Fußball-WM 2018

Selbst ein Müller wackelt jetzt Löw wagt sich zurück in die Zukunft

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Links die Zukunft, rechts die Vergangenheit im DFB-Team? Marco Reus und Thomas Müller.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Nach dem Schweden-Krimi ist vorm Südkorea-Finale. Und der Bundestrainer erkennt: Will sein DFB-Team bei dieser WM etwas erreichen, muss er umdenken. Auch die Weltmeister wackeln jetzt.

In Unterzahl waren sie ja schon seit Mai. In Sotschi, im zweiten deutschen Gruppenspiel bei der Weltmeisterschaft in Russland, waren sie es dann auch auf dem Rasen. Fünf Weltmeister beorderte der Bundestrainer für das Endspiel gegen die epische WM-Blamage in seine Startelf. Nur noch fünf, denn das bedeutete ja auch: Gegen Schweden begannen sechs deutsche Nicht-Weltmeister, obwohl noch drei weitere einsatzfähige Brasilien-Helden auf der Bank saßen.

Die Löw'sche Personalrochade am Schwarzen Meer war vielleicht keine Zeitenwende. Aber ein Fingerzeig war die letztlich erfolgreiche Um- und Aufstellung vor dem 2:1-Drama gegen Schweden durchaus. Und zwar in Richtung jener Zukunft, mit der die DFB-Elf am Mittwoch gegen Südkorea ihr nächstes Endspiel-Rendezvous (ab 16 Uhr/ZDF und im Liveticker bei n-tv.de) hat, und die ja vermeintlich schon 2017 bei der erfrischenden WM-Generalprobe mit dem Confed-Cup-Triumph zu beginnen schien, dann aber mit Beginn des Ernstfalls doch noch einmal verschoben wurde.

In seine Reisegruppe für Russland hatte der Trainer neun Weltmeister berufen. Die Aufstellung für den Auftakt gegen Mexiko hatte man auch so lesen dürfen: Der Weltmeistertrainer Löw gedenkt, dem verbliebenen 2014er Titeljahrgang auch das Projekt Titelverteidigung 2018 anzuvertrauen. Acht Weltmeister standen in der Startelf gegen Mexiko, nur für Null-Minuten-Champion Matthias Ginter gab es kein Plätzchen. Tja, und nun? Das Fiasko Mexicano, bei dem das DFB-Team in der ersten Halbzeit spielerisch, mannschaftlich und kommunikativ kollabiert war, hat Löw dann aber nicht nur erschüttert wie selten zuvor in seiner DFB-Karriere. Sie hat ihn umdenken lassen. Auch hinsichtlich der Frage, ob ein wenig mehr Zukunft bei der Gegenwartsbewältigung nicht doch zuträglich sei.

"Sebastian hat das wirklich gut gemacht"

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Löw hätte Stabilisator Rudy gerne weiter mit dabei gehabt.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Am späten Samstagabend hatte ein Gesicht dieser Zukunft mit gebrochener Nase in der Mixed Zone des Fisht-Stadions gestanden, die Nase sah schief und verquollen und recht furchtbar aus. Aber der restliche Sebastian Rudy drumherum, der hatte gute Laune. 25 Minuten hatten dem Confed-Cup-Sieger in Sotschi genügt, um sich anstelle von Weltmeister Sami Khedira als Stabilisator und Abräumer hinter Spielmacher Toni Kroos nachhaltig zu empfehlen. Der lobte: "Ich finde, dass Sebastian das wirklich gut, abgeklärt gemacht hat." Das hatte im Spiel ja auch der Bundestrainer bestätigt. Er ließ nach der Kollision von Rudys Nase mit den Stollen des Schweden Ola Toivonen ganze fünf Minuten verstreichen, ehe er den Bayern-Profi auf Rat der DFB-Ärzte doch gegen İlkay Gündoğan auswechselte. Khedira blieb auf der Bank. Löw hatte gar nicht wechseln wollen, aber Rudys Nase hatte einfach nicht aufgehört zu bluten. Sie blutete auch noch, als Kroos das DFB-Team per Wundersiegtor im Turnier hielt, Rudy sah es gar nicht, er hörte es liegend in der Kabine.

