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Der Ölteppich im Golf von Mexiko zwei Wochen nach der Explosion der Bohrinsel.
Der Ölteppich im Golf von Mexiko zwei Wochen nach der Explosion der Bohrinsel.(Foto: picture alliance / dpa)
Mittwoch, 25. August 2010

Endlich Fütterungszeit: Mikrobe bekämpft Ölpest. Oder?

Eine neu entdeckte Mikrobenart soll riesige Ölschwaden in den Tiefen des Golfs von Mexiko vernichtet haben - schreiben Forscher im Magazin "Science". Prof. Dr. Frieder Schauer vom Institut für Mikrobiologie in Greifswald erklärt n-tv.de, wieso das so nicht ganz stimmen kann und was es mit ölfressenden Mikroben auf sich hat.

n-tv.de: Herr Prof. Schauer, das muss ja eine Supermikrobe sein, die sich da an die Ölschwaden 'rangemacht hat. Wie kann es denn sein, dass sie der Wissenschaft bisher unbekannt war?

Frieder Schauer: Normalerweise baut nie eine Mikrobenart alleine das Erdöl ab. Da sind mindestens 10 oder 20 verschiedene Arten beteiligt und auch notwendig. Mit einer alleine würde das gar nicht funktionieren. Es kann aber natürlich sein, dass noch die eine oder andere Art zusätzlich zu den bekannten gefunden wird. Die ist dann aber mit Sicherheit nicht die alleinige Art, die die Ölschwaden abbaut.

Auch ein Teil von Schauers Sammlung: Alkanivorax borkumensis. Dieses Bakterium ist besonders geeignet, um das Meer von Öl zu befreien.
Auch ein Teil von Schauers Sammlung: Alkanivorax borkumensis. Dieses Bakterium ist besonders geeignet, um das Meer von Öl zu befreien.(Foto: American Society of Microbiology und Heinrich Luensdorf, HZI Braunschweig)

Was bedeutet das, wenn es heißt, die Mikroorganismen seien durch die massive Ölpest angeregt worden?

Die Mikroorganismen befinden sich im Wasser und haben die Fähigkeit, Öl abzubauen. Wenn sie das Öl nicht haben, begnügen sie sich mit anderen Nährstoffen. Bloß sind die nicht in der Menge vorhanden. Ist dann plötzlich Öl da, passen sich die Mikroorganismen der neuen Nahrungsversorgung an und vermehren sich sehr stark. Durch das Öl werden die Mikroorganismen in ihrer Entwicklung stimuliert.

Wovon leben die Mikroben denn sonst?

Sie können auch andere Stoffe verwerten, zum Beispiel Eiweiße, Fette oder auch Zucker. Aber Zucker kommt natürlich im Meer nicht in ausreichender Menge vor. Ist das Öl erstmal zersetzt, sterben ölabbauende Mikroorganismen mangels ausreichender Nahrung wieder ab.

Hat es nicht auch Nachteile, wenn sich eine Mikrobenart plötzlich so stark vermehrt?

Das Wasser wird trüber durch die Entwicklung der Bakterien. Doch die Mikroben sind ja auch wieder Nahrung für andere Organismen, etwa von Protozoen oder von Krebstierchen. Die zeitweilige Belastung des Ökosystems wird also schnell wieder egalisiert. Bis das Gleichgewicht wieder hergestellt ist, vergehen allerdings Monate bis Jahre.

Die Endprodukte bei der Ölvernichtung durch die Mikroben sind untoxisch, nämlich CO2 und Wasser. Das entsteht bei allen Abbauprozessen, ganz egal, ob das Erdöl oder Holz oder Eiweiße sind. Auch beim menschlichen Stoffwechsel entstehen CO2 und Wasser. Das sind bei allen lebenden Organismen die Endprodukte.

Sollte man ölzersetzende Mikroben züchten, um sie bei anderen Ölunfällen einzusetzen?

Prof. Dr. Frieder Schauer leitet die Abteilung für Angewandte Mikrobiologie am Institut für Mikrobiologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Das Institut beherbergt eine Sammlung von 6500 technisch nutzbaren Mikroorganismen-Stämmen. Darunter sind rund 1500 Stämme, die Öl abbauen.
Prof. Dr. Frieder Schauer leitet die Abteilung für Angewandte Mikrobiologie am Institut für Mikrobiologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Das Institut beherbergt eine Sammlung von 6500 technisch nutzbaren Mikroorganismen-Stämmen. Darunter sind rund 1500 Stämme, die Öl abbauen.(Foto: Jan Meßerschmidt / Universtität Greifswald)

Diese Frage hat man schon in den 70er Jahren diskutiert. Aber in den letzten Jahren hat man sich dagegen entschieden. An Ort und Stelle kommen nämlich schon so viele ölabbauende Organismen vor, dass es meist nicht nötig ist, von außen weitere Organismen zuzuführen.

Effektiver ist oft, die vor Ort im Ökosystem vorhandenen Organismen etwas zu befördern und in Gang zu bringen. Dafür würde man eine Art Düngung durchführen. Erdöl besteht im Wesentlichen aus Kohlenstoffverbindungen, sodass manchmal Stickstoff und Phosphor fehlen, damit die Organismen richtig in Gang kommen. Man kann also die Nährstoffe verbessern oder auch das Öl feiner verteilen oder Sauerstoff zuführen und höhere Turbulenzen erzeugen. Das alles sorgt dafür, dass die Organismen vor Ort aktiviert werden

Mit Frieder Schauer sprach Andrea Schorsch

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Quelle: n-tv.de