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Die Quecksilberwerte in Blut und Muskeln von See-Elefanten gehören zu den höchsten je bei einem Meerestier gemessenen Konzentrationen.
Die Quecksilberwerte in Blut und Muskeln von See-Elefanten gehören zu den höchsten je bei einem Meerestier gemessenen Konzentrationen.(Foto: imago/Westend61)
Dienstag, 08. September 2015

Quecksilber in der Nahrungskette: See-Elefanten geben viel Gift ans Wasser ab

Seit Langem steigt die Quecksilber-Konzentration in der Umwelt, hochgiftiges Methylquecksilber reichert sich über die Nahrungskette immer weiter an. Überraschend: Eine große Giftquelle ist das Fell von See-Elefanten.

Beim Fellwechsel geben Robben, zu denen die See-Elefanten gehören, große Mengen des hochgiftigen Stoffes Methylquecksilber an die Umwelt ab. US-Biologen fanden um Kolonien von See-Elefanten in Kalifornien teils drastisch erhöhte Werte des Nervengiftes im Wasser. So gelange es erneut in die Nahrungskette, mahnen die Forscher um Jennifer Cossaboon von der University of California in Santa Cruz in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS").

Seit Langem steigen die Quecksilber-Konzentrationen in der Umwelt – etwa als Folge von Kohleverbrennung oder Bergbau. Besonders problematisch ist, dass Mikroorganismen im Wasser das Metall zu dem hochgiftigen Methylquecksilber umwandeln. Dieser Stoff reichert sich entlang der Nahrungskette immer weiter an – bis um den Faktor 1 Million bis 10 Millionen im Vergleich zum Wasser. Daher sind etwa Haie, Thunfische, aber auch Robben besonders belastet.

Nördlicher See-Elefant in Kalifornien.
Nördlicher See-Elefant in Kalifornien.(Foto: imago/Mint Images)

Ende der 1970er-Jahre hatte Ko-Autor Russell Flegal in der Nähe von kalifornischen Robbenkolonien in Muscheln (Mytilus californianus) erhöhte Quecksilberwerte gefunden. "Damals hatten wir nicht die Messinstrumente, um Quecksilber in den in Meerwasser gängigen Konzentrationen festzustellen", sagt der Toxikologe. "Daher nahmen wir Muscheln, die Meerwasser filtern."

Fell samt der obersten Hautschicht

Nun, fast vier Jahrzehnte später, untersuchten die Forscher den Quecksilbergehalt an Kolonien von Nördlichen See-Elefanten (Mirounga angustirostris) nahe der Insel Año Nuevo, die zwischen San Francisco und Monterey vor der Küste liegt. Die Tiere kommen nur zweimal jährlich an Land – zur Paarungs- und Brutzeit sowie zum Fellwechsel, bei dem die Tiere im späten Frühling ihr gesamtes Fell samt der obersten Hautschicht verlieren.

Während der Paarungszeit lagen die Konzentrationen von Methylquecksilber mit 0,6 Picomolar (pM) um das Doppelte über anderen Orten der Region (0,3 pM). Während des Fellwechsels waren sie dagegen im Mittel um das 15-Fache höher (4,5 pM), stellenweise sogar um den Faktor 32 (9,5 pM). "Während des Fellwechsels der See-Elefanten haben die Werte wirklich abgehoben", sagt Flegal. "Dieses Recycling zurück in die Umgebung der Küste macht das Problem noch schlimmer."

Kiloweise Quecksilber durch See-Elefanten

Untersuchte Proben von abgeworfenem Fell enthielten 4 Mikrogramm Quecksilber pro Gramm Trockengewicht. Die Forscher gehen davon aus, dass mehr als 80 Prozent davon hochgiftiges Methylquecksilber sind. Insgesamt, so kalkulieren sie, werfen die rund 4000 erwachsenen See-Elefanten der Kolonie pro Jahr rund 54 Tonnen Fell ab. Damit gelangten hier 200 Gramm Methylquecksilber in die Umwelt. Die gesamte Population von See-Elefanten der Nordhalbkugel bringe an der Pazifikküste von Mexiko und den USA 10 bis 12 Kilo Quecksilber ein, davon der Großteil Methylquecksilber. Damit gelange das hochgiftige Metall erneut über Muscheln oder Zooplankton in die lokale Nahrungskette, wo es sich wiederum anreichere, mahnen die Autoren.

Der Meereschemiker Joachim Kuss vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde hält zwar die Folgerung, dass sich Methylquecksilber durch den Fellwechsel lokal anreichern kann, für plausibel. Allerdings seien die Hochrechnungen auf die Gesamtmenge des in die Umwelt eingebrachten Methylquecksilbers etwas spekulativ, zumal einige Fragen der Datenerhebung nicht ausführlich dargestellt seien – etwa, wo und wie die Wasserproben entnommen wurden.

Schon in einer früheren Studie hatten Forscher der University of California in Santa Cruz um Sarah Peterson festgestellt, dass die Quecksilberwerte in Blut und Muskeln von See-Elefanten zu den höchsten je bei einem Meerestier gemessenen Konzentrationen zählen. 99 Prozent der Tiere hatten demnach Werte, die beim Menschen über dem Schwellenwert für eine Gefährdung liegen würden. Was dies für die Tiere bedeute, sei allerdings unklar.

Quelle: n-tv.de