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Positiv. Und positiv gestimmt "HIV ist nicht das Ende"

Nach einer schweren Gürtelrose erfährt Michael im Januar 2010, dass er den AIDS-Erreger im Körper hat. Michael ist Familienvater. Kurzzeitig gerät die Welt für ihn ins Wanken. Doch er geht sachlich und aufgeklärt mit der Infektion um. HIV bedeutet für ihn eine Veränderung - aber eine, die Raum lässt für Glück und Zuversicht.

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Michael arbeitet als Online-Berater für die Aids-Hilfe. Er rät jedem zu einem aufgeklärten und sachlichen Umgang mit der HIV-Infektion, gerade in Beziehungen.

(Foto: www.welt-aids-tag.de / Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2011)

Wie betäubt steht Michael auf der Straße. Es ist Anfang 2010, und gerade hat er von seinem Arzt erfahren, dass er HIV-positiv ist. Der Mediziner lässt ihn, den 46-jährigen Familienvater, ohne jeden weiteren Beistand aus der Praxis gehen. Noch immer ist Michael konsterniert, wenn er an diesen Moment zurückdenkt. Er fühlte sich hilflos damals. In seinem Kopf machte sich ein einziger Gedanke breit: Wie sage ich es meiner Frau?

"Ich habe das große Glück", sagt Michael heute gegenüber n-tv.de, "eine sehr gute und tragende Beziehung zu haben. Für meine Frau war meine Infektion kein Grund, mich vor die Tür zu setzen." Seit 20 Jahren sind die beiden verheiratet. Michaels Frau reagiert pragmatisch, als sie – noch am selben Tag wie er selbst – von der Diagnose erfährt. Sie lässt sich testen. Das Ergebnis: negativ.

Wie er selbst zu dem Virus kam, ist eine Frage, die Michael zunächst sehr beschäftigte. "Anfangs habe ich mir den Kopf zermartert, wie das passieren konnte. Aber das mache ich schon lange nicht mehr, das ist jetzt nicht mehr wichtig für mich", erzählt er. "Das Virus ist ein lebenslanger Gesellschafter, das habe ich inzwischen verstanden."

Seit der HIV-Diagnose geht Michael sehr bewusst mit sich und seinem Leben um. Die positive Neugestaltung einzelner Lebensbereiche ist, wie er sagt, "sozusagen ein Grundmotto geworden". Kein Zufall also, dass Michael den Leitsatz des diesjährigen Welt-Aids-Tages voll unterstützt. "Positiv zusammen leben. Aber sicher!" lautet die Devise. Seit 1988 steht der Welt-Aids-Tag Jahr für Jahr am 1. Dezember auf der Agenda. An Aktualität und Wichtigkeit hat er über die Jahrzehnte noch nichts verloren. Rund 34 Millionen HIV-infizierte Menschen leben zurzeit auf der Erde. Das geht aus dem jüngsten Bericht des HIV/AIDS-Programms der Vereinten Nationen, kurz UNAIDS, hervor. Fast 70 Prozent der Betroffenen ist in Afrika zu Hause, südlich der Sahara. Allein in der Republik Südafrika sind Schätzungen zufolge 5,6 Millionen Menschen HIV-positiv. Das sind mehr als in jedem anderen Land der Welt.

Frauen im Fokus der Wissenschaft

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70 Prozent aller HIV-infizierten Menschen auf der Erde leben in Afrika, südlich der Sahara.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Dennoch geben die von UNAIDS zusammengestellten Zahlen Anlass zu leiser Hoffnung: Seit 1997 ist die Zahl der HIV-Neuinfektionen um 21 Prozent gesunken. Aktuell liegt sie bei 2,67 Millionen. Nach wie vor sind, global gesehen, mehr Frauen als Männer von dem HI-Virus betroffen. "In einigen Ländern", erklärt Norbert Brockmeyer im Gespräch mit n-tv.de, "ist es für Frauen schwierig, die Anwendung von Kondomen einzufordern." Brockmeyer ist Sprecher des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Kompetenznetzes HIV/AIDS. "Wie schaffen wir es, gerade Frauen in nicht entwickelten Ländern, wo die Emanzipation nicht so weit fortgeschritten ist, eigenständige Möglichkeiten zum Schutz vor HIV an die Hand zu geben?", formuliert Brockmeyer die Frage, mit der sich die HIV-Forschung intensiv auseinandersetzt. Ein Vaginal-Gel schien hier ein erster Lichtblick zu sein. 2010 stellten Forscher auf der Welt-Aids-Konferenz in Wien das Mittel vor, mit dem es Frauen in Afrika gelungen war, ihr Ansteckungsrisiko deutlich zu minimieren. Nun wurden weitere Versuche mit dem "chemischen Kondom" eingestellt. Nach anfänglichen Erfolgen schnitt es in späteren Studien nicht besser ab als wirkstofffreie Placebos. Der Forschung bleibt also noch viel Arbeit.

