Wirtschaft

Retter in der Rezession gesucht Wie schnell kommt China aus der Krise?

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Nach der Finanzkrise hat China die Weltwirtschaft vor dem Totalabsturz gerettet. In der Coronakrise schaut die Welt wieder auf China.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die neuesten Wirtschaftsdaten aus China machen Mut: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt fährt nach dem Corona-Stillstand mit viel Schwung wieder hoch. Nach der Finanzkrise 2008 hat die Volksrepublik die Weltwirtschaft erheblich gestützt. Kann das wieder gelingen?

Die chinesische Wirtschaft meldet sich zurück - und das mit Macht, wie es scheint. Dabei sahen die Prognosen für die chinesische Wirtschaft im März noch düster aus. Die Coronakrise hatte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt im ersten Quartal um 6,8 Prozent zum Vorjahr einbrechen lassen. Das erste Land, das vom Coronavirus lahmgelegt wurde, erwachte zwar auch als Erstes wieder aus der Corona-Starre, aber Experten sahen das Erholungspotenzial skeptisch. Drei Monate später jedoch machen die Rückmeldungen aus dem Reich der Mitte unerwartet Hoffnung. Peking prognostiziert für das anstehende dritte Quartal bereits wieder ein BIP-Wachstum um fünf Prozent.

Auch die OECD ist zuversichtlich, was die Erholung der chinesischen Wirtschaft angeht. Die weltgrößte Volkswirtschaft USA könnte in diesem Jahr um bis zu 8,5 Prozent schrumpfen, die chinesische dagegen nur um maximal 3,7 Prozent. China kommt in Fahrt. Und die Welt, die mit Milliarden-Hilfspaketen gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie kämpft, beobachtet dieses Wiederauferstehen - schwankend zwischen Hoffen und Bangen. In der Finanzkrise hat die Volkswirtschaft maßgeblich zur Stützung beigetragen. Wird China die Weltwirtschaft auch diesmal retten können?

Anlass zu vorsichtiger Hoffnung geben auch noch andere Indikatoren aus dem Reich der Mitte. Die chinesischen Exporte sind zwar eingebrochen, aber weniger als erwartet. Die Volksrepublik entpuppt sich als Corona-Gewinner: In den ersten fünf Monaten dieses Jahres nehmen die Ausfuhren von medizinischen Produkten sowie Textilien, etwa für Atemschutzmasken, um gut 20 Prozent zu. Auch der lahmgelegte Automarkt kommt besser in Fahrt als erwartet. Die Verkäufe auf dem weltgrößten Pkw-Markt klettern auf Jahresbasis um 14,5 Prozent auf 2,2 Millionen Fahrzeuge, wie der Herstellerverband CAAM meldet. Im März waren sie um gut 40 Prozent eingebrochen.

Rückkehr zur Normalität?

Dass die zahlungskräftige chinesische Oberschicht bereits wieder in Scharen in den Porsche-Showroom in Peking strömt, versetzt die Fachwelt in Staunen. Die Erwartungen steigen. Die Hersteller werden den Absatzeinbruch bis zum Jahresende zwar nicht mehr aufholen, aber der Verband rechnet dank der Unterstützungsmaßnahmen der Regierung und des gestiegenen Verbrauchervertrauens inzwischen bei den Verkäufen nur noch mit einem Rückgang um 15 statt von bis zu 25 Prozent.

Die wirtschaftlichen Aktivitäten nähern sich laut dem Ökonomen des Wirtschaftsmagazins "Caixin", Wang Zhe, der Normalität an. Das Magazin erhebt den Einkaufsmanagerindex PMI. Auch der Gesamtwert für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor ist in den vergangenen Monaten gestiegen. Er liegt über 50 Punkten - 50 gilt als neutraler Wert. Alles darüber bedeutet Wachstum, alles darunter Schrumpfen. China ist die einzige große Volkswirtschaft, in der die Unternehmen von einem Wirtschaftswachstum ausgehen. 80 bis 90 Prozent der Betriebe arbeiten wieder. Peking tut alles, um das Land in Schwung zu bringen. Selbst hart getroffene Branchen wie Luftfahrt und Tourismus zeigen inzwischen wieder Lebenszeichen. In der letzten Krise ist der Neuanfang so geglückt.

Damals profitierten alle davon. Denn Peking gelang es nach der Finanzkrise 2008 nicht nur die eigene Wirtschaft, sondern auch den Rest der Welt aus dem Tal der Tränen zu ziehen. Geldspritzen von mehr als 500 Milliarden US-Dollar - 13 Prozent der damaligen Wirtschaftsleistung - brachten die heimische Wirtschaft damals auf Trab. Das war genug, um die Nachfrage in China so stark anzukurbeln, dass auch andere Länder davon profitierten.

