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Wohncontainer, Bergbau und Gemüsezucht Wie der Mars bewohnbar wird

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Unterirdische Pflanzenzucht, oberirdische Forschung: Ein Leben auf dem Mars stellt höchste Anforderungen an die Technik.

(Foto: NASA)

Einmal auf dem Mars angekommen, hat man keine Wahl: Knapp ein Jahr muss man es aushalten auf dem Roten Planeten, vorher gibt es kein Zurück. Dabei ist der Mars alles andere als lebensfreundlich. Doch das könnte sich ändern.

Der Mars ist erdähnlich. Immerhin. Er hat eine feste Oberfläche und er hat Gesteinslandschaften, die wir von der Erde her kennen. Aber Essenzielles, das der Mensch zum Leben braucht, hat er nicht. Ulrich Köhler vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Berlin kommt als Erstes auf die Beschaffenheit der Atmosphäre zu sprechen: "Sie besteht auf dem Mars zu 95 Prozent aus Kohlendioxid", sagt Köhler und es ist klar, was das bedeutet: "Ohne Raumanzug kann man dort nicht atmen." Die ersten Menschen auf dem Mars müssten sich daher Habitate aufbauen, Wohncontainer, in denen eine Luftzusammensetzung herrscht wie auf der Erde. "Man kann ja nicht monatelang im Raumanzug rumlaufen", stellt Köhler fest.

Ein weiteres Problem: Wasser. Fließendes Wasser gibt es auf dem Roten Planeten bekanntermaßen nicht. Irgendwann war das mal anders, darauf weisen diverse Täler hin. Zu einem Teil ist dieses Wasser verdunstet, aber schon in der Frühzeit des Mars aus der Atmosphäre ins All entwichen. Denn heute ist die Mars-Atmosphäre, wie Köhler anmerkt, "furztrocken". Das Wasser von einst scheint größtenteils versickert zu sein. "In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat man per Radar festgestellt, dass es unter der Marsoberfläche noch Eis gibt", erklärt der Planetenforscher. Diese Quelle also könnten Menschen anzapfen. Unmöglich ist es nicht, auf dem Mars an Wasser zu kommen. Aber aufwendig. Man müsste dafür Bergbau betreiben.

Wer hinfliegt, muss ein Jahr bleiben

Und es sind nicht Luft und Wasser alleine, die bei einer Besiedelung des Roten Planeten Probleme bereiten. "Der Mars ist heute ein Wüstenplanet, auf dem der Wind fegt", sagt Köhler, "und auf dem es sehr kalt ist, weil die Atmosphäre so dünn und der Planet ein gehöriges Stück von der Sonne entfernt ist." Wenn Köhler von Kälte spricht, dann meint er Temperaturen, die weit unter denen in der Antarktis liegen. "An einem schönen Sommertag wird es am Mars-Äquator angenehme 22 bis 23 Grad warm, aber jede Nacht bis auf minus 60, minus 70 Grad kalt. An den Polen sinkt die Thermometeranzeige in der Polarnacht gar auf minus 120 oder minus 130 Grad ab."

Keine Frage: Die Bedingungen für ein Leben auf dem Mars sind alles andere als einladend. Dennoch ist ein bemannter Marsflug erklärtes Ziel der Nasa. Und da fängt das Problem schon an, denn wer einmal auf dem Mars gelandet ist, ist gezwungen, dort eine Weile zu bleiben - ungefähr ein Jahr, um konkret zu sein. Köhler erklärt, warum: "Der Mars braucht zwei Jahre um die Sonne, die Erde ein Jahr. Die Raketen, die wir zurzeit haben, ermöglichen es, zum Mars in einer Zeit von bestenfalls sechs Monaten zu fliegen. In dieser Zeit ist die Erde auf der anderen Seite der Sonne angekommen, der Mars aber hat nur ein Viertel seines Weges zurückgelegt. Um zur Erde zurückzukommen, muss man also warten, bis sich die Erde von hinten wieder nähert. Das ist nach zehn bis zwölf Monaten der Fall. Vorher ist die Erde unerreichbar weit weg."

Haben die ersten Astronauten Marsboden betreten, werden sie zunächst in einer Raumkapsel, später in einem Wohncontainer leben. Dort stimmen die Sauerstoffverhältnisse, dort lässt es sich atmen. Doch eine Gefahr besteht weiterhin: eine starke, gesundheitsschädigende Strahlung. "Auf dem Mars gibt es kein Magnetfeld, das vor der UV-Strahlung und der kosmischen Strahlung schützt", sagt Köhler. Und er fährt fort: "Curiosity hat herausgefunden, dass die Strahlendosis auf dem Mars höher ist, als man bisher abgeschätzt hat." Menschen auf dem Mars brauchen also Schutzvorrichtungen. "Man müsste die Wohncontainer mit einer 50 Zentimeter dicken Schicht aus Staub und Dreck bedecken. So ließe sich die Strahlung abhalten", so der Planetenforscher. "Aber das wäre eine größere technische Geschichte."

