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Gestörte Nebenschilddrüsen "Stein-, Bein-, Magenpein"

Sie sind kaum größer als eine Linse und dabei lebenswichtig: die Nebenschilddrüsen. Kommen sie ihrer Arbeit nicht nach, äußert sich das häufig in Muskelkrämpfen. Sind sie überaktiv, drohen Müdigkeit, Depressionen oder Bluthochdruck. Oft kann dann nur eine Operation helfen.

Die Nebenschilddrüsen haben eine einzige Aufgabe: Sie sind die alleinigen Produzenten eines Hormons, welches für die Regulierung des Kalziumhaushalts wichtig ist. "Das macht das Nebenschilddrüsenhormon dadurch, dass es die Kalziumausscheidung über die Nieren kontrolliert, die Kalziumaufnahme im Darm fördert oder bei Bedarf Kalzium aus den Knochen herausholt", erklärt Prof. Jochen Kußmann, Leiter der Klinik für Endokrine Chirurgie im Klinikum Eilbek in Hamburg. Um wirken zu können, benötigt das Hormon Vitamin D. Kalzium wird zum Aufbau von Zähnen und Knochen gebraucht. Es ist aber auch nötig, damit Muskeln und Nerven richtig funktionieren.

So wie bei der Schilddrüse kann es auch bei den Glandulae parathyroideae - wie Mediziner die Nebenschilddrüsen nennen - zu einer krankhaften Über- und auch einer krankhaften Unterfunktion kommen. Verringern die Nebenschilddrüsen die Produktion ihres exklusiven Parathormons (PTH), sinkt der Kalziumspiegel im Blut.

Häufigste Ursache ist eine Operation an der Schilddrüse, bei der die kleinen Anhängsel mit entfernt wurden. Die Langzeitfolgen einer nicht behandelten Nebenschilddrüsen-Unterfunktion sind ernst: starke Muskelkrämpfe am gesamten Körper oder auch Bauchkrämpfe. Die Augen können ebenfalls betroffen sein, Teile des Gehirns und der Herzmuskel können "verkalken".

Die Therapie ist schwierig: Das Problem dabei ist die kurzfristige Wirkung des Parathormons, das innerhalb weniger Minuten vom Körper wieder abgebaut wird. Bei einer Unterfunktion der Schilddrüse können Ärzte das zu wenig produzierte Hormon ersetzen. Auch Diabetiker können sich das fehlende Insulin spritzen. "Das Parathormon der Nebenschilddrüse kann ich funktionell aber nicht ersetzen", erklärt der niedergelassene Endokrinologe Reinhard Santen aus Frankfurt. "Ich muss einen Umweg gehen und kann immer nur die Auswirkungen behandeln." Die Dauertherapie sieht eine lebenslange Gabe von Vitamin D und Kalzium vor.

Viel häufiger als die Unterfunktion ist die Überfunktion der Nebenschilddrüse, der Hyperparathyreoidismus (HPT). Ursache ist in vier von fünf Fällen eine - meist gutartige - Zellwucherung (Adenom), die zu einer vermehrten Ausschüttung von Parathormon führt. Die klassischen Beschwerden von HPT werden als "Stein-, Bein- und Magenpein" zusammengefasst: Ist der Parathormonspiegel im Blut zu hoch, gelangt zu viel Kalzium ins Blut. In Niere und Galle bilden sich Steine, die Kalziumabgabe schwächt die Knochen (Osteoporose) und die Magenschleimhaut schmerzt, weil der erhöhte Parathormonspiegel zu einer erhöhten Säurebildung im Magen führt.

So weit muss es aber nicht mehr kommen: Mit einfachen Tests lässt sich heute der Parathormonspiegel im Blut messen, um die Krankheit früh zu erkennen. "Wenn man ganz sicher gehen will, prüft man noch die Kalziumausscheidung im Urin und macht ein Szintigramm", sagt Kußmann. Dabei wird dem Patienten eine schwach radioaktive Flüssigkeit gespritzt, die sich in den überaktiven, vergrößerten Nebenschilddrüsen anreichert.

In vier von fünf Fällen sei nur eine Nebenschilddrüse betroffen. Statt 30 bis 50 Milligramm bringe diese dann zwischen 100 Milligramm und rekordverdächtigen 35 Gramm – 35.000 Milligramm! - auf die Waage. Eine weitere Möglichkeit, die vergrößerten Drüsen zu finden, sind Ultraschalluntersuchungen.

Dank der aktuellen diagnostischen Möglichkeiten sind neue Symptome dazugekommen, die man der Nebenschilddrüsenüberfunktion zuordnen kann: Beispielsweise Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Knochen- und Gelenkschmerzen, Oberbauchschmerzen, Sodbrennen oder Bluthochdruck. Aber auch Depressionen können ihren Ursprung in der vermehrten Parathormonproduktion haben - ein Grund, warum Prof. Kußmann dem Stoff auch den Namen "Hormon der Traurigkeit" gibt.

"Wir wissen heute auch, das dass Nebenschilddrüsenhomon in der Lage ist, das Wachstum der Herzmuskelzellen zu beeinflussen", sagt Kußmann. Dennoch wird die Krankheit dem Experten zufolge nur bei einem von zehn Betroffenen diagnostiziert: Die unspezifischen Symptome werden häufig nicht mit einer Erkrankung der Nebenschilddrüse in Zusammenhang gebracht. Und gerade in der Anfangsphase haben die Betroffenen auch keine Beschwerden, lediglich der erhöhte Kalziumspiegel im Blut deutet auf die Krankheit hin.

Wurde die vergrößerte Nebenschilddrüse als Ursache identifiziert, ist eine Operation das Mittel der Wahl: In 95 bis 98 Prozent aller Fälle könne die Erkrankung durch einen solchen Eingriff geheilt werden, wenn ein erfahrener Chirurg das Skalpell führt, schreibt die Amerikanische Vereinigung der Klinischen Endokrinologen in ihren aktuellen Richtlinien. Nur wenn der Patient zu alt oder krank für eine Operation ist, setzen Ärzte hilfsweise auf Osteoporosemedikamente (Bisphosphonat), die den Knochenabbau hemmen sollen und den Kalziumspiegel senken.

Erfahrung braucht ein Operateur vor allem für die Suche nach den winzigen Drüsen. Das Problem: die Nebenschilddrüsen befinden sich nicht immer an dem Ort, den ihnen die Anatomiebücher zuweisen. Die vier bis acht Winzlinge können laut Kussmann wandern: "Von der Schädelbasis bis runter zum Zwerchfell." Eine eigentlich halbstündige Operation kann dann deutlich länger dauern.

Armd Petry, dpa

Quelle: n-tv.de