teilweise überzogene Berichterstattung zu schelten, sahen seine Chefs davon ab, ihm zu versprechen, dass er auch in der kommende Saison für den Branchenprimus arbeiten darf. "Es gibt keine Jobgarantie beim FC Bayern - für Niemanden. Das ist auch gut so, jeder muss beim FC Bayern liefern", sagte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge. "Das ist das Prinzip bei Bayern München und mit diesem Druck muss auch jeder umgehen können. Und wer mit dem Druck nicht umgehen kann, ist bei uns im falschen Klub." Sein Vorschlag: "Wir müssen einfach die letzten sechs Spiele in dem Stil von gestern angehen." Setzt die Mannschaft das um, wird sie auch Meister.

2. Das Titelrennen ist völlig offen

Deutscher Meister wird nur …

… der FCB: (A) Fortuna Düsseldorf, (H) SV Werder Bremen, (A) 1. FC Nürnberg. (H) Hannover 96, (A) RB Leipzig, (H) Eintracht Frankfurt

… der BVB: (H) 1. FSV Mainz 05, (A) SC Freiburg, (H) FC Schalke 04, (A) SV Werder Bremen, (H) Fortuna Düsseldorf, (A) Borussia Mönchengladbach

Die Meisterschaft ist entschieden? Ernsthaft? Wer sagt den so was? Bleiben wir bei den Fakten. Die Dortmunder Borussia steht in der Tabelle einen Zähler hinter den Bayern. Naja, eigentlich zwei, die Tordifferenz ist seit Samstag dann doch deutlich schlechter, plus 31 gegenüber plus 46.Aber noch sind 18 Punkte zu vergeben. Klar, die junge Mannschaft von Trainer Lucien Favre muss diese Blamage erst einmal verdauen. Und mit einem derart verzagten Auftritt wie in München wird dieser BVB nicht Meister. Aber am Ende ist es gar nicht so verkehrt, was Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gesagt hat, auch wenn er aus beruflichen Gründen den Zweckoptimisten geben muss: "Spätestens Dienstag werden die Bayern merken, dass sie für das Spiel auch nur drei Punkte bekommen haben." Und dann steht am kommenden Samstag (ab 18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im Westfalenstadion die Partie gegen die Mainzer an.

Die waren an diesem Spieltag beim 5:0 gegen den SC Freiburg zwar so effizient wie nie, gelten aber nicht als unschlagbar. Der FC Bayern spielt dann an Sonntagnachmittag bei der just sehr hoch fliegenden Düsseldorfer Fortuna, der in der Hinrunde ein 3:3 in München gelang. Am 30. Spieltag tritt der BVB beim SC Freiburg an, die Bayern spielen gegen den SV Werder Bremen. Einen Festtag hält der 31. Spieltag für die Dortmunder bereit, dann kommt der arg gebeutelte Nachbar aus Gelsenkirchen vorbei, während die Münchner bei den noch stärker als die Schalker abstiegsbedrohten Nürnbergern gastieren. Am drittletzten Spieltag treten die Dortmunder in Bremen an, die Bayern haben ein Freilos gegen die mutmaßlich dann schon abgestiegenen Hannoveraner. Dieser 32. Spieltag könnte dann tatsächlich den vorerst Ausschlag für die Münchner geben - die am 33. Spieltag allerdings nach Leipzig müssen, während der BVB gegen die Fortuna spielt. In Düsseldorf hatten die Dortmunder seinerzeit zum ersten Mal in dieser Saison verloren. Der letzte Spieltag steigt am 19. Mai: Der FC Bayern empfängt die Frankfurter Eintracht, Borussia Dortmund tritt bei der Namenscousine in Mönchengladbach. Jetzt kann jeder ausrechnen, welches Team bis dahin wie viele Punkte ergattert hat. Unser Ergebnis lautet: Das Titelrennen ist völlig offen.

3. Man kann versagen - und am Ende doch gewinnen

Sascha Stegemann hat einen spannenden Arbeitstag hinter sich gebracht: Beim 2:1 der Frankfurter Eintracht auf Schalke versagte der Schiedsrichter vom 1. FC Niederkassel den Gästen in der 30. Minute einen klaren Elfmeter. "Ich weiß nicht, welche Bilder er gesehen hat", kommentierte der ehemalige Weltschiedsrichter Dr. Markus Merk die Entscheidungs Stegemanns, der in der Review Area eigentlich gesehen haben müsste, dass Schalkes Jeffrey Bruma Eintracht-Stürmer Ante Rebic recht deutlich elfmeterreif bearbeitet hatte.

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Elfmeter in Minute 99: Sascha Stegemann.