In den westlichen Industrienationen ist die Situation rund um Emanzipation, HIV-Aufklärung, -Schutz und -Erkrankung in vielerlei Hinsicht eine andere, als sie sich weltweit darstellt. So sind in Deutschland - um nur einen, sehr ausgeprägten Unterschied zu nennen - vor allem Männer mit dem HI-Virus infiziert. Wie viele genau, lässt sich nicht sagen. Konkrete Zahlen gibt es nicht, denn einige Menschen leben mit dem Erreger, ohne es zu wissen. Andere ahnen bereits, dass sie infiziert sind, doch eine ärztliche Diagnose steht noch aus. Das Robert Koch-Institut in Berlin (RKI) geht von rund 59.000 männlichen Betroffenen aus. Von den Frauen tragen hierzulande geschätzte 14.000 den AIDS-Erreger in sich. Insgesamt leben in Deutschland also etwa 73.000 Menschen mit HIV bzw. AIDS.

Weniger AIDS-Tote in Deutschland

Die meisten von ihnen haben sich beim Intimverkehr infiziert, mehr als 10.000 bei heterosexuellen Kontakten. Die größte Ansteckungsgefahr besteht in Deutschland jedoch unter Männern, die mit Männern Sex haben. Zu dieser Gruppe gehören rund 46.000 der Infizierten. Seit Mitte der 1990er Jahre ist diese Zahl – und damit die Zahl der HIV-Infizierten in Deutschland überhaupt – erkennbar gestiegen, und dass, obwohl es in den letzten Jahren immer weniger Neuinfektionen gab. 2011, so schätzt das RKI, haben sich rund 2700 Menschen in Deutschland mit dem Erreger angesteckt. Die Zahl ist rückläufig. Dass es dennoch insgesamt immer mehr HIV-Infizierte bei uns gibt, ist nicht ausschließlich besorgniserregend – weist die Entwicklung doch darauf hin, dass die Betroffenen nicht mehr so schnell wie früher an AIDS sterben. Die Todesrate sinkt.

Das ist auf erfolgreiche medikamentöse Behandlungen zurückzuführen. Auch Familienvater Michael schluckt Medizin gegen das HI-Virus. Täglich um 21 Uhr nimmt er eine "Once-Daily-Tablette" ein, wie er erzählt. Sie enthält drei zentrale Inhaltsstoffe. Die Nebenwirkungen halten sich bei Michael in Grenzen. "Sie sind bei mir auf stärkere Müdigkeit, auch tagsüber, und häufigere Albträume beschränkt", sagt er.

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Weltweit betrachtet, sterben jedes Jahr immer noch mehr als zwei Millionen Menschen an AIDS.

(Foto: picture alliance / dpa)

HIV-positiv zu sein ist dank pharmazeutisch-medizinischer Errungenschaften schon lange nicht mehr gleichbedeutend mit einem baldigen Tod. Während noch vor zehn Jahren den meisten Betroffenen nach der Infizierung maximal 15 Jahre blieben, versprechen die Hochrechnungen heutzutage ein Leben von weiteren 40 oder sogar 50 Jahren. Ob diese Zahlen so zutreffen, muss sich noch zeigen. Dass die Tabletten, wenn sie über Jahrzehnte genommen werden, ihrerseits ernsthafte Erkrankungen hervorrufen können, lassen die Hochrechnungen unberücksichtigt. Aber auch vor diesem Hintergrund ist "eine Lebenserwartung von 30 Jahren ab dem Zeitpunkt der Infektion mit medikamentöser Behandlung sicherlich realistisch", so das Fazit von HIV-Forscher Norbert Brockmeyer.

