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Deichbau der Zukunft "Absolute Sicherheit wird es nie geben"

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Es war am 11. Juni: Ein Deich bricht, und das Dorf Fischbeck in Sachsen-Anhalt wird überflutet.

(Foto: picture alliance / dpa)

Fischbeck, Löbnitz, Deggendorf: Ob Dämme halten, schien in den vergangenen Tagen Glückssache zu sein. Dabei kann einen starken Deich nichts erschüttern. Woran liegt es, wenn er trotzdem bricht? Brauchen wir bessere Deiche? Oder sind sie womöglich gar nicht der beste Schutz bei Hochwasser? n-tv.de spricht mit Professor Holger Schüttrumpf, Leiter des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft der RWTH Aachen.

n-tv.de: Herr Schüttrumpf, viele Deiche an Donau, Elbe und Mulde haben dem Druck der Wassermassen in den letzten Tagen nicht standhalten können. Zahlreiche Dämme sind gebrochen. Woran liegt das?

Holger Schüttrumpf: In einigen Bereichen wurden nicht nur die höchsten jemals eingetretenen Wasserstände überschritten, sondern auch die Bemessungswasserstände. Jeder Deich ist nämlich - wie andere Bauwerke auch - auf eine bestimmte Belastung ausgelegt. Wird die Belastung höher als vorgesehen, kann es zum Versagen des Bauwerkes kommen. Dann bricht der Deich.

Hätte man nach dem Hochwasser von 2002 viel mehr Deiche viel höher bauen müssen?

In vielen Gegenden hat man die Deiche ertüchtigt. Aber aktuell müssen wir zwei Aspekte unterscheiden: Da sind zum einen die Regionen, in denen die Deiche nach 2002 noch nicht den neuen Hochwasserständen angepasst wurden. Es gibt Orte, da hat man - aus welchen Gründen auch immer - den Hochwasserschutz noch nicht komplett umgesetzt. Ein

Beispiel dafür ist Grimma. Dort hatte sich eine Bürgerinitiative gegründet, die gegen den Hochwasserschutz war. Man hatte also nach 2002 die Deiche noch nicht erhöht. Deswegen ist es dort jetzt zu Überschwemmungen gekommen.
Der zweite Aspekt, den man von diesem ersten deutlich unterscheiden muss, betrifft insbesondere die Deiche in Sachsen-Anhalt: Dort waren die Wasserstände, wie ich eingangs schon sagte, höher als je zuvor und höher als die Bemessungswasserstände. Das sind Ereignisse außerhalb des planmäßigen Bereiches. Das ist dann auch nicht mehr Gegenstand des Hochwasserschutzes, sondern des Katastrophenschutzes.

Kann man Deiche beliebig hoch bauen?

Man kann Deiche auf jeden Fall noch höher bauen, als es bislang bei uns der Fall ist. Aber da sind uns auch finanziell Grenzen gesetzt. Vielleicht müssten wir uns eher fragen: Welche Sicherheit wollen wir haben? Wir können uns nur bis zu einem bestimmten Maß schützen. In Deutschland haben wir bestimmte Jährlichkeiten, also Eintrittswahrscheinlichkeiten von Hochwasserereignissen, auf die wir unsere Deiche auslegen. Das kann zum Beispiel ein Ereignis sein, das einmal in hundert Jahren auftreten könnte. Das kann auch ein Ereignis sein, das einmal in fünfhundert oder tausend Jahren auftreten könnte. Das ist regional etwas unterschiedlich. Diese seltenen Ereignisse also werden beim Deichbau berücksichtigt. Man kann die Deiche natürlich noch höher bauen und damit auf ein noch selteneres Ereignis auslegen. Es kann aber auch in Zukunft immer eine Situation eintreten, die einen noch höheren Wasserstand bringt. Eine absolute Sicherheit wird es nie geben.

Aus welchen Materialien bestehen Deiche aktuell? Sind neue Materialien im Gespräch, die weniger schnell durchweichen?