Auch in der Coronakrise macht Peking wieder milliardenschwere Hilfen locker, um die angeschlagene Konjunktur auf die Beine zu bringen. Das Gesamtpaket ist nach Analystenschätzungen sogar etwas größer als damals. Doch Chinas Wirtschaftsleistung hat sich seit der Finanzkrise fast verdreifacht. Demnach müsste ein äquivalentes Hilfspaket rund 1,5 Billionen Dollar schwer sein. Die Corona-Hilfen bleiben also hinter denen in der letzten Krise deutlich zurück. Warum ist klar: Ein geschätzter Schuldenstand von mehr als 300 Prozent des BIP lässt China keinen Raum für größere Ausgaben.

Wird China erneut die Zugmaschine der Welt?

Dabei ist der Wirtschafts-Gau, den es diesmal zu bewältigen gilt, viel größer. In der allerschlimmsten Phase der Weltfinanzkrise ist Chinas Wachstum im Vergleich zum Vorquartal lediglich um 2,4 Prozentpunkte gefallen. Der Corona-bedingte Einbruch im ersten Quartal 2020 belief sich auf knapp 13 Prozent zum letzten Quartal 2019. Ministerpräsident Li Keqiang machte beim jährlichen Volkskongress Ende Mai keinen Hehl daraus, wie ernst die Lage ist. "Chinas Entwicklung sieht sich mit unvorhersagbaren Umständen konfrontiert", sagte er. Binnennachfrage, Investitionen und Exporte seien rückläufig. Außerdem habe der Druck auf den Arbeitsmarkt zugenommen, ebenso wie die Finanzrisiken.

Die chinesische Zentralbank steht bereit, der geschwächten Wirtschaft deshalb noch stärker unter die Arme greifen. "Die Auswirkungen der Pandemie auf Wirtschaft und Gesellschaft sind größer als erwartet", stellte Pan Gongsheng, einer der Vizegouverneure der Notenbank fest. "Also müssen wir die geldpolitische Unterstützung hochfahren, um Unternehmen zu halten und sowohl den Arbeitsmarkt als auch das Wirtschaftswachstum zu stabilisieren."

Erst vor einer Woche hatten die Währungshüter in einem unkonventionellen Schritt angekündigt, Kredite regionaler Banken aufzukaufen und Zinsswaps durchzuführen. Damit sollen Banken ermuntert werden, ihre Kreditvergabe hochzufahren. Ob all diese Maßnahmen jedoch reichen werden, damit China in der Coronakrise wieder die Zugmaschine der Welt wird, ist ungewiss.

Die Vizepräsidentin der EU-Handelskammer, Charlotte Roule, hat Zweifel. Bei der Vorlage der jährlichen Umfrage zum Geschäftsklima in China spricht sie von einer ungewissen Zukunft, einem "Tappen im Dunkeln" für die Unternehmen. Die Ungewissheit sei so groß "wie seit Generationen nicht mehr". Allein rund 5000 deutsche Unternehmen haben Standorte im Reiche der Mitte. Die Unternehmen sorgen sich nicht nur um den wirtschaftlichen Abschwung, sondern auch um den seit zwei Jahren andauernden Handelskrieg der USA mit China. Kopfschmerzen bereiten darüber hinaus zweideutige Vorschriften in China. Erst jüngst forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel Peking wieder zu weiteren Schritten beim Marktzugang auf und betonte die Bedeutung eines regelbasierten Welthandels.

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Um schnell aus der Krise zu kommen, braucht die Weltwirtschaft die Volksrepublik als globale Zugmaschine. Aber die chinesische Wirtschaft hat ihre Schwachstellen und Tücken. Peking hat mehr mit sich selbst zu tun, als damals nach der Finanzkrise. Die Frage ist also, wie nachhaltig die Erholung, die derzeit zu sehen ist, sein wird. Momentan zieht die Konjunktur wieder an. Aber nur, weil Lager wieder aufgefüllt und Rückstaus abgearbeitet werden. Die langfristigen Auswirkungen der Corona-Vollbremsung aber, auch auf den chinesischen Arbeitsmarkt, sind noch gar nicht zu überblicken.

Schätzungen zweier chinesischer Analysehäuser vom April beziehungsweise Mai zufolge könnten 60 bis 100 Millionen Chinesen in der Virus-Krise ihre Jobs verloren haben. Das entspräche einer Arbeitslosenquote von über 20 Prozent. Die offiziellen Statistiken erzählen etwas anderes, aber hier werden Wanderarbeiter, Menschen ohne Ansprüche auf Unterstützung, nicht mitgezählt. China fehlen Erfahrungen mit einer Rezession. In den Boomjahren wurde der Aufbau von sozialen Sicherungssystemen vernachlässigt. Und eine weitere Infektionswelle ist immer noch nicht ausgeschlossen. Peking steht vor immensen Aufgaben. Natürlich hofften alle auf das "Licht am Ende des Tunnels", sagt der Chefökonom des Berliner Thinktanks Max Zenglein. Doch er warnt vor überzogenen Erwartungen. "Wir sind ja gerade erst reingefahren."

Quelle: ntv.de