Fußball

Lehren der Bundesligasaison Viel Kitsch, Tränen - und endlich Fußball!

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Tschüs: Franck Ribéry verlässt den FC Bayern.

(Foto: imago images / kolbert-press)

Es ist der siebte Streich des FC Bayern, wieder kommt der deutsche Meister aus München. Aber auch die Dortmunder Borussia darf stolz auf sich sein. Die beste Nachricht jedoch ist: Sie spielen endlich wieder Fußball in der Bundesliga.

1. Der FC Bayern lässt dem BVB keine Chance

Am Ende hatten die Dortmunder keine Chance. Und der letzte Spieltag dieser 56. Saison der Fußball-Bundesliga war dann doch ein klein wenig weniger spannend, als es sich viele erhofft hatten. Während der FC Bayern mit viel Kitsch und Tränen die Frankfurter Eintracht mit 5:1 überrollte und die siebte Meisterschaft in Folge feierte, war das 2:0 des BVB in Mönchengladbach bedeutungslos, zumindest in Sachen Titelkampf. Die Elf vom Niederrhein dürfte sich allerdings darüber ärgern, dass sie durch diese Niederlage den Einzug in die Champions League verpasst hat. Dort spielen in der kommenden Saison neben den Bayern, den Dortmundern und den Leipzigern auch die Leverkusener, die die Gunst der Stunde mit einem 5:1 bei der Berliner Hertha nutzten und das letzte noch vakante Ticket ergatterten.

Was bleibt? Die Münchner werden auch Meister, wenn sie einmal nicht ganz so souverän die Saison dominieren, so, wie sie es in den sechs Jahren zuvor getan hatten. Niko Kovac darf sich nun Meistertrainer nennen, wartet aber immer noch darauf, dass seine Chefs ihm ein weiteres berufliches Jahr bei den Bayern gewähren. Die Dortmunder müssen sich einerseits ein wenig ärgern, eine große Chance vergeben zu haben. Andererseits sollten sie daran arbeiten, dass es in der kommenden Spielzeit wieder ähnlich spannend wird. Eine Entscheidung am letzten Spieltag, wenn sich alles an einem Samstagnachmittag verdichtet, ist schließlich das, was sich die allermeisten wünschen. Und die Möglichkeiten dazu hat der BVB mit seinem Trainer Lucien Favre, der aus dieser neu zusammengestellten Mannschaft weit mehr herausgeholt hat, als vor der Saison zu erwarten war. Der Wechsel von Thorgan Hazard von Borussia Mönchengladbach zur Namenscousine nach Dortmund ist beschlossene Sache. Und der deutsche Nationalspieler Julian Brandt von Bayer 04 Leverkusen soll nicht abgeneigt sein, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Fest steht: Der Vorsprung des FC Bayern an der Tabellenspitze ist in dieser Saison auf zwei Punkte geschrumpft. Das ist doch eine gute Nachricht für alle, die es gerne ein wenig spannend haben. Und vielleicht nutzen die Dortmunder in der nächsten Saison ihre Chance - wenn sie sich ihnen denn bietet. Denn auch das steht fest: Ohne den FC Bayern geht in Sachen Meisterschaftskampf wenig bis nichts.

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2. Endlich wieder Fußball

"Geht's raus und spielt's Fußball", empfahl Franz Beckenbauer der deutschen Nationalelf vor dem WM-Finale 1990 gegen Argentinien. Raus gingen die Mannschaften der Bundesliga in den vergangenen Jahren oft. Allerdings vergaßen sie draußen auf dem Platz sehr häufig den zweiten Teil des Beckenbauer'schen Ratschlags. Das Niveau war meist, nun ja, eher holprig. 2018 wurde der FC Schalke 04 mit gerade einmal 63 Punkten und mickrigen 53 Toren Tabellenzweiter. Der Rest der Liga - der FC Bayern ausgenommen -  überzeugte noch weniger. Doch welche Überraschung in diesem Jahr: Die können ja kicken! Die können ja Tore schießen! Kein destruktives Mauern und Reagieren, sondern konstruktiver Ballbesitz, Kombinationsfußball und schnelles Spiel nach vorne prägten die Saison 2018/2019.

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Furios: Jadon Sancho, Borussia Dortmund.

