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Der unstillbare Drang nach weniger "Magersucht geschieht im Kopf"

Das verstorbene französische Model Isabelle Caro ist wohl die bekannteste Magersüchtige.

Das verstorbene französische Model Isabelle Caro ist wohl die bekannteste Magersüchtige.

(Foto: picture alliance / dpa)

Magersucht wird noch immer von der Bevölkerung unterschätzt, obwohl es die tödlichste Erkrankung unter jungen Erwachsenen ist. Vor allem junge Mädchen versagen sich das Essen aus Angst vor Gewichtszunahme. Warum einfach dünn sein für die Betroffenen nicht ausreicht, wie Angehörige mit dieser extremen Form der Essstörung umgehen können und in welcher Region es keine Magersucht gibt, erklärt der Mediziner Carl Leibl in einem Gespräch mit n-tv.de.

n-tv.de: Sie haben täglich mit magersüchtigen Menschen zu tun. Was ist das Spezielle an dieser Art von Sucht?

Carl Leibl: Der Begriff Magersucht ist nicht ganz korrekt, weil die Verweigerung der Essensaufnahme keine Sucht im engeren Sinne, sondern eher eine Form der Askese ist. Die Sucht von Magersüchtigen besteht eher in dem Wunsch nach dem Dünnsein. Das Wort der Magersucht stammt wohl vom Magersiechtum ab. Das bedeutete, dass Betroffene aufgrund ihrer Essensverweigerung und ihrer Schwäche meistens bis zum Tode vor sich hin gesiecht sind. Die bulimische Magersucht hat schon eher einen Suchtcharakter. Hier wird suchtartig nach großen Mengen von Nahrungsmitteln gegriffen. Die Kalorienzahl soll nach dem Verzehr durch Erbrechen oder anderweitig korrigiert werden. Egal, welche Art von Magersucht: Es ist eine psychosomatische Erkrankung, das heißt, sie spielt sich im Kopf, in Gedanken und Gefühlen intensiv ab, äußert sich aber über den Körper und die Folgen des Untergewichts. Magersucht wird in Deutschland übrigens nicht in Suchtkliniken, sondern in speziell auf Psychosomatik ausgerichteten Häusern behandelt, so wie die Schön Kliniken Roseneck, die sich unter anderem auf die Therapie von Essstörungen spezialisiert haben.

Bei den meisten Süchten geht es ja um ein maßloses Konsumieren oder um maßlose Handlungen. Bei der Magersucht hingegen geht es jedoch um maßlose Verweigerung von Nahrung. Macht das die Arbeit für Sie schwerer?

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Magersüchtige haben eine sogenannte Körperschemastörung. Obwohl sie extrem dünn sind, haben manche das Gefühl, nicht mehr durch eine Tür zu passen.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Es ist eine besondere Schwierigkeit, dass die Magersucht sehr viel mit  Kontrolle zu tun hat. Dass sie für Betroffene ein Lösungsweg ist, um die Angst vor Gewichtszunahme zu reduzieren. Magersüchtige haben extreme Ängste, dass ihnen mit dem Essen alles außer Kontrolle gerät. Aber auch die Bedeutung, die Betroffene durch die Magersucht erlangen können, ist immens. Die Magersucht bringt ihnen mehr Aufmerksamkeit und Sonderbehandlung. Zudem werden sie durch ihre Erkrankung ein Stück aus dem Alltag, aus dem Leistungsbetrieb, in dem sie sich ja gern aufhalten, herausgenommen. Alles das sind nützliche Dinge, wenn auch manchmal nur kurzfristig, für jemanden, der magersüchtig ist. Und darum geht es auch in der Therapie - nicht nur auf die schädigenden, sondern auch auf die nützlichen Dinge zu schauen, die sich für den Patienten ergeben.

Gibt es typische Störungen bei Magersüchtigen?

