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Reduziertes Bewusstsein Künstliches Koma: was und warum?

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(Foto: picture-alliance/ dpa)

Fällt ein Patient ins Koma, weist das auf schwerste körperliche Schädigungen hin. Sein Bewusstsein ist maximal gemindert. Warum ist es in der Medizin unter Umständen angeraten, ein Koma künstlich herbeizuführen? Steffen Weber-Carstens, Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin an der Berliner Charité, erklärt, was es mit dem künstlichen Koma auf sich hat.

n-tv.de: Was ist ein künstliches Koma?

Weber-Carstens: Man spricht allgemein immer von "Koma", aber ein künstliches Koma ist ein narkoseähnlicher Zustand. Es werden ähnliche Substanzen eingesetzt wie bei einer Vollnarkose, und im Grunde genommen ist ein künstliches Koma eine verlängerte Narkose. Manchmal, je nach klinischer Situation, ist der herbeigeführte Schlaf tiefer als bei einer Vollnarkose. Wir sprechen eher von "Analgosedierung": einer Schmerz- und Bewusstseinsausschaltung.

In welchen Fällen wird es angewendet und warum?

Da gibt es viele unterschiedliche Situationen. War oder ist zum Beispiel ein Patient bewusstlos und muss künstlich beatmet werden, dann würde er, wenn er noch etwas spürt, den Schlauch in der Luftröhre niemals tolerieren. Natürlicherweise würde er sich dagegen wehren und husten, weil der Schlauch für ihn sehr unangenehm ist. Um die Beatmung in der Akutphase durchführen zu können, braucht man also eine Analgosedierung. Eine andere Situation wäre zum Beispiel eine schwere Schädelverletzung. Da kann die hohe Dosierung von Schmerz- und Schlafmitteln Teil der Therapie sein, um die Druckverhältnisse in Kopf und Gehirn zu regulieren. Eine Begleiterscheinung, die durch die Analgosedierung mitbehandelt wird, ist der hohe Adrenalinausstoß, mit dem der Körper auf ein schweres Trauma reagiert. Die Kreislaufverhältnisse werden also stabilisiert. Grundsätzlich kommt eine Analgosedierung bei schweren intensivmedizinischen Krankheitsbildern in Frage, bei Bewusstseinsstörungen, Lungenversagen, schwerer Blutvergiftung, bei einer Bauchfellentzündung nach bauchchirurgischen Eingriffen. Das sind Fälle, in denen die Patienten beatmet werden müssen. Und dafür bekommen sie eine Analgosedierung.

Bekommt der Patient im künstlichen Koma mit, was um ihn herum geschieht?

Das ist abhängig von der Tiefe der Narkose. Wird die Analgosedierung beendet, nehmen die Patienten beim zunehmenden Wachwerden langsam immer mehr Dinge aus der Umgebung wahr.

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Das künstliche Koma hilft dem Patienten, zu überleben.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Was muss gewährleistet sein, um auf das künstliche Koma wieder verzichten zu können?

Wenn die zugrunde liegende Ursache behandelt und stabilisiert ist, wird das künstliche Koma in der Regel beendet. Die Narkosemittel werden also allmählich reduziert. Sind zum Beispiel bei einem Patienten mit schwerem Schädel-Hirn-Trauma die Blutungen entfernt und die Schwellungen zurückgegangen, dann würde man das künstliche Koma langsam beenden. Wurde ein Patient mit schwerer Lungenentzündung unter Analgosedierung beatmet, lässt man ihn nach und nach wachwerden, sobald das Lungenproblem behandelt ist.

Wie lange erhält man ein künstliches Koma maximal aufrecht?

Das hängt von der Grunderkrankung ab. Grundsätzlich kann es über mehrere Wochen gehen. Aber je länger eine Analgosedierung nötig ist, umso höher ist das Risiko, dass der Patient die Behandlung nicht überlebt. Deswegen ist es Standard, ein künstliches Koma so kurz wie möglich zu halten. Im klinischen Alltag wird mehrmals täglich überprüft, wie tief die Narkose noch sein muss.

Und was passiert nach dem künstlichen Koma?

Der Körper braucht eine Weile, bis er die Medikamente abgebaut hat. Daher haben die Patienten durchaus Entzugserscheinungen: starkes Schwitzen etwa, Kreislaufreaktionen oder Verwirrtheit. Wachen die Patienten allmählich aus dem künstlichen Koma auf, kann es sein, dass sie ihre Angehörigen zunächst nicht erkennen oder auch Wahnvorstellungen haben. Das wird dann medikamentös behandelt. Was die Körperfunktionen anbelangt: Die setzen nach und nach wieder ein, so zum Beispiel die selbständige Atmung. Oder aber sie sind – wie der Herzschlag – sowieso die ganze Zeit über vorhanden.

Mit Steffen Weber-Carstens sprach Andrea Schorsch

Quelle: n-tv.de