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60 Jahre nach Juri Gagarin Der Weltraum-Pionier hinkt hinterher

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Am 12. April 1961 war Juri Gagarin der erste Mensch im All, heute sehnen sich viele Russen nach einem solchen historischen Erfolg.

(Foto: dpa)

Vor 60 Jahren schickt die Sowjetunion den ersten Menschen erfolgreich ins All. Inzwischen hat Russland in der Raumfahrt kaum noch Erfolge vorzuweisen. Die Gründe dafür sind zahlreich.

Im Wettlauf mit den USA hatte die Sowjetunion vor 60 Jahren eindeutig die Nase vorn. Am 12. April 1961 brachte sie als erstes Land einen Menschen ins Weltall. Mit der Erdumrundung von Juri Gagarin errang die UdSSR mitten im Kalten Krieg einen Prestigeerfolg, von dem sie noch lange zehrte. Mittlerweile hinkt Russland in der Raumfahrt allerdings den USA deutlich hinterher. Projekte verzögern sich und häufige Pannen haben tiefe Kratzer an Russlands Image als Raumfahrer-Nation hinterlassen.

Russland hat immer noch Großes vor im Weltall: eine Mond-Station, eine ultra-moderne Raumfähre und die Erforschung der Venus. Doch es läuft nicht rund. Die neue russische Raumfähre, die die betagten Sojus-Raketen ablösen soll, hat seit dem Start des Projekts 2009 schon drei Mal den Namen geändert. Doch weder "Föderation" noch "Oriol" noch "Orljonok" sind jemals geflogen.

Der erste unbemannte Flug der neuen Raumfähre ist jetzt für 2023 geplant. "Das ist eine ziemlich lange Etappe", räumt Ex-Kosmonaut Alexander Kaleri ein, der das Zentrum für gesteuerte Flüge des mit der Entwicklung der Raumfähre beauftragten Unternehmens RKK Energuia leitet.

Raumfahrt-Experte Witali Egorow erklärt die Verzögerungen mit "technologischen Schwierigkeiten, westlichen Sanktionen gegen die russische Raumfahrtindustrie und mangelnder Finanzierung". Und solange die Sojus weiter zuverlässig fliege, gebe es ja auch "keine akute Notwendigkeit, eine neue Raumfähre zu bauen".

Keine Erfolgsgeschichten

Doch die Konkurrenz in den USA macht vor, wie es besser laufen könnte. Dort ist es dem privaten Raumfahrtunternehmen SpaceX gelungen, im Auftrag der Nasa wiederverwertbare Raketen und Raumfähren zu entwickeln. Für die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos brechen dadurch Einnahmen weg, denn die Nasa hatte in der Zeit ohne US-Raumschiffe für die Mitbenutzung der Sojus-Raketen bezahlt.

Auch das Projekt einer russischen Trägerrakete namens Angara-A5 kommt nicht voran. Die Idee dafür wurde bereits in den 90er Jahren entwickelt, aber bis heute flog die Rakete nur zwei Mal - 2014 und 2020 - und das unter Testbedingungen.

Ebenfalls keine Erfolgsgeschichte ist das russische Forschungsmodul "Nauka", dessen Bau bereits in den 90er Jahren begann. Wegen einer Vielzahl technischer Pannen ist die Montage des Moduls an der Internationalen Raumstation ISS bis heute nicht erfolgt und mittlerweile für diesen Juli geplant. Kaleri hofft daher, dass die Nutzung der ISS über 2024 hinaus verlängert wird, damit sich der Aufwand überhaupt noch lohnt.

Verluste, Pannen und Verzögerungen

Dmitri Rogosin ficht all dies nicht an. Nach Darstellung des nationalistisch und anti-westlich eingestellten Roskosmos-Chefs ist seine Behörde in der Lage, Proben von der Venus zu sammeln oder eine Rakete zu bauen, die 100 Flüge ins All schafft.

Rogosin verspreche Kreml-Chef Wladimir Putin, "auf den Mond zu fliegen, auf den Mars oder die Venus, aber seine Versprechungen sind alle für die 2030er Jahre, wenn weder der eine noch der andere noch an der Macht sein werden", sagt ein ehemaliger Roskosmos-Verantwortlicher, der nicht namentlich genannt werden will.

Beobachtern zufolge hat Putin tatsächlich keinerlei Ambitionen für wissenschaftliche Projekte, sondern interessiert sich nur für militärische Zwecke. Das Roskosmos-Budget wird immer weiter gekürzt, zuletzt im August 2020 um umgerechnet 15,65 Milliarden Euro und damit um mehr als zehn Prozent. Wegen der wachsenden Spannungen im Verhältnis zu den USA will Russland nicht bei der internationalen Mondstation "Gateway" mitmachen, sondern stattdessen mit China ein Konkurrenzprojekt mit noch unklarem Zeitplan und Budget starten.

Partnerschaften mit Privatunternehmen misstraut Roskosmos, wie Raumfahrt-Experte Egorow sagt. Hinzu kommt die weit verbreitete Korruption. Die Verluste, Pannen und Verzögerungen gehen auch auf die Veruntreuung von Milliarden von Rubel zurück. "Es gibt praktisch kein Raumfahrtunternehmen mehr, dessen Verantwortliche nicht kaltgestellt oder festgenommen wurden", zieht der anonyme Ex-Roskosmos-Verantwortliche Bilanz für Russland. "Heute wird der Sektor von Neulingen ohne Ausbildung in Raumfahrttechnologien geleitet."

Quelle: ntv.de, Victoria Loguinova-Yakovleva, AFP

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