(Foto: dpa)

Nun sind Konzessionsentscheidungen ja bekanntlich eine reine Phantasie missgünstiger, benachteiligter Anhänger - umso bemerkenswerter ist, wie Stegemann die Integrität des deutschen Schiedsrichterwesens - oder mindestens seine eigene - unter Beweis stellte: Doch noch Elfmeter. Ganz tief in der Nachspielzeit. Für den Gastverein. In der Arena auf Schalke. Nach einem Handspiel und Videobeweis. Und wir alle wissen: Wenn man wirklich möchte, kann man dieser Tage jedes Handspiel locker unter Verweis auf Grenzen und Möglichkeiten der Anatomie, die Thermik oder die Grundsätze der Dynamik jeden Ballkontakt als strafbar bewerten oder die selbe Situation locker abmoderieren. Hätte Stegemann also die letzte Ballberührung von Daniel Caligiuri beim Stande von 1:1 nach Betrachtung der Bilder entspannt weg gelächelt und das Spiel einfach abgepfiffen, er wäre der König von Gelsenkirchen gewesen. Stattdessen gab der mutige Schiedsrichter den spätestens Elfmeter seit der detaillierten Datenerfassung 2004/2005, Frankfurts Luka Jovic versenkte ihn irgendwann kurz vor dem Abendessen und ganz Schalke zürnte. Einem Schiedsrichter, der sich das Leben hätte einfach machen können, es aber nicht tat. Doof für Schalke, gut für das Schiedsrichterwesen.

(Auch Collinas Erben sind empört - und finden: Das Schalker Verhalten ist inakzeptabel!)

4. Hannover steigt ab - und wer noch?

Wer steigt eigentlich ab? Also auf jeden Fall die Hannoveraner. Die sind nicht erst nach der Niederlage in Wolfsburg Tabellenletzte und nicht mehr zu retten. Sagt zumindest Martin Kind, der Hauptgesellschafter des Klubs. Sein Fazit: "Fußball geht weiter, für uns leider in der zweiten Liga." Und auch Trainer Thomas Doll klang arg resigniert, als er sagte: "Wir sind nicht zu schlecht für die Liga, aber nicht clever und abgezockt genug." Was aus ihm und Manager Horst Heldt beruflich so wird, ist unklar. Doll darf auf jeden Fall bis zum bitteren Ende der Saison bleiben. "Mit Herrn Heldt werde ich sprechen", sagte Kind auf die Frage, ob es auch für den Manager einer Jobgarantie gebe. "Ich weiß auch nicht, wie er selber denkt, wie er diese Saison analysiert. Wie er seine eigene Position jetzt und in Zukunft einordnet."

Der Abstiegskampf

FC Schalke 04: (A) 1. FC Nürnberg, (H) TSG Hoffenheim, (A) Borussia Dortmund, (H) FC Augsburg, (A) Bayer 04 Leverkusen, (H) VfB Stuttgart

FC Augsburg: (A) Eintracht Frankfurt, (H) VfB Stuttgart, (H) Bayer 04 Leverkusen, (A) FC Schalke 04, (H) Hertha BSC, (A) VfL Wolfsburg

VfB Stuttgart: (H) Bayer 04 Leverkusen, (A) FC Augsburg, (H) Borussia Mönchengladbach. (A) Hertha BSC, (H) VfL Wolfsburg. (A) Schalke 04

1. FC Nürnberg: (H) Schalke 04, (A) Bayer 04 Leverkusen, (H) FC Bayern, (A) VfL Wolfsburg. (H) Borussia Mönchengladbach. (A) SC Freiburg

Bleiben noch vier Mannschaften, von denen eine mit Hannover direkt absteigt und eine in die Relegation gegen den Drittplatzierten der zweiten Liga spielen darf. In absteigender Reihenfolge sind das der FC Schalke 04, der FC Augsburg, der VfB Stuttgart und der 1. FC Nürnberg. In Gelsenkirchen liegen nach der tatsächlich etwas unglücklichen Niederlage gegen Frankfurt die Nerven blank. Die einzig gute Nachricht für alle Schalker ist, dass es immerhin noch fünf Punkte bis zum Relegationsplatz sind. Gegen die Augsburger spricht die Tendenz. Nach dem 0:3 in Nürnberg folgte nun ein 0:3 gegen Hoffenheim. Danach sagte Verteidiger Jeffrey Gouweleeuw: "Wir hatten keine Ahnung, was wir heute gemacht haben." Klingt nicht gut. Auch der VfB gibt Rätsel auf, nach einem mutlosen Auftritt gegen Nürnberg reichte es nur zu einem 1:1. Torwart Ron-Robert Zieler hatte keine Ahnung, was er damit anfangen sollte. "Es weiß keiner so wirklich, die Fans nicht und wir nicht." Die Nürnberger ärgerten sich zwar darüber, den ersten Auswärtssieg verpasst zu haben, stehen auf den vorletzten Platz, bleiben aber optimistisch. "Für die meisten wäre es ein Wunder", sagte Bauer zum Thema Klassenerhalt, "aber wir glauben daran." Am Freitag (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) kommt dann der FC Schalke 04 ins Max-Morlock-Stadion. Klingt spannend, wird es vermutlich auch.

