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Bernsteineinschlüsse aus Kreidezeit Forscher enträtseln bizarre Insekten-Kleidung

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Tarnung sichert das Überleben: Schon in der Kreidezeit verkleideten sich Insekten mit Fundstücken.

(Foto: Wang et al. Sci. Adv. 2016)

Sich mit Stöcken, Blättern und anderen Gegenständen zu tarnen ist keine Erfindung des Militärs. Schon in der Kreidezeit fand die Strategie der Camouflage mit ausgefeilten Techniken Anwendung – bei Insekten.

Schon vor weit über 100 Millionen Jahren nutzten Insekten ausgefeilte Techniken, um sich zu tarnen. Paläontologen der Chinesischen Akademie der Wissenschaften untersuchten eine große Anzahl in Bernstein eingeschlossener Fossilien, die Aufschluss über die Evolution dieser "Wolf im Schafspelz"-Strategie geben. Die Fähigkeit zur Tarnung ist im Tierreich weit verbreitet, als besonders raffiniert gelten dabei Methoden, bei denen Fremdkörper genutzt werden, um sich unauffällig Beutetieren zu nähern oder selbst nicht gefressen zu werden. Ein derartiges Verhalten ist von Schnecken, Krabben, Spinnen und zahlreichen Insekten bekannt.

Wissenschaftler vermuten, dass die Florfliegenlarven ihre großen verästelten Antennen auf dem Rücken für die Tarnung eingesetzt haben.

Beeindruckende Tarnfähigkeiten: Die Florfliegenlarve täuschte ihre Gegner mit der Illusion von Größe.

(Foto: dpa)

Für die Autoren der Studie, die in der Fachzeitschrift "PNAS" veröffentlicht wurde, ist diese Art der Tarnung so faszinierend wie komplex: Sie erfordere die Fähigkeit, "aktiv Material zu erkennen, einzusammeln und zu tragen, das nicht nur den eigenen Körper verdeckt, sondern auch zur Umgebung passt". Bislang gab es nur wenige Hinweise darauf, wann sich diese Fähigkeit entwickelt hat.

2012 hatte ein Forscherteam das in Bernstein eingeschlossene Fossil einer Florfliegenlarve vorgestellt, die ein Paket aus Pflanzenresten auf dem Rücken trug. Derartig maskiert verschmolz die räuberische Larve, die vor etwa 110 Millionen Jahren lebte, vermutlich perfekt mit ihrer Umgebung. Das Fossil, das in Spanien gefunden wurde, war bis dato der einzige Beleg für die frühe Entwicklung dieses Verhaltens.

Optischer und chemischer Tarnmantel

Die Wissenschaftler um den Paläontologen Bo Wang analysierten nun mehr als 300.000 Bernsteine mit Insekteneinschlüssen aus Myanmar, Frankreich und dem Libanon, die alle aus der Kreidezeit vor 145 Millionen bis 66 Millionen Jahren stammen. Dabei fanden sie 39 Überreste verschiedener fossiler Netzflügler, darunter fliegen- und schmetterlingshafte Arten sowie urzeitliche Raubwanzen.

Die Untersuchung der Funde ergab, dass manche der Insekten wohl ihre Hinterbeine nutzten, um Staub, Sandkörner, Pflanzenfasern und Farne auf ihre Körper zu schaufeln. Andere bedeckten sich mit den leer gesaugten Hüllen ihrer zuvor erlegten Beutetiere - was ihnen wahrscheinlich nicht nur einen optischen, sondern auch einen chemischen Tarnmantel verlieh.

Besonders aufsehenerregend wirkt das Aussehen kreidezeitlicher Florfliegenlarven: Die mit der Studie veröffentlichten Fotos zeigen Insekten mit tentakelartigen, borstigen Antennen, deren Länge die eigentliche Körpergröße der Tiere um ein Vielfaches übersteigt. Die verästelten Antennen könnten wie eine Art Käfig für das Tarnmaterial gewirkt haben, vermuten die Wissenschaftler.

Auf den Bildern urzeitlicher Raubwanzen sind Tiere zu sehen, deren Körper komplett mit Staubklumpen und Pflanzenresten bewachsen zu sein scheinen. Insgesamt, so die Autoren, habe es schon während der Kreidezeit eine große Vielfalt von Insekten gegeben, die sich mit Fremdmaterial tarnten und dabei ganz unterschiedliche Eigenschaften aufwiesen.

Zusammen mit den Insekten waren außerdem Pflanzenhaare im Bernstein konserviert, die von in der mittleren Kreidezeit weit verbreiteten Gabelfarnen (Gleicheniaceae) stammen. Es wird angenommen, dass Gabelfarne zu den Pflanzen gehörten, die sich nach Waldbränden am schnellsten wieder ansiedelten. Entsprechend deuteten die Farnfunde daraufhin, dass zum Zeitpunkt der Bernstein-Entstehung Feuer eine große Rolle für die Entwicklung der damaligen Ökosysteme spielten, mutmaßen die Forscher.

Quelle: ntv.de, ali/dpa