Die Familie als Ruhepol

Michael weiß die modernen Medikamente zu schätzen. Doch auch der Rückhalt, den er von seiner Familie erfährt – seiner Frau, der 25-jährigen Tochter und seiner Schwester – spielt eine wesentliche Rolle für sein Leben. "Insgesamt ist das Netz, welches mich jetzt als HIV-Positiver umgibt, besser und stabiler als ich es früher empfunden habe", sagt er. "Die wirklichen Freundschaften und Beziehungen, die ich habe, sind noch einen Tick intensiver geworden." Das alles hilft Michael. Seine Bekannten sind wichtig, seine Angehörigen ein unvergleichlicher Ruhepol. So zeigt sich der Stuttgarter optimistisch: "Abgesehen von wenigen Parametern im gesundheitlichen Bereich geht es mir sehr gut", sagt er. "Meine allgemeine Einstellung ist sehr positiv und zuversichtlich."

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In westlichen Industrienationen ist ein positiver HIV-Test dank moderner Medikamente kein Todesurteil mehr.

(Foto: picture alliance / dpa)

Dass HIV nicht zwangsläufig mit AIDS und Tod gleichzusetzen ist und nicht mit sichtbaren körperlichen Zeichen einhergehen muss, ist, wie Michael feststellt, "im Bewusstsein vieler Menschen noch gar nicht angekommen." In weiten Teilen der Gesellschaft herrscht offenbar ein Bild vor, das nur noch wenig mit der Wirklichkeit zu tun hat. Noch immer sind HIV und AIDS heikle Themen. "Ich erlebe auch im Jahr 2011 eine sehr starke Verunsicherung, was den Umgang mit HIV-Positiven betrifft", beschreibt Michael seine Erfahrung. Er wünscht sich, dass sich die Menschen grundsätzlich besser informieren und mehr Interesse zeigen, sodass ein sachlicher und aufgeklärter Umgang mit Erkrankungen möglich wird - frei von vorurteilsgeprägten Äußerungen. Das würde, so hofft er, auch zu "mehr Toleranz führen gegenüber Menschen, die anders sind oder anders denken und fühlen als man selbst".

Übrigens haben die anti-retroviralen Medikamente, mit denen eine HIV-Infektion therapiert wird, neben der verlängerten Lebenserwartung einen weiteren Effekt: Sie schränken die Ausbreitung des Virus ein. Die frühzeitige Behandlung der HIV-Infektion kann die Übertragung des AIDS-Erregers auf die Partnerin oder den Partner um 96 Prozent verringern, so das Ergebnis einer vor Kurzem veröffentlichten Studie.

Kondome sind das A und O

Auf einen Impfstoff gegen HIV können wir allerdings in naher Zukunft nicht hoffen. "15 bis 20 Jahre haben wir wohl noch vor uns", sagt Experte Brockmeyer. Auch wenn die Wissenschaft bereits jetzt hochinteressante und vielversprechende Ansätze verfolge. Die Entwicklung ist unter anderem deshalb so schwierig, weil das HI-Virus im Körper schnell mutiert und daher in vielen verschiedenen Varianten vorkommt.

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Kondome sind der beste Schutz vor Ansteckung. Die Handhabung sollte auch mit verklärtem Blick - zum Beispiel nach Alkoholkonsum - noch fehlerfrei klappen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Prävention bleibt also das A und O. Immer noch sterben jedes Jahr weltweit mehr als zwei Millionen Menschen an AIDS. So warnt auch Michael: "HIV bleibt trotz allem eine schwere Diagnose, die es, wenn möglich, zu vermeiden gilt." Den besten Schutz bieten nach wie vor Kondome. Falls bereits eine Infektion stattgefunden hat, ist es – davon ist Michael überzeugt – wichtig, mit Freunden, Bekannten oder einer professionellen Beratung aufkommende Fragen und Ängste zu besprechen. "So eine Erkrankung sollte man nicht für sich alleine im stillen Kämmerlein bewältigen wollen", sagt er.

Michael ist HIV-positiv. Doch er bleibt positiv gestimmt. "Das Leben mit HIV ist kein Ende", weiß er, "sondern eine Veränderung im Leben. Eine, mit der jeder trotzdem glücklich und erfüllt sein Leben gestalten kann."

Quelle: n-tv.de

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