Der heutige Deich ist ein Dreizonendeich: Als erstes ist da eine wenig durchlässige Tonschicht. Die hat die Aufgabe, das Wasser zurückzuhalten. Damit gewährleistet sie die Dichtungsfunktion des Deiches. Die zweite Schicht ist der Sandkern. Der hat die Aufgabe, den Kräften des Wassers zu widerstehen. Die dritte Zone ist der Kiesfilter. Er soll das durchsickernde Wasser am Deichfuß austreten lassen, damit es keine Schäden verursacht. Ein Deich ist nämlich nie ganz undurchlässig.
Es gibt tatsächlich Überlegungen zu anderen Dichtungssystemen innerhalb des Deiches. Aber man muss sehen: Wir reden über viele Kilometer an Deichen. Zum Schluss ist das eine Kostenfrage. Deswegen verwendet man für den Deich üblicherweise Material, das gut verfügbar ist. Da bieten sich Ton, Sand und Kies an. Und auch mit diesen Materialien lassen sich widerstandsfähige Deiche bauen.

An der Küste setzt man eher auf eine zweite Deichlinie als auf eine Aufstockung der Deiche. Wäre das auch an den Flüssen eine Lösung?

An den Flüssen wird das eher nicht gemacht. An der Nordseeküste hat man in der Tat zweite Deichlinien, die sind aber überwiegend historisch entstanden; dort hatte man Land vor dem Deich gewonnen. Über die Jahrhunderte hinweg sind in Nordfriesland auf diese Weise zum Teil fünf bis sechs Deichlinien hintereinander entstanden.
Tatsächlich ist in Nordfriesland bislang noch nie eine zweite Deichlinie gebrochen. Sie bietet eine doppelte Sicherheit. Aber entlang der Flüsse ist eine zweite Deichlinie nicht realistisch. Dafür gibt es mehrere Gründe: den Flächenverbrauch, den Naturschutz, den Konflikt mit anderen Nutzungen und schließlich die Kosten. Ein Kilometer Deich kostet zwei bis fünf Millionen Euro – je nach Region. Erstmal sollten wir überall ausreichend hohe und widerstandsfähige Deiche bauen, in Kombination mit anderen Hochwasserschutzmaßnahmen, wie etwa Poldern und dezentralem Wasserrückhalt oder einer Rückverlegung von Deichen.

Nun hält ein starker Deich ja das Wasser im Fluss. Bei Hochwasser wird der dann aber immer gewaltiger und schneller, und Orte am unteren Flusslauf sind von riesigen Wassermassen bedroht. Wären Überschwemmungsgebiete da nicht grundsätzlich sinnvoller als Deiche?

Polder oder Überschwemmungsgebiete sind genauso wie Deiche ein Bestandteil des Hochwasserschutzes; da spielen verschiedene Aspekte zusammen. Hochwasserschutz muss aus mehreren Komponenten bestehen. Das dürfen nicht nur Deiche sein, es dürfen auch nicht nur Polder sein, und genauso wenig darf es nur dezentraler Wasserrückhalt sein. Ein guter Hochwasserschutz besteht aus vielen kombinierten Maßnahmen – und das sowohl im Oberlauf des Flusses als auch im Unterlauf. Gegen das Wasser, das man oben nicht mehr speichern kann, muss man sich unten wehren. Das geschieht dann eben im Wesentlichen durch Deiche und Hochwasserschutzwände. Und es ist zu unterscheiden zwischen städtischen und ländlichen Bereichen. Auf dem Land kann man unter Umständen, sofern keine Siedlungen betroffen sind, eher mal eine Überflutung zulassen oder den Deich zurückverlegen als in den Ortschaften und Städten.

Inwiefern wird das aktuelle Hochwasser den Deichbau verändern?

Auf der Grundlage dieser Ereignisse wird man die Bemessungswasserstände überprüfen und gegebenenfalls neue Belastungsgrenzen für die Deiche festlegen. Dabei wird man ein zusätzliches Sicherheitsmaß berücksichtigen. Und dann wird man Deiche nach dem aktuellen Stand der Technik als widerstandsfähiges Bauwerk planen und bauen. Um Städte, Dörfer und Gemeinden vor Hochwasser schützen zu können, brauchen wir jedenfalls – neben anderen Maßnahmen – auch in Zukunft Deiche.

Mit Holger Schüttrumpf sprach Andrea Schorsch.

Quelle: n-tv.de

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