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"Es gibt keinen risikoarmen Konsum" Frauen in der Alkoholfalle

Bislang galt Alkoholmissbrauch eher als ein Männer-Problem. Doch nach neuen Erhebungen sind 370.000 der insgesamt 1,3 Millionen Alkoholabhängigen in Deutschland weiblich. Rechnet man den Alkoholkonsum von Frauen in Wein um, trinkt jede Frau in Deutschland etwa drei Gläser am Tag. Welche Risiken im regelmäßigen Alkoholkonsum speziell für Frauen stecken, erklärt Christa Merfert-Diete von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V.

n-tv.de: In den letzten Jahren scheinen immer mehr Frauen zur Flasche zu greifen. Woran liegt das?

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Bei Frauen erreicht der Alkohol schneller das Gehirn als bei Männern.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Christa Merfert-Diete: Dafür gibt es mehrere Gründe. Frauen trinken heute öffentlicher als früher. Es gibt jedoch keine Zahlen aus den 1950er oder 1960er Jahren, mit denen wir die heutigen Zahlen vergleichen könnten. Zudem hat sich das Frauenbild auch in Bezug auf den Genuss von Alkohol gewandelt. Trotzdem, auch in den 50er Jahren hat es alkoholabhängige Frauen gegeben, doch getrunken wurde eher im Privaten, hinter verschlossenen Türen. Ein weiterer Grund liegt in der finanziellen Unabhängigkeit von Frauen. Damit haben Frauen heute einen wesentlich leichteren Zugang zu alkoholischen Getränken, die man heute ja rund um die Uhr an jeder Ecke kaufen kann.

Gibt es denn konkrete Zahlen, wie viele Frauen alkoholabhängig sind?

Leider nicht. Experten sind der Meinung, dass in den 1950er Jahren auf neun abhängige Männer eine alkoholabhängige Frau kam. Vor rund 30 Jahren, also etwa 1980, wurde geschätzt, dass ungefähr ein Viertel aller Alkoholabhängigen Frauen waren. Derzeit belaufen sich die Schätzungen auf etwa ein Drittel Frauen, das sind rund 530.000, was die Geschlechterrelation angeht.

Gibt es ein bestimmtes Lebensalter oder einen bestimmten Lebensabschnitt im Frauenleben, in dem die Anfälligkeit für eine Abhängigkeit besonders hoch ist?

Nein, alkoholabhängig kann man in jedem Alter werden. Es wurde aber festgestellt, dass sich das Trinkverhalten von jungen Frauen dem Trinkverhalten von jungen Männern angleicht. Das liegt nicht zuletzt an der Zugänglichkeit der Jugendlichen zum Alkohol und an dem durch Werbung übertragenen Lifestyle in Bezug auf den Alkoholkonsum. Zum Heranwachsen gehört die Persönlichkeitsentwicklung: Junge Frauen sind wie junge Männer vor Entwicklungsaufgaben gestellt. Dazu gehört, die eigene Rolle, den Beruf, die Ziele fürs eigene Leben zu finden und sich auszuprobieren. Und sie möchten - wenn es sein muss, auch durch übermäßigen Alkoholkonsum - dazugehören. Das Problem daran ist, dass sich Jugendliche noch im Wachstum befinden und dass das Nervengift Alkohol ungesunde Auswirkungen auf die körperliche und geistige Entwicklung haben kann. Junge Menschen werden schneller abhängig.

Ist demnach jugendliches Trinkverhalten prägend fürs Leben?

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Es geht auch ohne Prozente - nicht nur bei Bier.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nicht unbedingt. Vielleicht gilt das nur für eine Phase, die unter anderem auch abhängig vom jeweiligen Bekanntenkreis ist. Aus den Behandlungs- und Beratungsdaten der Suchthilfestatistik kann man allerdings feststellen, dass es zwei Altersgruppen gibt, die verstärkt nach Hilfe fragen. Das sind zum einen die jüngeren Frauen im Alter von 20 bis 25 Jahren. Das sind tatsächlich diejenigen, die sehr früh angefangen haben, Alkohol zu trinken und in so jungen Jahren schon mit diversen Problemen konfrontiert werden. Die zweite Altersgruppe sind die 50 bis 55 Jährigen. Bei diesen Personen ist es oftmals so, dass sie über viele Jahre hinweg regelmäßig, teilweise auch gewohnheitsmäßig Alkohol getrunken haben. Die Abhängigkeit hat sich über einen langen Zeitraum schleichend entwickelt und führt natürlich zwangsläufig auch zu diversen Problemen.

