Wissen

Mollig, schlau oder blau? Wo die Evolution den Menschen hinführt

imago59831129h(1).jpg

Millionen Jahre der Evolution haben den Menschen bereits verändert - wie geht es weiter?

imago stock&people

Die Evolution macht Baumbewohner zu Weltraumfahrern: Aber wird sie auch das künftige Schicksal der Menschen beeinflussen? Die Forscher sind sich darüber uneins. Ja, sagen die einen, nein, die anderen. Beide Seiten haben gute Argumente.

Die Menschheit entwickelt sich weiter, das ist unübersehbar - die Städte wachsen, die Technologie ist auf der Überholspur. Erdgeschichtlich betrachtet, geschieht dies alles in einem rasend schnellen Tempo: Während unsere Vorfahren vor ein paar Millionen Jahren noch durch die Baumwipfel hüpften, trägt der moderne Homo sapiens einige Generationen später Schlips und Anzug im Konferenzsaal eines gläsernen Hochhauses in Frankfurt am Main.

Warum das so kam, hat Charles Darwin in seinem Werk "Die Entstehung der Arten" beschrieben: Die Evolution hat die Baumbewohner zum modernen Menschen geformt. Innerlich wie äußerlich machten unsere affenartigen Vorfahren mit der Zeit eine erstaunliche Wandlung durch. Werden wir uns in Zukunft weiter verändern? Die Forscher sind sich bei dieser Frage uneins. Man erhält - je nachdem, wen man fragt - zwei verschiedene Antworten:

Nein: Die menschliche Evolution ist am Ende

Die Mechanismen der Evolution greifen beim Menschen nicht mehr, glauben einige Wissenschaftler. Ein Grund: Wir sind einfach zu viele. "In einer Population, die so groß ist wie unsere, ist es unwahrscheinlich, dass wir irgendwelche evolutionären Neuheiten hervorbringen", sagte der Paläoanthropologe Ian Tattersall vom American Museum of Natural History dem Magazin "Scientific American". Warum? Um etwa den aufrechten Gang zu entwickeln, so die Argumentation, mussten entsprechende Mutationen des Erbgutes - wie etwa die richtige Ausrichtung der Wirbelsäule - innerhalb einer kleinen Gruppe über Generationen weitergegeben werden. In Gesellschaften wie der unseren, in dem der Genpool durch vielzählige Kreuzungen ständig durchgemischt wird, ist es eher unwahrscheinlich, dass sich ganz spezielle Merkmale oder genetische Besonderheiten etablieren.

Dazu kommt der Wegfall eines anderen wichtigen Aspekts von Darwins Evolutionstheorie, wie der britische Genetiker Steve Jones jüngst bei einer Vorlesung am Londoner Gresham College erläuterte: der natürlichen Auslese. Diese besagt, dass sich bestimmte körperliche oder geistige Merkmale einer Art - wie etwa der aufrechte Gang - dann ausbilden und verstärken, wenn sie den Individuen dabei helfen, zu überleben und Nachkommen zu zeugen. Alle Exemplare, die bei denen diese Merkmale nicht oder nicht stark genug ausgeprägt sind, sterben - und haben somit keine Nachkommen, an die sie ihre Gene weitergeben können.

Doch dieser Mechanismus funktioniert beim modernen Menschen nicht mehr, wie Jones anhand einer Statistik verdeutlicht: Vor etwas mehr als 400 Jahren hatten in England und Wales geborene Kinder nur eine rund 35-prozentige Chance, das Erwachsenenalter zu erreichen und Nachkommen zu zeugen. Heutzutage reifen jedoch 99 Prozent aller Neugeborenen zu Erwachsenen heran. Auch in anderen Teilen der Welt nimmt die Sterblichkeit im Kindesalter immer weiter ab. Sprich: Egal, welches Erbgut ein Mensch heutzutage aufweist - er wird sich höchstwahrscheinlich vermehren können. "Die natürliche Auslese hat den Großteil ihrer Kraft eingebüßt", so Jones.