(Foto: imago images / Laci Perenyi)

In der Hinrunde nahmen die Dortmunder mit furiosem Offensivfußball um Marco Reus, Jadon Sancho und Paco Alcácer so ziemlich jeden Gegner auseinander, die Gladbacher standen ihnen mit Thorgan Hazard und Alassane Pléa in fast nichts nach. Frankfurts Angriffs-Trio mit Luka Jovic, Ante Rebic und Sébastien Haller weckte Erinnerungen an das magische Dreieck beim VfB Stuttgart mit Krassimir Balakow, Fredi Bobic und Giovane Elber - nur büffelartiger. RB Leipzig zeigte, dass man auch mit der besten Defensivleistung der Liga ansehnlich kombinieren und punkten kann.

In der Rückrunde bewies der SV Werder Bremen, dass er mit mutigem Ballbesitzfußball und direktem, attraktiven Spiel nach vorne auch den Großen wehtun kann. Die TSG Hoffenheim schaffte es zwar oft nicht, die Führung über die Runden zu bringen, aber was Joelinton, Ishak Belfodil, Andrej Kramaric und Kollegen vorne veranstalteten, war erste Sahne. Und selbst die von allen Experten als Abstiegskandidat Nummer eins abgestempelte Fortuna aus Düsseldorf zeigte tollen Angriffsfußball. Mutig, offensiv, zielstrebiger und druckvoller Ballbesitz: So spielten die erfolgreichen Teams dieses Jahr. Auch wenn kein Bundesligist an die 119 Saisontore des niederländischen Meisters Ajax Amsterdam herankommt, die Bundesliga spielt endlich wieder erfrischenden Fußball. "Erst kommt die Offensive, und daraus leiten wir dann das Verteidigen ab", fasst es der Trainer des Jahres, Werders Florian Kohfeldt, zusammen. So darf es gerne weitergehen.

3. Die Mär von der totalen Gerechtigkeit

Was für eine Utopie: Auf allen Fußballplätzen des Landes herrscht dank des Videobeweises vollkommene Gerechtigkeit. Doch die Realität sieht anders aus, natürlich tut sie das - vor allem, wenn es ums Handspiel geht: "Die Spieler müssen sich die Arme abschneiden, sie brauchen sie aber zum Gleichgewicht halten", wetterte Trainer Lucien Favre, nachdem seine Dortmunder mit 2:4 gegen den FC Schalke 04 verloren hatten. "Das ist der größte Skandal, das ist eine große Schande." Sein Freiburger Kollege Christian Streich sagte: "Es wird jetzt langsam ganz, ganz kritisch." Und Frankfurts Manager Fredi Bobic befürchtet, wie er dem "Kicker" sagte, dass es "noch chaotischer" wird. Wir könnten diese gelinde gesagt kritischen Meinungsäußerungen schier unendlich fortführen. Die Diskussion um die Handspiele - nicht insgesamt um den VAR - ist vor allem eins: zu laut und zu heftig. Statt den Unparteiischen die Arbeit dank des technischen Hilfsmittels zu erleichtern, gibt es noch mehr Konflikte als zuvor. Aber woran liegt's eigentlich, dass sich alle so echauffieren?

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Was soll uns diese Geste sagen? Manuel Gräfe, Deutschlands bester Schiedsrichter.

(Foto: REUTERS)

Tatsächlich, so hat der "Tagesspiegel" analysiert, wurde in dieser Saison etwa ein Drittel der Strafstöße aufgrund eines Handspiels verhängt. In den drei Spielzeiten zuvor war es lediglich ein Sechstel. Und den Videobeweis gibt es seit der Saison 2017/2018. Allein an ihm kann es also nicht liegen. Doch in Kombination mit der offenbar zunehmend unübersichtlichen Handspielauslegung wird’s eine Krux. Denn durch die nachträgliche Kontrolle am Bildschirm ist eine deutlich kleinlichere Auslegung möglich. Und so diskutieren die Beteiligten womöglich über Verstöße, die zuvor gar nicht aufgefallen wären.

Ja, es läuft nicht alles rund. Wo es hieß, der Videoassistent greift nur bei offensichtlich falschen Entscheidungen ein, beratschlagt er doch über jede Kleinigkeit. Dabei war bereits bei der Einführung klar: Schiedsrichter sind und bleiben Menschen - und die machen bisweilen auch Fehler. Vollkommene Gerechtigkeit gibt es nicht, nirgendwo. Aber lassen wir die umstrittenen Handspiele mal außen vor: Allein in der Hinrunde hatte der Videobeweis 40 Fehlentscheidungen verhindert, so offizielle Statistiken. Bei Entscheidungen ohne Ermessensspielraum, also etwa Abseits (viele Grüße an Uli Hoeneß) oder der Torlinientechnik, macht der Videobeweis das Spiel tatsächlich gerechter. Und was das vermaledeite Handspiel betrifft, hat Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich Korrekturen versprochen: "Die Handspielauslegung und auch der Videoassistent werden die Schwerpunktthemen für die Saisonvorbereitung sein." Und am Ende wäre vollkommen gerechter Fußball doch auch irgendwie langweilig.

4. Es gibt nur einen Friedhelm Funkel

Wer ist der Trainer dieser Saison? Der DFB hat sich bereits Ende März für Bremens Florian Kohfeldt entschieden. Eine gute Wahl. Wir aber haben noch zwei Vorschläge: Friedhelm Funkel, der seine Düsseldorfer Fortuna nicht nur am Ende auf Platz zehn der Tabelle führte, sondern den Aufsteiger auch schönen Fußball spielen ließ und den Fans eine rauschhafte Spielzeit bescherte, in der die Abstiegsgefahr bereits nach 28 Partien gebannt war. Und Adolf Hütter, der mit der Frankfurter Eintracht für Furore sorgte. Entscheiden Sie selbst, wir votieren für Funkel, einfach, weil wir es können. Am Anfang lief alles so, wie es die meisten prophezeit hatten. Die Fortuna stand vom 7. bis zum 15. Spieltag auf einem Abstiegsplatz, ließ aber am zwölften Spieltag mit einen 3:3 beim FC Bayern aufhorchen. Am 16. Spieltag gewannen der mit seinen 65 Jahren älteste Übungsleiter der Liga und seine Mannschaft mit 2:1 gegen den BVB. Es war die erste Niederlage der Dortmunder in dieser Saison.

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Der Beste: Funkels Friedhelm.

(Foto: imago images / Jan Huebner)

Nach der Hinrunde und drei Siegen in Folge zum Abschluss stand Fortuna Düsseldorf auf Rang 14, vier Punkte vor dem Relegationsplatz, sieben vor dem direkten Abstieg. Und dann konnte sich der damalige Vorstandsvorsitzende Robert Schäfer im Wintertrainingslager in Marbella mit Funkel nicht darauf einigen, den in diesem Sommer auslaufenden Vertrag des Aufstiegstrainers um ein Jahr zu verlängern. Der Klub gab auf einer legendären Pressekonferenz in Spanien bekannt: Funkel, seit 2016 im Verein, verlässt die Fortuna nach Saisonende. Die Fans probten den Aufstand und sorgten mit den lokalen Medien dafür, dass er bleibt. Dafür musste Schäfer gehen. Und nun? Will Funkel bleiben, auch wenn er mal nicht mehr Trainer ist: "Es ist wie ein Traum, der nicht zu Ende geht. Die neue Saison wird uns vor neue Herausforderungen stellen. Wenn aber irgendwann der Zeitpunkt gekommen ist, dass ich mich verändern will, dann würde ich gerne bei der Fortuna bleiben - in welcher Funktion auch immer."

5. Die Klubs sind zukunftsgetrieben, nicht ergebnisgetrieben

Erinnern Sie sich an die Verwirrung, als der 1. FSV Mainz 05 im Sommer 2009 eine Woche vor Saisonstart Jörn Andersen entließ und den A-Jugendcoach als neuen Chef der Profis vorstellte? Nicht wenige hielten das für ein Sakrileg und Manager Christian Heidel für bekloppt. Wie kann er den Aufstiegstrainer entlassen? Eine Frechheit. Dass der Norweger mit sonderbaren Aktionen die Kabine verloren hatte - der ehemalige Torjäger soll persönliche Gegenstände und private Fotos der Spieler in einer Geheimaktion im Müll versenkt haben - und auch sportlich den Weg des Vereins verlassen hatte, interessierte kaum. Heidel zog trotzdem die Reißleine - und zauberte einen gewissen Thomas Tuchel aus dem Hut, der Mainz 05 langfristig und nachhaltig erfolgreich aufstellte.

