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An Manganknollen sind aus wirtschaftlicher Sicht vor allem Kupfer, Nickel und Kobalt interessant.
An Manganknollen sind aus wirtschaftlicher Sicht vor allem Kupfer, Nickel und Kobalt interessant.(Foto: BGR)
Donnerstag, 15. April 2010

Milliarden-Geschäft am Meeresboden: Forscher jagen die Super-Knolle

Jochen Müter

Sie sehen aus wie verbrannte Kartoffeln, aber haben es in sich: Manganknollen gibt es weltweit in den Ozeanen. Bisher liegen sie dort ungenutzt auf dem Boden. Das könnte sich bald ändern.

Forschungsschiff "Sonne": Platz für rund 50 Crew-Mitglieder.
Forschungsschiff "Sonne": Platz für rund 50 Crew-Mitglieder.(Foto: RF Forschungsschiffahrt GmbH)

Die "Sonne" ist ein knapp 100 Meter langes Forschungsschiff. Markant sind, neben der rot-weißen Lackierung und seiner schlanken Form, die Krane im Heckbereich. Deren Arme werden kaum zur Ruhe kommen in den nächsten Wochen. Kürzlich legte die "Sonne" ab, von Tahiti ging die Fahrt in den Zentralpazifik. An Bord sind 23 Wissenschaftler von vier großen deutschen Meeresforschungsinstituten, darunter Biologen, Biochemiker, Laboranten, Geo-Mikrobiologen und Rohstoffexperten. "Ein sehr erfahrenes Team mit renommierten Leuten", sagt Michael Wiedicke – und dabei klingt er fast ein wenig aufgeregt. Wiedicke arbeitet für die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) und leitet die Fahrt der "Sonne" vom Standort Hannover aus. Die Objekte seiner Begierde liegen auf dem Meeresboden: faustgroße, schwarze Brocken mit dem Charme eines verbrannten Blumenkohls.

Doch die Manganknollen genannten Gebilde haben es in sich. Während ihrer Entstehung über Millionen von Jahren haben sich in dem, was die meisten einfach Stein nennen würden, wertvolle Rohstoffe angesammelt. Konkret: neben Mangan vor allem Kupfer, Nickel und Kobalt. Oben, an der Luft, sind das gesuchte und immer teurer werdende chemische Elemente. Wichtig für Solaranlagen, Computerchips, die Stahlproduktion und Präzisionsinstrumente. Nicht nur im Kalten Krieg hieß solches Material "strategischer Rohstoff".

Diese Vision vom Abbau auf dem Meeresgrund stammt aus den 80er Jahren.
Diese Vision vom Abbau auf dem Meeresgrund stammt aus den 80er Jahren.(Foto: BGR)

Entdeckt wurden die Knollen vor über 100 Jahren, gezielt erforscht erst seit den 60er Jahren. In den 80er Jahren gab es dann erste konkrete Versuche, die wertvollen Brocken im Sinne eines kommerziellen Abbaus aus meist über 5000 Metern Tiefe ans Licht zu holen. Technisch ging das – aber das Ende der Sowjetunion öffnete den Rohstoffmarkt und sorgte für einen Preisverfall, der die aufwendige Förderung auf Jahre unrentabel machte.

Chart

Inzwischen ändert sich das. Schon kurz vor der Finanzkrise hatten die Preise für Kupfer, Nickel und Kobalt Höchststände erreicht – und zwar in einem Bereich, der den Abbau der Manganknollen lohnenswert macht. Eine Tonne Kupfer brachte im Juli 2008 fast 9000 US-Dollar. Zwar kontrolliert Projektleiter Wiedicke nicht täglich die Kurse, aber er bestätigt, dass ein passender Preis für die drei edlen Rohstoffe aktuell schon wieder erreicht ist: "Wir sind ja wieder steil auf dem Weg nach oben." Im Fall Kupfer momentan etwa bei 7900 US-Dollar pro Tonne.

Es geht um Milliarden

Entsprechend wachsen die Begehrlichkeiten. Neben Deutschland haben China, Indien, Japan, Korea, Frankreich, Russland und ein osteuropäisches Konsortium von der Meeresbehörde der Vereinten Nationen die Lizenz erhalten, die Manganknollen selbst und damit auch ihr wirtschaftliches Potential zu erkunden. Die Bundesrepublik hat sich über das Wirtschaftsministerium 75.000 Quadratkilometer Meeresboden gesichert, gelegen im sogenannten Knollengürtel des Pazifiks, zwischen Hawaii und Mexiko.

Die Route der "Sonne" und die beiden deutschen Claims im Manganknollen-Gürtel.
Die Route der "Sonne" und die beiden deutschen Claims im Manganknollen-Gürtel.(Foto: BGR)

Es ist dabei mehr als eine Randnotiz, dass auch die Verhältnisse auf weit abgelegener See interessant sind. Denn Warlords wie in Afrika, Korruption an Grenzen und Unsicherheiten durch Bürgerkriege und blutige Konflikte sind Domänen des festen Bodens. Auch ist Wiedicke nicht verwundert, dass China wieder seine Finger im Spiel hat. "Der Westen denkt gelegentlich zu wenig an die langfristige Perspektive. Chinesen kaufen Minen, der Westen kauft an der Börse", resümiert er. Der Fokus auf die rasche Rendite werde den langen Zeitspannen bei der Rohstofferschließung nicht immer gerecht. Ein Umstand, der angesichts der möglichen Margen tatsächlich verwundert. Rund 300 Millionen Tonnen abbaubare Knollen liegen im deutschen Claim, schätzen die Experten des BGR. Die Preise vor der Finanzkrise angelegt und die Rohstoffe aus den Knollen gelöst, ergäben sich Verkaufserlöse im mittleren dreistelligen Milliarden-Dollar-Bereich.