Menschen werden sich weiter verändern

Die Evolution beim Menschen setzt sich fort, glauben hingegen andere Wissenschaftler. Eine Studie aus den USA etwa behauptet, dass Frauen in Zukunft kleiner und stämmiger werden könnten. Die Forscher um den Evolutionsbiologen Stephen Stearns von der Yale University wollen herausgefunden haben, dass kleinere, etwas molligere Frauen mehr Kinder haben als andere. Ihre Gene fänden in den folgenden Generationen daher eine immer größere Verbreitung und Frauen würden insgesamt durchschnittlich kleiner und molliger.

An eine evolutionäre Fortentwicklung besonders auf geistiger Ebene glaubt Geoffrey Miller, US-amerikanischer Experte für evolutionäre Psychologie. Miller ist überzeugt, dass die Menschen immer kreativer und intelligenter werden. Seine Annahme: "Die erstaunlichen Fähigkeiten des menschlichen Geistes sind wie ein Pfauenschwanz: Sie sind Instrumente der Brautwerbung, entstanden, um Sexualpartner zu beeindrucken und zu unterhalten", schrieb Geoffrey in einem Beitrag für die "New York Times". Das heißt, Frauen bevorzugen Männer mit besonders hoher Intelligenz und Kreativität unter anderem deshalb, weil diese schlichtweg unterhaltsamer sind. Umgekehrt gilt dies natürlich auch. In der Folge hat sich entsprechendes Erbgut in der Nachkommenschaft festgesetzt und durch weitere Auswahlprozesse verstärkt.

Aber auch körperlich könnte sich der Mensch fortentwickeln, glaubt Miller. Das liege vor allem an den zunehmenden Möglichkeiten der Biotechnologie: "Eltern werden sich aussuchen können, welches Spermium welche Eizelle befruchten soll", sagte Miller dem "National Geographic". Auf diese Weise werde es zu einer "künstlichen Auslese" kommen, welche die natürliche Auslese Darwins über den Haufen wirft. Der Effekt von beiden Arten der Auslese ist jedoch ähnlich. Er ruft eine sichtbare Veränderung der Menschheit hervor: "Es wird womöglich einen Anstieg der durchschnittlichen physischen Attraktivität und Gesundheit geben", glaubt Miller.

Auch andere Wissenschaftler sehen vor allem die zunehmenden Möglichkeiten der Biotechnologie als Ursache einer weiteren Veränderung des Menschen. So etwa S. Jay Olshansky, "Biodemograf" an der University of Illinois in Chicago. Wie das aussehen könnte? "Das erste, was wir tun werden, ist, das Gepäck loszuwerden, das die Evolution uns hinterlassen hat - so werden Erbkrankheiten und die Gebrechen, die uns das Altern unseres Körpers beschert, wohl unsere ersten Ziele sein", sagte er der Zeitschrift "Scientific American". Der Mensch der Zukunft würde also vermutlich immer jung bleiben - und seltener erkranken.

Andere Forscher glauben an eine evolutionäre Entwicklung, wenn die Menschheit zu anderen Planeten aufbricht - und sich dort niederlässt. Denn diese würde wieder zu einer Isolation kleinerer Gruppen von Menschen führen, innerhalb derer sich genetische Besonderheit über mehrere Generationen wieder stärker ausbilden könnten. Ein Beispiel für diesen Mechanismus ist die Familie Fugate - auch bekannt als die "Blauen Fugates", die im 19. Jahrhundert im US-Staat Kentucky siedelte. Aufgrund ihrer isolierten Lage und des kleinen Genpools verbreitete sich ein genetischer Defekt unter ihren Nachkommen, der zu einer speziellen Blut-Erkrankung führte und die Haut der Betroffenen blau färbte. Nach einer Weile hatten viele ihrer Nachkommen eine bläulich gefärbte Haut.

Aber die wohl treffendste Prognose, ob die Menschheit sich evolutionär weiterentwickelt oder nicht, hat Yohannes Haile-Selassie abgegeben: "Die Evolution hat ihre eigenen Wege", so der äthiopische Paläoanthropologe. "Niemand kann sie mit Sicherheit vorhersagen."

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema