Wirtschaft

In der Nordsee und in Rostock Deutschland träumt vom Weltraumbahnhof

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Auf einer Plattform wie dieser, hier die chinesische Variante, könnten deutsche Weltraummissionen beginnen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Schon in anderthalb Jahren könnten Raketen von Deutschland aus ins All starten. Der Bundesverband der Deutschen Industrie bringt einen Startplatz in der Nordsee ins Spiel. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt schlägt zusätzlich den Flughafen Rostock-Laage vor.

Elon Musk, Richard Branson und Jeff Bezos sind die bekannten Raketenmilliardäre, aber auch in Deutschland gibt es mehrere junge Unternehmen, die in den Weltraum wollen. Isar Aerospace, Hyimpulse und Rocket Factory Augsburg heißen die drei Startups, deren eigene Raketen bald abheben könnten. Aber wo sollen ihre Mini-Raketen starten?

Bislang muss Europa für alle Starts auf das Europäische Raumfahrtzentrum Kourou in Französisch-Guyana zurückgreifen. Der Weltraumbahnhof ist aber über 7000 Kilometer von Deutschland entfernt und für viel größere Raketen ausgelegt, deshalb wünschen sich viele Startplätze in Kontinentaleuropa. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) setzt sich für einen Weltraumbahnhof in der Nordsee ein. "Eine Startplattform für kleine Trägerraketen würde den deutschen Microlauncher-Unternehmen eine deutsche Startmöglichkeit geben", sagt BDI-Weltraumexperte Matthias Wachter im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" und betont, ein Startplatz würde Deutschland "eine unmittelbare Partizipation am Zukunftsmarkt Weltraum ermöglichen".

In der Tat ist dieser Markt vielversprechend. Schätzungsweise sollen allein in den nächsten acht Jahren weltweit mehr als 8000 Kleinsatelliten in den Orbit geschossen werden. Und wenn es nach dem BDI geht, auch von einer Startplattform in der Nordsee aus. Der Verband hat der Bundesregierung ein Konzept vorgelegt, indem eine Plattform auf Hoher See technisch machbar, strategisch und wirtschaftlich sinnvoll wäre. "Die Idee ist, dass wir eine Plattform, wie sie heutzutage bereits für das Aufrichten von Windrädern genutzt wird, umbauen", erklärt Wachter. "Die Trägerraketen würden im Hafen liegend auf diese Plattform gebracht und dann würde sie in die Nordsee rausfahren".

Der BDI ist sich sicher, dass eine mobile Plattform in der Nordsee viele Vorteile hätte: maximale Flexibilität, ausreichend hohe Sicherheit und keine Lärmbelästigung. Die Raketen würden etwa 300 Kilometer vom Festland entfernt starten. So weit ragt der sogenannte "Entenschnabel", wie Deutschlands Ausschließliche Wirtschaftszone wegen seiner Form bezeichnet wird, in die Nordsee hinein. "Dort würde die Rakete aufgerichtet und betankt und könnte von dort aus starten. Die Plattform würde im Anschluss wieder zurück in den Hafen gebracht werden und könnte die nächste Rakete aufnehmen."

Startplattform im "Entenschnabel"

Das Projekt wäre nach Angaben von Matthias Wachter auch nicht so teuer, wie man denken könnte: "In unserem Konzept gehen wir davon aus, dass der Umbau und Betrieb einer Plattform Initialkosten in Höhe von knapp 30 Millionen Euro verursachen würde", nennt er eine Summe, die der Bund auch für drei Kilometer Autobahn ausgibt. "Eine schwimmende Startplattform ist keine Rocket Science. Bereits heute gibt es vergleichbare Plattformen, zum Beispiel in China."

Der BDI erwartet zudem ein lukratives Geschäft für den oder die möglichen Betreiber. Der Verband träumt von einer "deutschen Plattform für Europa", die nicht nur deutsche "New Space"-Unternehmen nutzen dürfen, sondern auch Firmen aus anderen europäischen Ländern. "Die Starts könnten durch Gebühren, vergleichbar mit einem Slot auf Flughäfen, finanziert werden", sagt Wachter.

Andere europäische Länder hegen den gleichen Traum und fahnden eifrig nach einer Art Weltraumbahnhof: Schweden will ebenfalls eine Startrampe anlegen, von der Microlauncher ihre Raketen ins All schießen könnten. Portugal plant einen "Spaceport" auf den Azoren. Außerhalb der EU treiben Schottland und Norwegen entsprechende Planungen voran.

Und die Zeit drängt: Die drei deutschen Firmen gehen davon aus, dass ihre Mikroraketen spätestens 2022 einsatzbereit sein werden. Idealerweise gibt es bis dahin auch eine Startplattform. Technisch wäre das schnell realisierbar, sagt Matthias Wachter. Die eigentliche Herausforderung liege woanders: "Es müssen regulatorische Fragen geklärt werden. Da geht es um die Nutzung des Luftraums, maritime Fragestellungen, Schiffverkehrsrouten und gegebenenfalls müsste es auch Absprachen mit Nordsee-Anrainern geben." Man sei jedoch der Auffassung, dass Politik, Behörden und Unternehmen auch diese Hürde "relativ schnell" überspringen könnten. "Das ist machbar, wenn alle an einem Strang ziehen. Ich nenne als Vergleich gerne den Bau der Tesla-Fabrik bei Berlin."

"Weltraumflughafen" in Mecklenburg-Vorpommern?

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Dirk-Roger Schmitt war an vier Space-Shuttle-Missionen beteiligt.

Und die deutsche Politik scheint aufgeschlossen zu sein. Das Bundeswirtschaftsministerium will die BDI-Idee prüfen, zudem forciert die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern das Thema ebenfalls. Schwerin hatte zuletzt eine Studie beim Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Auftrag gegeben, ob sich der ewig defizitäre Regionalflughafen Rostock-Laage als "Weltraumflughafen" eignet. Das Ergebnis der Prüfung fiel positiv aus.

Dirk-Roger Schmitt vom Institut für Flugführung am DLR stellt im "Wieder was gelernt"-Podcast aber klar, dass niemand ein deutsches Cape Canaveral oder Baikonur erwarten könne. Rostock-Laage biete sich lediglich als Basis für horizontale Starts und Landungen an. "Es geht darum, dass ein Trägerflugzeug mit einer Rakete auf dem Flughafen ganz normal startet. Die Rakete ist vorher startklar gemacht und betankt worden, außerdem ist die Nutzlast, also zum Beispiel ein Satellit, eingebaut worden. Das Flugzeug würde dann auf direktem Kurs Richtung Nordsee oder Nordatlantik fliegen und in großer Höhe die Rakete ausklinken und starten."

Bei diesem als "Luftstart" bezeichneten Manöver erreicht die letzte Raketenstufe schließlich den Orbit und setzt die Nutzlast, in diesem Beispiel ein Satellit, im Weltall aus. Einen vertikalen Raketenstart gäbe es also auf dem deutschen Festland nicht. Rostock-Laage wäre gewissermaßen eher ein Flughafen mit Weltraum-Upgrade.

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Eines Tages könnte der "Dreamchaser" in Rostock landen.

(Foto: Reuters)

Das trifft auch auf eine weitere Missionsvariante zu, die Dirk-Roger Schmitt durchspielt. "Die US-Firma Sierra Nevada Corporation (SNC) entwickelt den 'Dreamchaser', das ist das Nachfolgesystem für das Space Shuttle. Wir haben beim DLR 2015 einen Kooperationsvertrag mit dem Unternehmen geschlossen. Seitdem haben wir auch überlegt, ob es möglich ist, den 'Dreamchaser', der in Cape Canaveral vertikal mit einer Rakete gestartet wird, zum Ende einer bestimmten Mission in Deutschland landen zu lassen." Auch das sei in Rostock-Laage vorstellbar, stellt Schmitt klar. Der Militärflughafen, der auch zivil genutzt wird, hat eine ausreichend lange Start- und Landebahn, darüber hinaus ist das Gelände wegen seines Militärcharakters großräumig abgesperrt.

Ein möglicher "Weltraumflughafen" in Mecklenburg-Vorpommern sei jedoch nicht als Konkurrenz zum Nordsee-Projekt des BDI zu sehen, betont Schmitt. "Beide Verfahren ergänzen sich gegenseitig und sollten beide realisiert werden. Die senkrecht startenden Microlauncher sind natürlich auch sehr attraktiv und werden zu Recht in Deutschland sehr vorangetrieben."

Der DLR schlägt eine Pilotmission in Rostock für 2023 vor, bewegt sich damit also in einem ähnlichen Zeitrahmen wie das Nordsee-Projekt. Jetzt ist die Politik am Zug. Deutsche "New Space"-Unternehmen würden sich freuen, wenn es schon bald hoch hinausgeht.

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Quelle: ntv.de