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Zwei gegenläufige Prozesse Was Stress bei Ungeborenen anrichtet

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Stress könnte auch bei Menschen eine Umprogrammierung bewirken.

(Foto: picture alliance / dpa)

Stress in der Schwangerschaft ist schlecht für die Entwicklung des Ungeborenen. Welche Rolle der Zeitpunkt spielt und wann es sogar zu einer Entwicklungsbeschleunigung kommt, finden Forscher nun mit Daten von Primaten heraus.

Eine Schwangerschaft ohne jegliche Art von Stress ist illusorisch. Bisherige Forschungen zeigten, dass Stress bei Säugetieren sowohl zu einer schnelleren, als auch zu einer langsameren Entwicklung des Ungeborenen oder zu keiner messbaren Veränderung führen kann. Forscher des Leibniz-Instituts für Primatenforschung, der Universität Göttingen und New Mexiko wollten es nun genauer wissen.

Sie analysierten die Ergebnisse von insgesamt 719 Studien an 21 verschiedenen Säugetierarten, in denen die Auswirkungen von Stress auf Größe und Wachstum der Nachkommen bereits untersucht worden waren. "Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Einfluss von mütterlichem Stress auf die Entwicklung der Nachkommen davon abhängt, ob die Mutter im frühen oder späten Stadium der Schwangerschaft Stress erfahren hat", erklärt der Verhaltensforscher Andreas Berghänel. Den beobachteten Effekten liegen demnach zwei verschiedene Prozesse zugrunde, die sich je nach Entwicklungsstand des Nachwuchses gegenseitig aufheben können.

Ist eine werdende Mutter zum Ende der Schwangerschaft gestresst, dann kann weniger Energie in den Nachwuchs investiert werden. Das hat zur Folge, dass Ungeborene langsameres Wachstum zeigen im Vergleich zu Ungeborenen nicht gestresster Mütter. Dieser Effekt hält allerdings nur eine bestimmte Zeit an. "Stress in der späten Schwangerschaft führt also vorübergehend zu einem langsameren Wachstum des Nachwuchses. Wenn die Jungtiere unabhängig von der Mutter werden, wachsen sie jedoch normal", erklärt Berghänel.

Stress führt zu Umprogrammierung

Stress in der frühen Schwangerschaft hingegen erzeugt ganz andere Effekte beim Nachwuchs. Diese Kinder wachsen schneller und werden auch früher geschlechtsreif, stellen die Forscher fest. "Das Ungeborene wird im Mutterleib umprogrammiert, es beschleunigt seinen Lebenszyklus, um seine geringere Lebenserwartung zu kompensieren", erklärt Berghänel. Einmal auf der Überholspur, wachsen diese Kinder auch nach der Entwöhnung von der Mutter schneller als ihre weniger benachteiligten Artgenossen. So soll die Chance auf eigene Nachkommen erhöht werden. Da sich beide Effekte gegenläufig auf Wachstum und Größe auswirken, könnten sie sich gegenseitig aufheben.

Die Ergebnisse, die die Forscher in der Zeitschrift PNAS veröffentlichten, könnten helfen, Entwicklungsprozesse des Menschen besser zu verstehen. So könnte beispielsweise besser erklärt werden, weshalb Mädchen, die in ärmeren Regionen aufwachsen, früher geschlechtsreif werden.

Quelle: n-tv.de, jaz

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