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Süßstoff Stevia "Verschwörungstheorien sind falsch"

Danone will als erster EU-Konzern Stevia als Süßstoff in einem Fruchtjoghurt verwenden. Im Juni soll das Produkt zunächst in Frankreich auf den Markt kommen. Die Zulassung als Lebensmittelzusatzstoff durch die Europäische Kommission steht noch aus. "Die Verschwörungstheorien in diesem Zusammenhang, die man manchmal lesen kann, sind wahre Fehlinformationen", sagt Stevia-Experte Udo Kienle von der Universität Hohenheim. Er sagt: In Stevia steckt mehr als Süße.

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Eine Steviapflanze ist eher unscheinbar.

(Foto: Sten Porse, Wikipedia)

n-tv.de: Schmeckt Stevia genau so wie Zucker?

Udo Kienle: Das kommt auf das Herstellungsverfahren an, denn es gibt verschiedene Möglichkeiten, Stevia-Extrakte zu produzieren. Wenn Steviapulver gut hergestellt wird, dann kommt der Geschmack dem des üblichen Haushaltszuckers sehr nahe. Bei nicht so günstigen Herstellungsverfahren kann es zu einem leicht bitteren beziehungsweise lakritzartigen Nachgeschmack kommen. Die Stevia-Blätter sind übrigens 13 Mal süßer als Zucker. Die Stevia-Extrakte haben sogar eine bis zu 300 Mal größere Süßkraft.

Welche Teile der Pflanze werden als Süßstoff benutzt und wie?

Zum Süßen und als Rohstoff für Stevia-Extrakte werden nur die Blätter verwendet. Die Pflanze, die aus Paraguay stammt, bevorzugt subtropisches Klima. In ihrem Ursprungsland kann sie vier bis sechs Jahre genutzt werden. Sie kann bis zu einem Meter hoch werden.

Wieso schmeckt Stevia eigentlich süß?

Das, was wir schmecken, sind sogenannte Steviol-Glycoside, also süßschmeckende Moleküle. Diese sind hitzebeständig und können von den Bakterien, die üblicherweise im Mund sind, nicht gespalten werden. Das heißt, sie bilden keine Energiequelle für die Bakterien und aus diesem Grund können diese nicht wachsen. Trotz extremer Süße sind Stevia-Extrakte kalorienfrei, zahnfreundlich und belasten nicht das Grundwasser wie andere Süßstoffe.

In Deutschland sind Stevia-Produkte nur als Kosmetikprodukte auf dem Markt. Würden Sie die als Lebensmittel empfehlen?

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Ein Bauer hält getrocknete Stevia-Blätter in seinen Händen.

(Foto: REUTERS)

Auf gar keinen Fall. Erst einmal ist festzustellen, dass die Deklaration von Stevia als Kosmetikum die Umgehung des Lebensmittelgesetzes bedeutet. Normalerweise dürfen solche Produkte überhaupt nicht auf dem Markt sein. Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass die zuständigen Behörden nichts gegen solche Produkte unternehmen. Denn es ist eindeutig, dass Stevia ein Lebensmittelzusatzstoff und kein Kosmetikum ist. Die Produkte, die auf dem sogenannten Grauen Markt verkauft werden, unterliegen nicht der Lebensmittelkontrolle - das bedeutet, dass die Qualität nicht überprüft wird.

Der Verbraucher muss sich auf die Angaben des Vertreibers verlassen. Die jedoch sind oftmals falsch. Ich habe mit Kollegen im Institut eine ganze Menge Produkte untersucht und wir konnten die Angaben wie beispielsweise "hoch rein" oftmals nicht bestätigen. Das Problem ist, dass der Verbraucher minderwertige Produkte selbst nicht erkennen kann. Der Verbraucher weiß letztlich nicht, was er bekommt, deshalb sollte er die Finger davon lassen. Selbst bei den Pflanzen und Blättern, die überteuert auch im Internet zu erwerben sind, hat der Verbraucher keine Sicherheit. Es sind heute bereits eine Menge genmodifizierter Pflanzen auf dem Markt. Auch das ist unzulässig.

Warum ist Stevia in der EU immer noch verboten?

Zuerst einmal: Stevia ist in der EU nicht verboten, sondern als Lebensmittelzusatzstoff nicht erlaubt. Das ist ein Unterschied. Es gibt aber eine Verbotsliste, auf der auch giftige Pflanzen stehen. Stevia gehört nicht dazu. Stevia-Extrakte sollen als Lebensmittelzusatz zugelassen werden. Dafür gibt es in der EU bestimmte Richtlinien. Gemäß diesen Richtlinien muss die gesundheitliche Unbedenklichkeit belegt werden und das war bislang nicht der Fall, weil die jeweiligen Antragsteller nicht die notwendigen Unterlagen eingereicht haben. Also ist das ein Fehler der Antragsteller. Die Verschwörungstheorien in diesem Zusammenhang, die man manchmal lesen kann, sind wahre Fehlinformationen.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat jedoch neuere Daten ausgewertet, Anfang dieses Jahres eine neue Bewertung für Stevia durchgeführt und die Ergebnisse an die Europäische Kommission weitergeleitet. Diese ist insofern positiv, als dass sie Sicherheit auf niedrigem Niveau festgestellt hat. Allerdings liegt darin auch das Problem für den Verbraucher. Die EFSA legt den unbedenklichen Höchstwert auf 4 Milligramm (mg) Stevia-Extrakt pro Kilogramm Körpergewicht am Tag fest. Ein Liter Limonade müsste mit ungefähr 600 mg Stevia-Extrakt gesüßt werden. Ein Kind mit 18 Kilogramm könnte dann nicht einmal ein Glas (0,2 Liter) dieser mit Stevia gesüßten Limonade trinken. Das würde bedeuten, dass der Hersteller verpflichtet wird, den Vermerk "Für Kinder nicht geeignet" auf das Etikett seiner Limonade zu schreiben oder aber, dass er zusätzlich zu Stevia Zucker oder andere Süßstoffe in seiner Limonade verwenden müsste. Der Verbraucher hingegen wäre durch solche Vermerke verunsichert und hätte letztendlich selbst ein gewisses Gesundheitsrisiko zu tragen. Viele würden dann wahrscheinlich auf den Kauf von steviagesüßten Getränken verzichten.

Wie kann diese Misere behoben werden?

Das ist ganz einfach. Die großen Lebensmittelkonzerne haben es bis jetzt versäumt, große Langzeitstudien in Auftrag zu geben und natürlich zu finanzieren, damit endlich die hundertprozentige Unbedenklichkeit für die Gesundheit des Menschen bewiesen werden kann. Zudem könnten in einer solchen Studie sogar gesundheitsfördernde Wirkungen wie Senkung des Blutdrucks, Linderung von Rheuma, Gewichtsabnahme etc. erkannt werden. Dazu kommt, dass Stevia Vitamin C wesentlich langsamer abbaut. Die synthetischen Süßstoffe Aspartam und Saccharin hingegen bauen dieses Vitamin massiv ab. Die interessierten Hersteller sind jedoch zögerlich und warten, da sie sich Stevia als Naturprodukt nicht patentieren lassen können. So wird also weiterhin abgewartet bzw. nach Mitteln und Wegen eines Patents gesucht. Coca Cola hat  in den USA bereits 2007 insgesamt 24 Patente auf Stevia-Produkte angemeldet.

Steckt außer Süße noch mehr in Stevia?

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Udo Kienle von der agrarwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hohenheim forscht seit mehr als 20 Jahren zu Stevia.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Ganz bestimmt. Wenn es zu einer Zulassung von Stevia als Lebensmittelzusatzstoff ohne Einschränkungen in der EU kommt, so könnte der Anbau der Pflanze zum Beispiel viele Tabakbauern in Europa retten. Da die Subventionen für Tabakanbau bis 2013 in der Europäischen Union vollständig eingestellt werden, kann der Anbau von Steviapflanzen eine echte Alternative bieten, allerdings nur, wenn die Nachfrage nach dem natürlichen Süßstoff auch steigt. Wir Forscher der Uni-Hohenheim versuchen gerade, durch eine aktuelle Verbraucherbefragung herauszubekommen, welchen Anforderungen Stevia beim Verbraucher standhalten muss. Das ist unser ganz spezieller Beitrag, damit in Zukunft jeder das gesamte Einsatzpotenztial von Stevia nutzen kann.

Süßen Sie Ihre Nahrung mit Stevia?

Bislang sind Stevia-Produkte in der EU ja noch nicht zugelassen. Dadurch ist die Anwendung nicht möglich. Das gilt natürlich auch für uns. Aber aus beruflichen Gründen testen und verkosten wir Stevia-Süßstoffe.

Quelle: ntv.de, Mit Udo Kienle sprach Jana Zeh