Das alles spielt auf der "Sonne", dem Forschungsschiff, zurzeit zwischen Wellengang, der Enge der Kajüten und dem Bedienen der Krane allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Die Wissenschaftler sind mit handfester Grundlagenforschung beschäftigt. Mit einem sogenannten Kastengreifer stanzen die Forscher 50 Mal 50 Zentimeter große Stücke Meeresboden aus und zählen anschließend die gewonnenen Manganknollen. Die Biologen untersuchen parallel das Leben auf den Proben, registrieren Borsten- und Fadenwürmer. Das miteingeholte Meerwasser aus dem Sediment, Porenwasser genannt, muss wegen seiner Fragilität an der Luft schnellstens im Bord-Labor auf seine chemischen Bestandteile und Reaktionsprozesse untersucht werden - und das bei Kühlschranktemperaturen. Ein Knochenjob, der viel Konzentration verlangt.

Dr. Michael Wiedicke von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.
Dr. Michael Wiedicke von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.(Foto: BGR)

Doch die Fahrt soll sich lohnen. Nicht nur, weil eine solche Expedition schnell über eine Million Euro kostet, sondern vor allem, weil wichtige Fragen beantwortet sein wollen. Während die biologischen Untersuchungen der Proben Auflage der Vereinten Nationen sind, steht bei den anderen Tests Pragmatisches im Vordergrund: Wo liegen die meisten Knollen? Wo liegen die Knollen mit dem höchsten Rohstoff-Anteil? Und wo liegen die Knollen, an die man am besten rankommt? Wenn das alles gegeben ist, haben die Forscher den aus ihrer Sicht besten Treffer.

Ein anderer Knackpunkt ist noch ungelöst. Wie können die Knollen geerntet werden, ohne das Ökosystem Meeresboden zu ruinieren? Von der 80er-Jahre-Idee des gnadenlosen, alles verschlingenden Mega-Saugers, der das Sediment gemeinsam mit den Knollen nach oben transportiert, haben sich die Experten längst verabschiedet. Internationale Regel ist, dass das Sediment nah am Boden verbleiben muss – es darf nicht vom Schiff zurück ins Wasser gelassen werden. BGR-Mann Wiedicke setzt dabei auf den technischen Fortschritt im Bereich Sensor- und Erkennungstechnik. Im Zusammenspiel von Kameras und Computern könnte das Material auf dem Meeresboden durchaus voneinander unterschieden werden. Ziel werde es sein, die Knollen sanft ein Stück vom Sediment abzuheben, um sie erst dann anzusaugen. "Ähnlich wie bei der Kartoffelernte", so Wiedicke. Eine Studie sei in Auftrag gegeben, diese Probleme technisch zu lösen. Ergebnisse sollen Ende 2010 vorliegen.

Umweltschützer lehnen Pläne ab

Umweltschutzorganisationen sind nicht per se gegen die Forschung, aber dennoch wachsam. "Wir wissen von der Tiefsee weniger als wir vom Mond wissen", sagt Greenpeace-Meeresbiologin Iris Menn n-tv.de. Und fährt fort: "Solange wir also nicht wissen, was wir da unten haben, sollte man massive Eingriffe erstmal lassen." Für Menn kommt der Unterwasser-Bergbau dem Schleppnetzfischfang gleich, bei dem der Meeresboden regelrecht durchpflügt wird. "Jeder Abbau ist eine physische Zerstörung des Meeresbodens." Zudem sei die Regeneration durch die Kälte in der Tiefe deutlich behäbiger. Auch Wiedicke räumt ein: "Man muss ehrlicherweise sagen, dass ein Eingriff in einer bestimmten Größenordnung nicht ohne Konsequenzen bleibt." Die Herausforderung sei daher, die Auswirkungen im akzeptablen Bereich zu halten. "Und ich denke, das lässt sich machen."

Ausstich aus dem Meeresboden: Natürlich gibt es mehr auf der Oberfläche als die gut sichtbaren Knollen.
Ausstich aus dem Meeresboden: Natürlich gibt es mehr auf der Oberfläche als die gut sichtbaren Knollen.(Foto: BGR)

Wiedicke glaubt spürbar an das Projekt. Und dennoch bleibt ihm nur, Ruhe zu bewahren. Es gibt schließlich noch einiges, das Schwierigkeiten machen kann. Langfristig fallende Preise für Kupfer, Nickel und Kobalt etwa. Schwere ökologische Risiken auch. Oder aber, dass sich keine rentablen Manganknollen-Felder in ausreichender Größe finden lassen. Doch letztlich ist er sicher: "In den nächsten fünf Jahren wird sich viel bewegen." Und wenn es erstmal losgeht, werde alles rasend schnell gehen.

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Quelle: n-tv.de