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"Atlantis" ging als letzte in Rente Nasa seit einem Jahr ohne eigene Raumfähre

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Die Raumfähre "Atlantis" rollte am 2. November 2012 in ihr neues, letztes Heim im Besucherzentrum des Kennedy Space Centers in Cape Canaveral, Florida.

(Foto: dpa)

Die Spaceshuttle-Flotte war 30 Jahre lang der ganze Stolz der USA und ihr Garant der Vormachtstellung im All. Doch Unfälle und gigantische Kosten brachten ihr das Ende. Vor einem Jahr rollte die letzte Fähre ins Museum. Seitdem sind die USA für die Transporte zur ISS auf andere Länder angewiesen - etwa auf Weltall-Konkurrent Russland.

Es war das Ende einer Ära: Mit viel Wehmut verabschiedeten die US-Amerikaner im vergangenen Jahr ihre legendäre Spaceshuttle-Flotte in den Ruhestand. Als letztes rollte am 2. November 2012 die "Atlantis" ins Besucherzentrum des Weltraumbahnhofs Cape Canaveral, wo sie seit diesem Sommer öffentlich ausgestellt ist. Zuvor waren bereits die anderen verbliebenen Raumfähren der Flotte - "Enterprise", "Endeavour" und "Discovery" - zu ihren endgültigen Ruheplätzen in verschiedenen US-Museen gebracht worden. Dort kann jeder den Shuttles zur großen Freude von Raumfahrtfans ganz nahe kommen - für die US-Raumfahrtbehörde Nasa aber begann mit dem Ende dieser Ära das große Umdenken.

Rund 30 Jahre lang - seit dem ersten Start der "Columbia" am 12. April 1981 war das Shuttle-Programm ganzer Stolz der USA und Garant der US-Vormachtstellung im All gewesen. Eine ganze Generation von US-Amerikanern wuchs mit der Flotte auf, die mehr als 870 Millionen Kilometer zurücklegte und dabei mehr als 21.000 Mal die Erde umrundete und 852 Crewmitglieder transportierte. Die Shuttles wurden zu nationalen Ikonen. Aber die horrenden Kosten - ein einfacher Transport zur Internationalen Raumstation ISS kostete zuletzt rund 700 Millionen Euro - und die tragischen Unglücke der "Challenger" und der "Columbia" setzten dem Programm schließlich ein Ende. Insgesamt waren dabei 14 Astronauten ums Leben gekommen. Im Juli 2012 kehrte die "Atlantis" zum letzten Mal aus dem All zurück.

Wie kommt der Nachschub zur ISS?

Bei vielen Experten blieben Schock und Ratlosigkeit: Wie sollte es weitergehen? Astronauten und Versorgungsnachschub mussten doch weiter zur ISS gebracht werden, schließlich gab es bestehende Verträge. Und sollte die Erkundung des Weltalls - traditionell ein wichtiger Beitrag für den US-amerikanischen Stolz - so einfach sang- und klanglos aufgegeben werden? Einem ursprünglich geplanten Nasa-Nachfolgeprogramm drehte US-Präsident Barack Obama den Geldhahn ab. "In der Geschichte der bemannten Raumfahrt gab es immer ein Nachfolgeprogramm", klagte Nasa-Manager Mike Leinbach öffentlich. "Jetzt haben wir nichts, und es ist mir peinlich, dass wir nichts haben."

Seit Obamas Entscheidung ist der einst so stolze und autarke Platzhirsch bei der Raumfahrt auf Partner angewiesen. Der wichtigste davon ist der einstige Erzfeind und Weltall-Konkurrent Russland - derzeit das einzige Land der Welt, das Menschen zur ISS und wieder zurück zur Erde bringen kann. Gerade erst wurden die Preise für die Mitfahrgelegenheiten erhöht: Pro Person wird ein Hin- und Rückflug an Bord einer russischen Sojus-Kapsel rund 71 Millionen US-Dollar (54,5 Millionen Euro) kosten - rund sieben Millionen mehr als zuvor. Für die Verlängerung des 2016 auslaufenden Vertrages um ein Jahr bis 2017 zahlt die Nasa der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos insgesamt 424 Millionen US-Dollar.

Teure Fremd-Unternehmen

Der zweite Partner ist die Privatindustrie. Insgesamt fünf Unternehmen hat die Nasa damit beauftragt, Transportshuttles für Crew und Fracht zu entwickeln: Blue Origin, SpaceX, Orbital, Sierra Nevada Corporation und Boeing. Aber auch das ist alles nicht gerade günstig. SpaceX bekommt von der Nasa bis 2016 beispielsweise rund 1,6 Milliarden Dollar für seine "Dragon"-Flüge. Der Vertrag mit Orbital hat nach Angaben der Nasa ein Gesamtvolumen von rund 1,9 Milliarden Dollar.

Zudem sind die Privatpartner noch nicht sehr weit. Zwar konnte der "Dragon" bereits zweimal an die ISS andocken und auch der von Orbital entwickelte "Cygnus"-Transporter absolvierte jüngst einen Test, aber zahlreiche Pannen überschatteten die Flüge. Die Entwicklung von Transportern, die Astronauten zur ISS und wieder zurück bringen können, steckt zudem in diesen Fällen noch in den Kinderschuhen. "Wir arbeiten weiter daran, den "Dragon" so umzubauen, dass er Menschen transportieren kann", sagte SpaceX-Manager Garrett Reisman jüngst ausweichend. Dafür seien aber noch viele strikte Tests nötig.

Hoffnung auf eigene Entwicklungen

Große Hoffnungen setzt die Nasa in eine der wenigen verbliebenen Eigenentwicklungen auf dem Gebiet: "Orion", das erste Nasa-Raumschiff aller Zeiten, das mit Menschen an Bord in den fernen Weltraum - viel weiter als die ISS - fliegen soll. Auch "Orion" ist allerdings nicht sehr weit: Gerade wurde es zum ersten Mal angeschaltet. Im kommenden Herbst soll eine erste, noch unbemannte Testmission folgen.

Das Ende der Shuttle-Ära sollte der Nasa laut Präsident Obama eigentlich Raum geben für neue Projekte. Den Mars beispielsweise, wo der Rover "Curiosity" derzeit für dringend gebrauchte Erfolgsschlagzeilen sorgt, und das bis 2019 angekündigte Einfangen eines Asteroiden. Die Shuttles werden trotzdem schmerzlich vermisst, was Nasa-Chef Charles Bolden jüngst noch einmal auf den Punkt brachte. "Es ist inakzeptabel, dass wir derzeit keine amerikanische Möglichkeit haben, unsere eigenen Astronauten ins All zu bringen."

Quelle: n-tv.de, Christina Horsten, dpa

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