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Die Wissenschaftler forschen auch an Fauchschaben.
Die Wissenschaftler forschen auch an Fauchschaben.(Foto: dpa)
Samstag, 10. August 2013

Junge Disziplin der Biotechnologie: Insekten sind mehr als Plagegeister

Bienen können nicht nur Honig machen, Marienkäfer haben nicht nur Punkte. In Gießen wird erforscht, welche Wirkstoffe sich Insekten zunutze machen. Ein Problem der Wissenschaftler: das Image der Tiere.

Insekten können nach Ansicht eines Gießener Forschers helfen, innovative Stoffe in den verschiedensten Industriezweigen zu entwickeln. "Von Insekten lernen, heißt Siegen lernen", sagte Professor Andreas Vilcinskas. Seit dem Jahr 2010 baut er an der Justus-Liebig-Universität zusammen mit der Fraunhofer-Gesellschaft und weiteren Partnern die Disziplin Insektenbiotechnologie auf. Allerdings kämpfe das Forscherteam mit dem schlechten Image der Insekten, so Vilcinskas.

Auch darum gehe es bei der Arbeit seiner Forschungsgruppe: Zeigen, welchen Nutzen die Tiere haben. "Vieles ist einfach nur Kopfsache", sagt der Insektenforscher. Beispielsweise sei einmal ein Getränkehersteller gekommen und habe nach Konservierungsstoffen aus Insekten gefragt. "Im Totengräberkäfer wurden wir fündig. Der Hersteller sagte dann aber: Wenn da steht, das kommt aus dem Totengräberkäfer - glauben Sie, das kauft noch einer?" Wenn er diese Frage nun bei Vorträgen stelle, hebe in der Tat kaum einer die Hand. "Sage ich aber, der Stoff kommt aus der Biene - die ist positiv belegt - sieht es anders aus."

Vilcinskas und sein Team erforschen, wie man mit Insekten, ihren Zellen, Organen oder Molekülen marktreife Produkte herstellen kann - etwa für die Medizin. Die Wissenschaftler entdeckten zum Beispiel, dass im asiatischen Marienkäfer Wirkstoffe gegen den Malaria-Erreger schlummern. Die jetzt erforschten Stoffe könnten jedoch erst in zehn bis zwanzig Jahren auf den Markt kommen.

1,2 Millionen Arten

In der Evolutionsbiologie werde Erfolg durch Biodiversität definiert, betont der Forscher. Wer die höchste Artenvielfalt entwickelt hat, gilt als erfolgreich. Und allein mit ihren beschriebenen 1,2 Millionen Arten seinen Insekten mit Abstand die artenreichste Organismengruppe. "Diese Vielfalt finden wir auch auf molekularer Ebene. Die Tiere verfügen über unterschiedliche Substanzen, um sich vor Angreifern zu schützen oder Parasiten auszuschalten." In Insekten schlummere eine gigantische Naturstoff-Bibliothek. "Unser Forschungsauftrag ist, diese Vielfalt zu erschließen und zum Wohl der Menschen nutzbar zu machen."

Wenn er zum Beispiel ein Antibiotika suche, dann nehme er Arten unter die Lupe, die über ein sehr potentes Immunsystem verfügen müssen, weil sie in Kot leben. "In Rattenschwanzlarven, die einzigen Tiere, die nur in Jauche und Gülle vorkommen, haben wir einen irren Cocktail neuer Moleküle gefunden. Man kann so viel mit Insekten machen - sogar Fett für die Kosmetikindustrie herstellen."

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Quelle: n-tv.de