Der Mensch selbst wird zum Problem

Die Luft, das Wasser, die Strahlung: Das also sind Rahmenbedingungen, die für einen Aufenthalt auf dem Mars angepasst werden müssten. Durchaus komplexe technische Probleme, doch jedes für sich scheint lösbar. Sie beträfen auch die Menschen, die der Niederländer Bas Lansdorp zum Mars schicken will: Die würden im Rahmen des "Mars-One-Projektes" zum Roten Planeten fliegen – und für den Rest ihres Lebens dort bleiben. Es ist eine Reise ohne Rückfahrticket. Erstaunlich viele Menschen haben sich schon bereit erklärt, mitzumachen. Die One-Way-Mission, ethisch äußerst fragwürdig, soll die Dinge vereinfachen. Denn mit dem Rückflug würden Transportkosten steigen, er wäre eine zusätzliche technische Schwierigkeit, und für die Passagiere stünde ein weiteres halbes Jahr in der Schwerelosigkeit an.

Zwei Jahre - so lange war noch niemand im All unterwegs. Und tatsächlich ist weniger die Technik als vielmehr der Mensch die größte Herausforderung bei Mars-Expeditionen. "Das fängt mit der Einsamkeit an, der man da ausgesetzt ist auf dem langen Flug", merkt Köhler an. "Die Erde wird dann nicht mehr groß als Planet am Himmel stehen, sondern immer kleiner und kleiner werden, bis sie nur noch ein Lichtpunkt ist. Das ist eine große psychologische Hürde. Dann müssen die Crew-Mitglieder miteinander auskommen können. Und dann die Schwerelosigkeit: Wie macht der Körper das für so lange Zeit gesundheitlich mit? Wie sieht es mit der medizinischen Versorgung aus? Was kann der Arzt, der vielleicht dabei ist, machen? Kann er unterwegs einen Blinddarm operieren? Kann er einen Zahn ziehen? Mit zunehmender Reisedauer sind es diese sogenannten weichen Faktoren, die zum Problem werden können."

Ohne Nabelschnur zur Erde

Doch nehmen wir an, die Teilnehmer der Mars-One-Mission kommen wohlbehalten auf dem Roten Planeten an. Ihre nächste Aufgabe wäre es, so sieht es das Projekt vor, mit dem Aufbau einer Kolonie zu beginnen. Allerdings ist es von einem einjährigen Mars-Aufenthalt mit wissenschaftlichen Exkursionen ein großer Schritt bis zur Urbarmachung des Planeten. "Dazwischen liegen Welten!", betont Köhler. Dennoch gibt es, wie er erzählt, einiges, das in der Theorie vorstellbar wäre: "Man kann aus Wasserstoff und Sauerstoff Treibstoff gewinnen. Irgendwann muss man sich dann eine Kuppel, eine Käseglocke bauen, um darin einen Treibhauseffekt in Gang zu setzen. Kommt man über Bohrungen an das unterirdische Eis, hat man unter der Kuppel Gewässer. Dann könnte man vielleicht einen Mini-Kreislauf mit Verdunstung, Regen und Abfluss in Gang bringen. Mit mitgebrachten Pflanzen ließe sich über Photosynthese eine Sauerstoffatmosphäre schaffen."

So könnte man sogar Gemüse züchten. Trotzdem müsste ein Großteil der Versorgung zunächst durch Raumschiffe von der Erde sichergestellt werden. Doch auch diese Nabelschnur ließe sich möglicherweise irgendwann kappen. Kluge Köpfe, unter ihnen zum Beispiel das Nasa-Urgestein Jesco von Puttkamer, haben sich bereits Gedanken darüber gemacht, wie das gehen könnte. Von Puttkamer sprach von erheblichen Technologieentwicklungen in der Mineralschürfung und der Rohstoffprozessierung, von unterirdischen Habitaten und von Energiegewinnung aus Photovoltaik. Den Abschluss würde das Terraforming bilden, eine komplette Umwandlung des Marsklimas. Das allerdings würde wohl 500 bis 1000 Jahre in Anspruch nehmen – oder länger.

"Dass einer mal der Erste auf dem Mars sein will und zurückkommt, das ist noch vorstellbar. Aber eine beständige Kolonie?", kommentiert Planetenforscher Köhler solche Ideen. Er denkt an die ethischen Folgen, die eine Besiedelung des Mars hätte: "Wer darf denn auswandern, wenn es auf der Erde ungemütlich wird – aus welchen Gründen auch immer? Wer bestimmt das?" Doch der Mensch macht, was machbar ist. Deswegen rechnet Köhler damit, dass es durchaus so kommen könnte. Er hält jedoch auch ein anderes Szenario für möglich: "Vielleicht entwickelt sich alles in eine ganz andere Richtung. Vielleicht machen wir in hundert Jahren die Sahara urbar. Oder wir schauen tief in die Ozeane und stellen fest: Auch hier könnten wir Kolonien gründen."

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Quelle: n-tv.de

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