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(Foto: imago/Gottfried Czepluch)
Mittwoch, 14. Februar 2018

Echte Schneckenpost: Blumenstrauß kann Überraschung bergen

Sie haften am Schiffsrumpf oder sitzen in Bananenkisten: Auf unterschiedlichste Art reisen Tiere um die Welt und gelangen in Regionen, in denen sie ursprünglich nicht heimisch sind. Nun zeigt sich: Auch in Bindegrün ist so mancher blinde Passagier versteckt.

Ein Blumenstrauß ist immer ein schönes Geschenk – je dicker, umso besser. Und so wird den Blumen für mehr Volumen häufig das Bindegrün Salal beigefügt. Doch dieses Füllmaterial könne es in sich haben, sagt Heike Reise vom Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz. "Wir haben herausgefunden, dass mit dem Import von Salal auch unerwünschte Passagiere nach Europa gelangen können."

Mit einem internationalen Team untersuchte die Görlitzer Forscherin mehrere Schnecken, die in verschiedenen schwedischen Blumengeschäften gefunden wurden – und zwar zwischen oder in unmittelbarer Nähe von Salal-Lieferungen. Die Wissenschaftler stießen dabei sowohl auf die Bananenschnecke (Ariolimax columbianus) als auch auf die Art Prophysaon foliolatum. Beide sind in Europa nicht heimisch. Wie die Pflanze Salal, stammen auch die Schnecken aus Nordamerika, sie kommen von der Pazifikküste.

Ungewöhnliches Paarungsritual

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Die Bananenschnecke ist gelblich und kann 25 Zentimeter groß werden. Damit ist sie die größte landlebende Schnecke Nordamerikas. Auch für ein ungewöhnliches Verhalten bei der Paarung sind Bananenschnecken bekannt: In etwa fünf Prozent der Fortpflanzungsakte knabbert ein Geschlechtspartner mit Hilfe seiner Raspelzunge den noch in der Vagina steckenden Penis des anderen Partners ab - und frisst ihn auf.

Von der Art Prophysaon foliolatum lässt sich berichten, dass sie nun erstmals überhaupt in Europa aufgetaucht ist. Und: Diese Schnecken können sich bei einem Angriff selbst amputieren und sich von ihrem Hinterleib trennen. Eine Fähigkeit, die ihnen den Beinamen "taildropper" einbrachte.

Salal wird in den feuchten Küstenregenwäldern entlang der Westküste Nordamerikas geschnitten. Dort gedeiht er als üppiger Unterwuchs. "Wir gehen davon aus", sagt Reise, "dass hierbei gelegentlich auch die Schnecken mitgenommen und verpackt werden. Unsere und weitere Funde der nordamerikanischen Arten tauchten immer im Zusammenhang mit dem Bindegrün auf – dies bekräftigt unsere Hypothese." Begünstigend für die unabsichtliche Einfuhr seien die "schneckenfreundlichen" Transport- und Lagerbedingungen der Pflanzen.

Während sich viele europäische Schneckenarten, wie beispielsweise die Rote Wegschnecke oder der Tigerschnegel, bereits erfolgreich in Nordamerika etabliert haben, ist die Einfuhr in die entgegengesetzte Richtung bisher weniger bekannt. Wolle man eine Invasion dieser Tiere entgegenwirken, müsse man den Transportweg künftig besser kontrollieren, so Reise. Sie vermutet, dass die gefundenen Schnecken – auffällig und groß – nicht die einzigen blinden Passagiere sind. "Es ist gut anzunehmen, dass viele andere, kleinere Organismen unbemerkt über diese Route nach Europa gelangen."

Die Forschungsergebnisse wurden im Fachjournal "Folia Malacologica" veröffentlicht.

Quelle: n-tv.de