5. Auch Lame Ducks können nach Europa flattern

Ist Dieter Hecking nach seinem am Saisonende feststehenden Abschied von Borussia Mönchengladbach eine "Lame Duck", also ein zum Scheitern verurteilter Versuch, nicht das Opfer der Umstände zu werden? Nur mehr ein Platzhalter auf Abruf? Klar ist: Hecking war am Sonntagabend genervt von den harmlosesten "Sky"-Fragen ("Was war mit Stindl?"), zeigte sich dünnhäutig und nach dem 1:1 gegen Werder Bremen ist Champions-League-Platz vier erstmal außer Reichweite geraten. Den armen Reporter Marcus Lindemann ließ er mitten im Interview wortlos stehen, ein Befreiungsschlag der kriselnden Borussia, die einen Zehn-Punkte-Vorsprung auf Platz fünf in der Rückrunde in einen Vier-Punkte-Rückstand auf Platz vier verwandelte, blieb aus. Gladbachs starker Mann Max Eberl hatte vor dem Spiel noch gesagt: "Dieter Hecking hat mein vollstes Vertrauen, deswegen habe ich ihn auch nicht entlassen, sondern gesagt, dass ich im Sommer etwas Neues machen möchte."

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Nicht ganz so gut gelaunt: Dieter Hecking.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Das dürfte auch damit zu tun haben, dass der Wunschtrainer erst noch schnell die österreichische Meisterschaft einfahren muss, bevor er übernehmen kann. Wer jetzt aber denkt, dass nun eine unvermeidliche Dynamik einsetzt, an deren Ende notwendigerweise doch noch ein vorzeitiger Trainerwechsel steht, muss nur einen Blick auf die zweite Partie des Sonntags werfen: Da zerlegte die TSG Hoffenheim mit ihrem scheidenden Coach Julian Nagelsmann den FC Augsburg, schon am Samstag hatte der VfL Wolfsburg sein Spiel gegen routiniert schwache Hannoveraner gedreht - gut möglich, dass sich Bruno Labbadia mit dem Einzug in den europäischen Wettbewerb verabschieden darf. In Düsseldorf provozierte der angekündigte Abschied von Friedhelm Funkel in der Winterpause gar gewaltige Konsolidierungseffekte und Solidaritätsadressen in Richtung des zum Abschuss frei gegebenen Trainers. Diese Reaktionen blieben in Gladbach indes aus. Und Marco Rose hat ja ohnehin noch keine Zeit.

6. Fußball ist manchmal komisch

42 Prozent der Zweikämpfe gewonnen, neun zu 17 Torschüsse, ein Eckenverhältnis von zwei zu sieben und nur 35 Prozent Ballbesitz: Der Freitagabend hätte erneut ein bitterer werden können für den 1. FSV Mainz 05, der vor dem Spiel gegen den SC Freiburg sieben seiner acht jüngsten Ligapartien verloren hatte. Stattdessen schickte die Mannschaft von Sandro Schwarz den Gast mit einer 5:0-Klatsche zurück in den Breisgau. Wie das passieren konnte, weiß niemand so genau. Freiburg startete überlegen und klopfte per Lattenkracher früh am Mainzer Tor an. Doch nachdem Torwart Alexander Schwolow dem FSV den Führungstreffer geschenkt hatte, kippte die Partie, nahezu jeder Schuss war ein Treffer.

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"Manchmal ist Fußball auch ein bisschen komisch": Christian Streich.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

"Manchmal ist Fußball auch ein bisschen komisch", sagte der Freiburger Trainer Christian Streich und Eurosport-Experte Matthias Sammer sekundierte: "Das Spiel war kurios." Und Schwarz, der mit der frühen Umstellung auf die Mittelfeld-Raute die richtige Entscheidung traf, um seine Mainzer doch nicht dem Zufall auszuliefern, stimmte in den Chor ein: "Es war ein sehr komisches Spiel, man hat am  Anfang gemerkt, dass wir nicht das allergrößte Selbstbewusstsein  gehabt haben. Am Schluss haben wir es gnadenlos ausgenutzt. Die  Kleinigkeiten, die uns zuletzt gefehlt hatten, haben wir heute gehabt." Und weil Fußball zwar manchmal komisch, als Ergebnissport aber am Ende immer gerecht ist, gebührt das passende Schlusswort Christian Streich: "Wir haben gut  angefangen, gut strukturiert. Dann kriegen wir das 0:1 und danach Tore, die Mainz' große Qualität zeigen. Wir haben Riesenchancen vergeben und dann hochverdient verloren - was soll man bei einem 0:5 auch sagen?"

Quelle: ntv.de