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Merapi - Leben in der Ungewissheit Am Krater des "Feuerbergs"

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Der Merapi thront über dem Bauerndorf Selo.

(Foto: Friederike Faller)

Der Merapi in Zentraljava gilt als einer der gefährlichsten und aktivsten Vulkane der Welt. Im Oktober und November 2010 sterben über 320 Menschen bei gewaltigen Eruptionen. Wie leben die Menschen dort mit der ständigen Gefahr? Und wie gut wird der Vulkan von Forschern überwacht?

Es ist 1.30 Uhr, als Trisno Yudi vorsichtig an die Fensterläden klopft. Draußen ist es totenstill, nur der Wind fegt leise durch die Straßen. Selo, das kleine Dorf im Zentrum Javas, schläft: Der Vollmond steht hoch am wolkenlosen Himmel, Sterne sind in dieser Nacht deswegen nur wenige zu sehen. "Es ist Zeit, aufzubrechen", flüstert Yudi durch die glaslosen Fenster. Ja - es ist Zeit, aufzubrechen. Mitten in der Nacht beginnt unser Marsch zum Krater des Vulkans Merapi.

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Der Mond am Krater des Merapi.

(Foto: Friederike Faller)

Der "Feuerberg", der sich finster vom Himmel über Java abhebt, ist nicht immer so still wie in dieser Nacht. Erst vor einem knappen Jahr demonstrierte das gewaltige Massiv seine Macht. Bei den Eruptionen im Oktober und November 2010 kamen mehr als 320 Menschen ums Leben, hunderte weitere erlitten schwere Verletzungen und Verbrennungen. Einen vergleichbar heftigen Ausbruch hat es hier zuletzt im Jahr 1872 gegeben. Es scheint, als habe der Vulkan das Leben der Menschen in der Hand, die hier zuhause sind. In der Vergangenheit gab es am Merapi alle ein bis fünf Jahre Eruptionen – mal größere, mal kleinere. Geowissenschaftler gehen davon aus, dass dies auch in Zukunft so bleiben wird.

Die Javaner haben ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem Feuerberg. Einerseits die ständige Angst vor der Gefahr; andererseits der Nutzen, den sie aus dem Berg ziehen. "Die Vulkanasche, die bei den Eruptionen herausgeschleudert wird, ist wichtig", erklärt Yudi in seinem brüchigen Englisch auf unserem Weg nach oben. "Wenn sie sich mit Regen vermischt, ergibt das guten, fruchtbaren Boden." Auch der Geologe Birger Lühr vom Deutschen GeoForschungsZentrum in Potsdam bestätigt das. Zunächst seien die in der Asche enthaltenen Materialen zwar für die Flora nicht genießbar, "aber durch die Witterung und das viele Regenwasser werden sie schnell aufgeschlossen und so für die Pflanzen zugänglich", erklärt er gegenüber n-tv.de.

Diesen fruchtbaren Boden kann man förmlich sehen. Die Hänge des Merapi und der umliegenden Hügel und Berge werden Zentimeter für Zentimeter landwirtschaftlich genutzt – Gemüse-, Bananen- und Tabakfelder, so weit das Auge reicht. Von den Folgen des Ausbruches im vergangenen Jahr ist hier nichts mehr zu sehen.

"Der Anblick war erschreckend"

Mit forschen Schritten führt uns Yudi den steilen, steinigen Pfad hinauf. Der Krater schwebt düster am Horizont, während wir durch tiefe Furchen den Berghang hinauf stapfen. Der kleine, kräftige Indonesier arbeitet in seinem Heimatdorf als Bergführer – den Merapi kennt er so gut wie nur wenige. Schon sein Vater Pak Auto war weithin als einer der besten Führer bekannt. Mehr als 300 Mal hat Yudi den erschöpfenden Weg zum Gipfel schon in den Beinen. "Der letzte Ausbruch allerdings hat den Weg noch beschwerlicher gemacht", weiß Yudi. In der Tat, der Marsch hat es in sich. Die Pfade, auf denen wir Höhenmeter um Höhenmeter erklimmen, sind für ungeübte Augen nicht zu erkennen.

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Der Merapi beim Ausbruch 2010.

(Foto: picture alliance / dpa)

Als die Behörden Ende Oktober 2010 begannen, das Gebiet um den Merapi weiträumig zu evakuieren, hat auch Yudis Familie ihr kleines Dorf verlassen. Die Aufregung ist jetzt noch in seiner Stimme zu hören, wenn er erzählt, wie sie auf ihren Motorrollern aus der Evakuierungszone gebracht wurden, während der Feuerberg vor der Haustür rauchte und donnerte. Sie mussten all ihr Hab und Gut zurücklassen - ungewiss, welche Opfer der Merapi in seinem Dorf fordern würde. Ungewiss, wann er wieder zurückkehren könne. "Über einen Monat hat es gedauert, bis wir wieder nach Hause durften", erinnert sich Yudi. "Und der Anblick war erschreckend: Das ganze Dorf war zentimeterdick unter Asche begraben." Größere Schäden habe es aber glücklicherweise – zumindest bei ihm – nicht gegeben. Selo im Tal nördlich des Berges hatte Glück im Unglück: Die heiße Aschewolke etwa, die am 30. Oktober 2010 in rasantem Tempo über die Hänge des Merapi zog, wandte sich nach Süden – noch in 4 Kilometer Entfernung brannten hier Felder und Bäume bis auf die Wurzeln nieder. Yudis Haus würde nicht mehr stehen, wäre die Aschewolke auf der anderen Seite den Hang hinuntergeschossen.