Ja, es gibt bei Magersüchtigen drei sogenannte Kernstörungsbereiche. Bei  der Körperschema-Störung fühlen sich Betroffene, auch wenn sie extrem mager sind, an bestimmten Körperstellen immer noch zu dick. Rein intellektuell können sie das korrigieren, sie können es aber nicht im Körper fühlen. Es gibt also Menschen mit Magersucht, die wiegen 35 Kilogramm und haben trotzdem das Gefühl, sie passen nicht mehr durch die Tür. Die Wahrnehmung von Gefühlen kann mit Hilfe der Magersucht manipuliert werden. Das bedeutet, Gefühle können gefiltert und stark abgeschwächt werden. Das wissen die meisten Magersüchtigen selbst auch. Der intensivste Kernstörungsbereich ist, dass sich bei Magersüchtigen von Zeit zu Zeit ein ausgeprägtes Minderwertigkeitsgefühl einstellt und das, obwohl die meisten sehr leistungsbereit, von ihrer Grundausstattung attraktiv und extrem auf ihr Äußeres achtend sind. Viele Magersüchtige haben das Gefühl, den anderen gerecht werden zu müssen und nehmen den Kampf gegen die Waage als Leistungsmerkmal an.

Im Mittelpunkt steht doch die Angst! Oder gibt es auch körperliche Faktoren, die zur Magersucht führen?

Ja, die Angst ist in allen drei Kernstörungsbereichen dominant und die Abwehr von Angst ist der Antrieb für das Verhalten von Magersüchtigen. Es gibt allerdings auch körperliche Erkrankungen und Faktoren, die zu starkem bis extremem Untergewicht und zu einem magersüchtigen Aussehen führen können. Dazu gehören unter anderem auch Stoffwechsel- oder Hormonerkrankungen. Um die Diagnose einer Magersucht zu stellen, muss das Untergewicht allerdings willentlich selbst herbeigeführt worden sein, und dies ist bei den körperlichen Ursachen in der Regel nicht der Fall. Auch andere Kernbereiche wie die ständige Angst, zu dick zu werden, die Angst vor Kontrollverlust und die Körperschemastörung fehlen, wenn körperliche Faktoren zu magersüchtigem Verhalten geführt haben.

Gibt es einen Typ von Mensch, der vor allem magersüchtig wird?

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Die schwedische Kronprinzessin Victoria litt in ihren Teenagerjahren unter Magersucht.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ganz klar haben Menschen ein erhöhtes Risiko, an Magersucht zu erkranken, die unter dem Druck des Gesellschaftsideals stehen. Also Leute, die in der Öffentlichkeit mit Konkurrenten oder Mitmenschen konfrontiert sind, die ihre Attraktivität über dünne Körper ausmachen, zum Beispiel Models oder andere Personen, die in der Öffentlichkeit stehen. Ein anderer Risikofaktor ist, wenn die Fähigkeit, Gefühle oder Selbstwertgefühl zu entwickeln oder zu äußern, verkümmert ist. Die bekannte Psychoanalytikerin Hilde Bruch schreibt in einem ihrer Bücher von der auffälligen Unauffälligkeit, die diese Personen typischerweise haben. Magersüchtige rebellieren, ohne Rebell zu sein. Die Magersucht ist ein Schutz, ein Rückzugsort für die meisten. Obwohl von vielen Betroffenen intellektuell das nachvollzogen werden kann, halten sie an diesem Schutzraum fest.

Es sind vor allem Frauen, die magersüchtig werden. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Tatsächlich ist unter zehn Magersüchtigen nur ein Mann. Der Hauptgrund ist vor allem darin zu sehen, dass Mädchen viel größeren körperlichen Veränderungen in der Pubertät ausgesetzt sind als Jungen in dieser Zeit. Dazu kommt, dass Mädchen viel häufiger als Jungen mit einem Schlankheitsideal konfrontiert werden. Bei heranwachsenden Jungen geht es oftmals auch um Volumenzunahme, zum Beispiel der Muskeln. Mädchen sind auch früher mit der psychosexuellen Entwicklung konfrontiert und deshalb auch schneller und stärker zu verunsichern als Jungen. Trotzdem kann es sein, dass die Dunkelziffer bei Jungen um einiges höher ist, da Magersucht jahrelang als Mädchen- und Frauenkrankheit galt.