Wie kann man sich die schleichende Sucht bei älteren Frauen vorstellen?

Reifere Frauen entwickeln, nicht selten im Kreise ihrer Freundinnen und Bekannten, ein Trinkmuster, das gewohnheitsmäßig zum Tagesablauf dazugehört. Viele von ihnen fallen in eine Art Aufgaben- beziehungsweise Strukturlosigkeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind und die Familie sich verändert, der Partner geht, krank wird oder stirbt. Auch andere Umbruchsituationen, wie etwa Arbeitslosigkeit oder Pensionierung, fördern ein verändertes Trinkverhalten. Oft wird versucht, mit Alkohol eine Lücke zu füllen und unangenehme Gefühle lahmzulegen. Das Problem bei älteren Frauen ist, dass der Alkohol nicht mehr gut vertragen und abgebaut werden kann, so dass es sehr schnell zu gesundheitlichen Schäden kommen kann. Auch sollte man an die Unvereinbarkeit von Medikamenten und Alkohol denken.

Wie viel darf denn eine gesunde Frau mittlerer Größe, mittleren Gewichts und mittleren Alters trinken, um nicht in eine Abhängigkeit zu rutschen beziehungsweise keine gesundheitlichen Schädigungen davonzutragen?

Ohne eine gesundheitliches Risiko einzugehen, nichts. Alkohol ist eine Droge mit gesundheitlichen Auswirkungen. Es gibt also keinen risikoarmen Konsum. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein risikoarmer Konsum – das bedeutet, dass die ausgelösten gesundheitlichen Schädigungen gering beziehungsweise nicht vorhanden sind – für eine gesunde, durchschnittlich gebaute Frau bei 12 Gramm täglich reinen Alkohols liegt (für einen Mann bei 24 Gramm). Diese Menge Alkohol steckt beispielsweise in 0,3 Litern Bier. Frauen vertragen Alkohol aufgrund ihres Stoffwechsels und ihrer körperlichen Konstitution weniger als Männer. Der Alkohol erreicht bei Frauen schneller das Gehirn und die anderen Organe. Zudem hat der männliche Körper meist ein höheres Gewicht, einen höheren Anteil an Wasser und Muskelgewebe.

Was sollte denn eine Frau machen, die von sich denkt, dass sie zu viel trinkt?

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Initiativen für ehemals süchtige Frauen gibt es viele. So etwa das alkohol- und drogenfreie Café Seidenfaden in Berlin.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Frauen sind in der Regel sehr feinfühlig, wenn sie von Außenstehenden auf ihr Trinkverhalten angesprochen werden. Oftmals braucht es nur diesen einen Anstoß von außen, damit Frauen sich kritisch mit ihrem Alkoholkonsum auseinandersetzen. In diesem Fall sollten sich Frauen Hilfe in speziellen Beratungsstellen suchen. Hier können alle Fragen geklärt werden, auch die Frage, ob und welche Art der Behandlung erfolgen soll. Parallel dazu kann jede Betroffene Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe aufnehmen und mit anderen gemeinsam den Weg aus der Abhängig gehen.

Was, wenn eine Alkoholabhängigkeit festgestellt wird?

Die Alkoholabhängigkeit verläuft auf psychischer und körperlicher Ebene. Entscheidet sich eine Frau für eine körperliche Entwöhnung, so geht sie für zehn bis fünfzehn Tage in die Suchtabteilung eines Allgemeinkrankenhauses, und unter ärztlicher Aufsicht erfolgt die Entwöhnung. Im Anschluss sollte eine Entwöhnungsbehandlung in einer Fachklinik begonnen werden, in der die Frau in der Therapie für sich klärt, welche Rolle der Alkohol in ihrem Leben gespielt hat: War er ein Tröster, ein Mittel zur Entspannung oder um weniger zu spüren, oder war er alles zusammen? Welche Selbstzweifel oder Selbstvorwürfe, welche Selbstbilder liegen der Abhängigkeit zugrunde? Hilfreich ist es in jedem Fall, Kontakt zu einer Beratungsstelle in der Nähe aufzunehmen und dort in einem persönlichen und vertraulichen Gespräch alle Fragen zu klären und eine ambulante oder stationäre Behandlung zu beginnen.

Mit Christa Merfert-Diete sprach Jana Zeh

Quelle: n-tv.de

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