Wir sind fast am Gipfel. Erste Ausläufer der aufgehenden Sonne verdrängen mehr und mehr das Mondlicht. Die Täler um den Merapi sind unter einer dicken, weißen Schicht begraben, nur einige andere Vulkane durchbrechen wie Inseln das Wolkenmeer. Die Vegetation ist hier nun ganz dem farblosen Grau der Vulkanasche und des porösen Gesteins gewichen. Immer wieder sehen wir Schwefeldampf, der langsam aus dem Gesteinsboden aufsteigt. Auch über dem Krater erhebt sich langsam eine stetige Rauchwolke. Die letzten 250 Höhenmeter geht es steil bergauf - auf allen Vieren kriechen wir durch Staub und Dreck.

Die Angst hält Besucher ab

Ein Arbeiter im Tabakfeld - die Hänge des Merapi bieten ideale Bedingungen für lanwirtschaftliche Nutzung..JPG

Ein Arbeiter im Tabakfeld - die Hänge des Merapi bieten ideale Bedingungen für landwirtschaftliche Nutzung.

(Foto: Friederike Faller)

Früher, sagt Yudi, habe er zahlreiche Besucher den Berg hinauf geführt, Tag um Tag. "Aber seit der letzten Eruption kommen nur noch wenige Leute hierher", sagt er. Das ist vor allem für die Bergführer der Gegend bitter, denn sie sind auf jede Rupie angewiesen. Seine Frau und er verkaufen aus ihrem Wohnzimmer heraus gegrillte Ziegenspieße mit Reis und Erdnusssauce, um einen kleinen Zusatzverdienst zu haben. "Angst", sagt Yudi leise. "Wahrscheinlich haben die Leute einfach Angst." Und irgendwie ist das auch verständlich, wenn man sich die Bilder anschaut, die noch vor wenigen Monaten von diesem Ort in alle Welt gesendet wurden: verendete Kühe, verbrannte Leichen und eine Landschaft, deren Silhouetten unter der Asche nur zu erahnen sind.

Seit 1924 ist der Merapi unter strenger Bewachung – seiner Gefahr ist man sich nur zu gut bewusst. "Bis zum letzten Ausbruch gab es ein umfangreiches Netzwerk aus Sensoren. Leider wurde ein Großteil dieses Instrumentariums insbesondere im Gipfelbereich zerstört", erklärt der Geowissenschaftler Lühr. Zahlreiche Faktoren wie seismische Aktivität, Formveränderungen, Temperatur der entweichenden Gase und vieles mehr werde normalerweise gemessen, um Rückschlüsse auf die Aktivität eines Vulkans zu ziehen.

Mystik oder Wissenschaft?

Ein Blick in den qualmenden Krater..JPG

Ein Blick in den qualmenden Krater.

(Foto: Friederike Faller)

Wie kommt es aber, dass beim letzten Ausbruch so viele Menschen dem Merapi zum Opfer fielen? Lühr weist darauf hin, dass diese Messungen leider nicht immer ganz so einfach seien, da sie häufig von äußerlichen Faktoren beeinflusst würden. "Die Alarmstufen am Merapi etwa basieren deshalb nur bis zu Stufe drei auf wissenschaftlicher Erkenntnis. Die Ausrufung der Stufe vier - und damit einer Evakuierung - wird aus dem Bauch heraus entschieden", so Lühr.

Vorhersagen über Stärke oder Zeitpunkt einer Eruption lassen sich am Merapi nicht machen. "Unser Verständnis über die Prozesse, die dies steuern, reicht hierfür noch nicht aus." Diese Unsicherheiten seien auch der Grund dafür, warum die Ortsansässigen den Evakuierungen häufig nicht folgten – und auf eigenen Entschluss die Sperrzone nicht verließen. Lühr: "In der betroffenen Bevölkerung halten sich viele Vorhersage-Modelle, die zum Teil auch auf mythischen Vorstellungen basieren." Diesen werde dann oft mehr Glauben geschenkt – mit fatalen Folgen.

Von der tödlichen Gefahr eines Ausbruchs ist am Merapi an diesem Morgen nichts zu spüren. Die Sonne durchbricht gerade am Horizont die Wolkendecke, als wir uns erschöpft am Rande des Kraters in den Vulkanstaub setzen. Hinter uns steigt eine Schwefelfahne aus den Tiefen des Vulkans in den blauen Himmel; vor uns liegen friedlich die Hänge des Merapi, bis sie nahtlos in das weiße Wolkenmeer übergehen. Nur das sanfte Hauchen des Windes dringt an unsere Ohren, der Feuerberg selbst gibt keinen Laut von sich.

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Trisno Yudi am Krater des Merapi - mehr als 300 Mal hat er den Berg schon erklommen.

(Foto: Friederike Faller)

Trisno Yudi legt sich in den groben Staub, nimmt einen Schluck aus der Wasserflasche und blickt zufrieden zur aufgehenden Sonne. "Willkommen am Gipfel, wir haben es geschafft!", ruft er uns zu. Wir sind hier nur zu Besuch - für ihn ist dies seine Heimat. Eine friedliche Heimat, wie es scheint. Ein Flecken Erde, den man sich schöner nicht vorstellen kann. Doch der Schwefelgeruch, der sich verhalten unter die kühle Morgenluft mischt, mahnt: Es ist ein trügerischer Frieden.

Quelle: ntv.de

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