Gibt es ein Alter, indem das Risiko, an Magersucht zu erkranken, besonders hoch ist?

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Jede 200. Frau hat im Laufe ihres Lebens eine Essstörung.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es gibt im Lauf eines Menschenlebens sogenannte Krisenalter, in denen es zu starken Veränderungen kommt. Die Pubertät gehört natürlich dazu. Es spielt in diesem Zeitraum eine starke Rolle, wie mit Selbstsicherheitsgefühl, mit Körper, mit Ernährung umgegangen wird. Es ist ja bekannt, dass man über die Entscheidung "essen oder nicht essen" sein Selbstwertgefühl regulieren kann. Insgesamt kann Magersucht aber in allen Altersgruppen auftreten. Derzeit soll mit Untersuchungen geklärt werden, wie weit hormonelle Regelungszustände diese Entwicklung zusätzlich begünstigen. Wenn jemand beispielweise in die Menopause tritt, kann das noch einmal eine kritische Zeit sein. Aber auch durch chirurgische Eingriffe, wie das Entfernen der Ovarien (der Eierstöcke), können sich Hormone so verändern, dass die Entwicklung einer Magersucht begünstigt wird. Insgesamt bleibt die Magersucht aber ein multifaktorielles Geschehen, das heißt, sie hat vielfältige auslösende und aufrechterhaltende Faktoren. Es gibt also nicht die eine Ursache für die Magersucht und deshalb ist es in diesem Zusammenhang auch völlig unsinnig, Schuldzuweisungen auszusprechen. Die Ursachenforschung beginnt dementsprechend mit den Genen, geht über die familiären Verhältnisse und endet in den gesellschaftlich vorherrschenden Bildern zur Schönheit.

Es gibt also nicht nur eine Ursache für Magersucht?

Richtig. Es ist immer ein individueller Mix aus mehreren Dingen. Aus diesem Grund benötigen die Patienten auch eine individuell auf sie abgestimmte Therapie, die auf mehreren Ebenen arbeitet.

Können Sie sagen, wie viele Menschen in Deutschland an Essstörungen oder eben an einer Magersucht leiden und gibt es eine Entwicklungstendenz?

Auf die Gesamtbevölkerung bezogen liegen die Zahlen für die Magersucht  zwischen 0,5 und 0,8 Prozent. Bei Essstörungen könnte es sein, dass jede 200. Frau einmal in ihrem Leben an einer Essstörung leidet. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass Essstörungen in letzter Zeit deutlich zunehmen, genaue Zahlen fehlen jedoch noch. Ich persönlich habe jedoch die Hoffnung, dass sich immer mehr outen und Hilfe suchen.

Wie sollten sich Angehörige und Freunde gegenüber Magersüchtigen verhalten? Betroffene sind ja eher zurückgezogen und uneinsichtig.

Der wichtigste Ratschlag ist, das, was ich objektiv beobachten kann, dem anderen gegenüber zu beschreiben und nicht meine Fantasien mitzuteilen. Es geht also darum, Ich-Botschaften zu geben, diese könnten lauten: Ich finde, du bist sehr, sehr dünn geworden und ich mache mir wirklich Sorgen um dich. Es muss dabei um Aufklärung und nicht um Bedrohung gehen. Und selbst wenn der Angesprochene mit Abwehr reagiert, kann man Artikel oder Bücher empfehlen oder weitergeben, immer mit dem Hinweis der eigenen Sorge. Zudem kann man seine Hilfe bei der Suche nach Hilfe anbieten. In der Tat sind aber nahe Angehörige oftmals hilf- und ratlos, wenn der Magersüchtigen die nötige Krankheitseinsicht fehlt oder den Rat als Eingriff in ihre Intimsphäre empfindet.

Oftmals argumentieren Betroffene mit gesunder Lebensweise, um in Ruhe gelassen zu werden …

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Dr. Carl Leibl ist Stellvertretender Ärztlicher Direktor in der Schön Klinik Roseneck.