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"Wir haben Bruno Labbadia."

(Foto: imago images / Pressefoto Baumann)

Dass Trainer im Misserfolg gehen müssen, ist in der Bundesliga Praxis. Boris Schommers und wohl auch Thomas Doll, die Nürnberg und Hannover nicht vor dem Abstieg bewahren konnten, werden ersetzt. Pal Dardai begeisterte in Berlin auch nicht mehr durch Visionen und Aufschwung, bei Bruno Labbadia lagen die Gründe für den Abschied aus Wolfsburg wohl im zwischenmenschlichen Bereich. Nico Willig und Huub Stevens waren beim VfB Stuttgart und beim FC Schalke 04 ohnehin als Interimslösungen eingeplant.

Dass zehn Jahre nach Andersen/Tuchel das Prinzip, die Meriten auch aus der kurzfristigen Vergangenheit nicht mehr zum alleinigen Maßstab über Vertragsverlängerung oder Abschied zu adeln, geballt Einzug in der Bundesliga gehalten, ist aber offensichtlich. Die Frage, ob der Trainer für langfristigen Erfolg sorgen und auch Werte schaffen kann, ist wichtiger geworden. Bei Borussia Mönchengladbach traute man das dem verdienstvollen Dieter Hecking nicht mehr zu und legt das Team künftig in die Hände von Marco Rose, 2009 übrigens Teil der Truppe, die den Wechsel von Andersen zu Tuchel miterlebte. Bei RB Leipzig traf man früh die strategische Entscheidung, Julian Nagelsmann zu engagieren. Und die Chefs des Bayern leiden offenbar schwer bei dem Gedanken, Niko Kovac die sportliche Zukunft gestalten zu lassen - da hilft womöglich auch das Double nicht. Und Fortuna Düsseldorf wollte im Winter Friedhelm Funkel wegen dessen vermeintlich übersichtlicher Gestaltungsfähigkeit loswerden, obwohl der Trainer schon da den Klassenverbleib völlig überraschend nahezu eingetütet hatte. Es sind Vereine, die eine Saison erfolgreich abgeschlossen haben - und dennoch nach vorne schauen. In Düsseldorf drehten sie die Uhren schnell wieder zurück, die anderen setzen auf Veränderung, anstatt aus alten Verdiensten auf kommende Erfolge zu schließen. Eine gute Entscheidung.

6. Der Schwachsinn mit der Super-League

Am letzten Spieltag balgten sich noch sechs Vereine um vier Plätze im Flieger nach Europa. Tatsächlich drei, rechnerisch sogar vier Klubs durften noch auf den letzten zu vergebenden Champions-League-Platz hoffen. Neben dem Rennen um die Meisterschaft lieferte diese Konstellation ein heißes Finale mit sechs K.-o.-Spielen, auf ein Unentschieden durfte sich keiner verlassen. Das ist Fußball ohne Bremspedal, alles oder nichts, Momente, die Helden produzieren und Dramen. Das können Spiele sein, über die man möglicherweise in Jahren noch reden wird, eben weil sie Entscheidungen bringen und sich Freud und Leid einer ganzen Saison in Sekunden verdichten lassen. Herrlich, oder?

Nun stelle man sich vor, in der kommenden Saison würde die europäische Super-Liga nach den Plänen der mächtigen Klubvereinigung ECA eingeführt. Nahezu alles Streben wäre vergebens, stattdessen dürfte sich der FC Schalke über einen 14. Rang in der Bundesliga-Endabrechnung und aufgrund internationalen Vorleistungen über einen Startplatz in der höchsten europäischen Spielklasse freuen. Künftig stünden die meisten Europa-Vertreter der Bundesliga aufgrund der geplanten Auf- und Abstiegsregelungen in der dreiklassigen Super-League schon früh fest, ein dramatisches, zugespitztes Finale entfiele zugunsten eines ewigen europäischen Vorrunden-Betriebs. Toll. Eintracht Frankfurt, die in dieser Saison europäisch begeisterte, hätte statt um die Champions League bei den Bayern auch nur um die Goldene Ananas gespielt. Was für ein Schwachsinn.

Quelle: n-tv.de

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