Rudys Nase blieb auch nach dem Spiel ein WM-Thema. Der Bayern-Profi ist plötzlich wieder der, der er schon 2017 beim Confed-Cup war: Rudy Riese, der stille Bessermacher im Mittelfeld. Deshalb ist es jetzt auch ein Thema, ob der stabilisierende Hoffnungsträger gegen Südkorea nach einer kleinen Operation nicht doch mit Maske auflaufen kann, Manager Oliver Bierhoff hat so etwas angedeutet. Falls nicht, wird der Schalker Leon Goretzka gehandelt. Auch er überzeugte beim Confed-Cup, kam seitdem aber nicht mehr zum Zug. Ko-Trainer Marcus Sorg ließ am Montag in Watutinki wissen: "Er ist definitiv sehr stark im Training und ich bin sicher, dass er seine Möglichkeiten bekommen wird, sich zu zeigen."

Zwei Schritte weiter, nämlich vorerst unverzichtbar, sind der junge Leipziger Timo Werner, der sich auf der linken offensiven Seite als besserer weil flexibler Leroy Sané leidenschaftlich festgedribbelt, gesprintet und geredet hat. Und Marco Reus. Er hatte schon vor dem Zittersieg gegen Schweden die Hoffnungen getragen und sie im Spiel erfüllt.

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Reus lobt die Flexibilität im deutschen Spiel.

(Foto: dpa)

Gegen Schweden stand er in der Startelf, für ihn musste Mesut Özil vom FC Arsenal die Planstelle im zentralen offensiven Mittelfeld räumen. Noch ein Weltmeister weniger in der Anfangsformation, neben Khedira und dem verletzten Innenverteidiger Mats Hummels. Nun deutet zwar alles daraufhin, dass Reus an diesem Mittwoch in Kasan gegen Südkorea wieder zu denen gehört, die von Beginn an mitspielen - weil er wie Werner und auch Antonio Rüdiger auf der Innenverteidigerposition das Maß an Schnelligkeit und Dynamik ins Spiel bringt, das die deutsche Mannschaft so dringend braucht, will sie in Russland noch eine tragende Rolle übernehmen. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass Özil wieder draußen bleibt.

"Wir sind frei im Spiel und flexibel"

Reus, der sonst lieber spielt als redet, hat das in Watutinki sehr schön formuliert: "Wir sind frei im Spiel und flexibel, welche Position wir besetzen." Will meinen: Das mit dem Rochieren, von links nach rechts und wieder zurück, das ist kein Problem, das haben sie ja gegen die Schweden schon gemacht. So könnte die Offensive der DFB-Elf beim Kampf ums Achtelfinale so aussehen, dass Werner über die linke Seite kommt und Mario Gomez den Mittelstürmer gibt. Özil agiert dahinter und Reus auf der rechte Seite - und dann tauschen sie halt mal. So frei sind sie ja. Reus jedenfalls gab sich überzeugt: "Wenn wir befreit aufspielen und mit der gleichen Energie und Leidenschaft wie gegen Schweden auf den Platz gehen, werden wir gewinnen."

Damit sind wir bei Thomas Müller, einem weiteren Weltmeister und zehnfachen WM-Torschützen, der vielleicht schon in sehr naher Zukunft die Erfahrung machen muss: In einer Mannschaft, die sich zumindest in Teilen neu erfinden muss, gibt es keine Stammplätze mehr. Nun ist es so, dass diesem Müller trotz frustrierender Leistungen gegen Mexiko und Schweden immer noch alles zuzutrauen ist. Auch, dass er - so wie er inexistente Räume entdecken - die Suche nach der Leichtigkeit urplötzlich beenden kann und wieder wirbelt, messerscharf passt und gar Tore schießt. Das wichtigste Argument gegen ihn ist aber eins für die anderen: Sie scheinen zurzeit besser in Form.

Und da ist ja auch noch der Leverkusener Julian Brandt. Gegen Mexiko und Schweden war er jeweils erst kurz vor dem Schlusspfiff eingewechselt worden, hatte aber in dieser knapp bemessenen Zeit mit guten Schüssen auf des Gegners Tor so sehr überzeugt, dass die Überlegung, ihm ein wenig mehr als ein paar Minütchen einzuräumen, sehr verlockend wirkt. Für die Weltmeister im Team sind das vielleicht keine allzu guten Nachrichten und vielleicht doch mehr als ein Fingerzeig - wenn Löw sich tatsächlich weiter zurück in die Zukunft wagt.

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Quelle: n-tv.de

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