Das stimmt. Aber auch hier muss man das Weltbild der Magersüchtigen geraderücken. Die sogenannten gesunden Diäten sind nämlich der Nährboden und manchmal auch der Einstieg zur Entwicklung einer Essstörung und eventuell auch einer Magersucht.

Wann ist denn jemand magersüchtig?

Aus medizinischer Sicht gibt es ganz klare Vorgaben, wie eine Essstörung von Magersucht abgegrenzt wird. Die Berechnung des Body-Mass-Index BMI (= kg/m²) liegt dem zugrunde. Ab einem BMI unter 17,5 sprechen wir von Magersucht, alles darüber wird eher als Essstörung gewertet. Ein zweites eindeutiges Kriterium für die Magersucht ist das Ausbleiben der Regelblutung bei Frauen. Weitere Kriterien sind die ständige Angst, zu dick zu sein oder zu werden und Körperschemastörungen, das heißt sich zu dick fühlen bei deutlichem Untergewicht.

Obwohl Magersüchtige völlig ausgezehrt sind, treiben sie weiterhin oftmals sogar exzessiv Sport und nehmen ihre Pflichten wahr. Wie machen die das, ohne jegliche Energie?

Das Problem an der Magersucht ist, dass sich das Krankheitsgefühl nicht adäquat zum körperlichen Zustand einstellt. Das macht die Psyche und die Adaptation, das bedeutet, dass wir Menschen in unserer Entwicklungsgeschichte daran gewöhnt sind, immer mal wieder über einen längeren Zeitraum hinweg ohne Nahrung auszukommen. Wird das zu weit getrieben und Hilfe nicht angenommen, hungern sich Betroffene sogar zu Tode. Umgekehrt kann die Magersucht im Kopf fortbestehen, obwohl sie körperlich schon längst überwunden ist.

Gibt es Regionen auf der Welt, wo es keine Magersüchtigen gibt?

Die Magersucht tritt nur dort auf, wo das Heilmittel, nämlich die Nahrung,  im Überfluss vorhanden ist. In Hungerländern beispielsweise gibt es keine Magersüchtigen, da dort das Hungern das alltägliche Leben ist. Wenn dort zum Beispiel jemand nach der Ankunft von Hilfsgütern meint, seine Portion nicht zu essen, dann freuen sich seine Mitmenschen darüber. Die positiven Effekte für die Magersüchtigen, wie größere Aufmerksamkeit oder Sonderbehandlungen, bleiben dort aus.

Wie vielen Magersüchtigen kann durch Therapie langfristig geholfen werden?

Ich bin Realist, bescheiden, aber auch ein großer Optimist. Man kann Magersüchtige sinnvoll über einen langen Zeitraum begleiten, ohne große Hoffnung zu haben, dass sie jemals vollständig von dieser Krankheit geheilt sein werden. Die Therapie ist oftmals der Strohhalm, der diese Menschen schließlich am Leben hält. Trotzdem sind viele Betroffene nach einiger Zeit wieder lebenstüchtig. Sie gehen, meistens sogar sehr engagiert, ihrem Berufsleben nach und meistern ihren Alltag. Insgesamt kann mehr als ein Drittel aller Magersüchtigen geheilt werden. Ein weiteres gutes Drittel erfüllt die vorher angesprochenen Diagnosekriterien nicht mehr, hat aber immer noch, vor allem in Krisensituationen, Probleme mit dem Essen und der Figur; gerät auch kurzfristig wieder in alte Muster hinein, kennt aber dann auch den Weg wieder hinaus. Ein knappes Drittel macht die chronisch komplexen Verläufe durch. In diesem Drittel gibt es auch eine hohe Sterblichkeitsrate von mehr als 15 Prozent. Die Magersucht ist damit die tödlichste Erkrankung im jungen Erwachsenenalter. Aus diesem Grund müssen Patienten aus dieser Gruppe manchmal auch gegen ihren Willen behandelt werden. Für uns stellt diese Gruppe auch eine sehr große Herausforderung dar.

Mit Carl Leibl sprach Jana Zeh

Quelle: ntv.de