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Mittwoch, 18. Januar 2012

Aufklärer, Zyniker, Egozentriker: Wo ist das "Große"?

Friedrich der Große genießt in Deutschland eine erstaunliche Popularität. Der preußische König sei hierzulande zu einem Mythos verklärt worden, betont Historiker Johannes Bronisch. Hinter dem verkitschten Bild verbergen sich allerdings ein ruhmsüchtiger Herrscher - und große persönliche Tragik. Mit dem Autor von "Kampf um Kronprinz Friedrich" spricht n-tv.de über Aufklärung, Ruhmsucht und Kartoffeln - und erklärt, warum der Name Sanssouci ein Plagiat ist.

n-tv.de: Vor 300 Jahren wurde Friedrich von Preußen geboren. Er gehört seit Langem zu den populärsten historischen Persönlichkeiten in Deutschland. Warum eigentlich?

Johannes Bronisch: Die bleibende Popularität Friedrichs ist sicher nicht unmittelbar ein Ergebnis seiner Herrschaft. Friedrich hat sich zwar öfter, vor allem in den späten Jahren, betont volksnah gegeben. Insgesamt wurde er aber wohl doch mehr gefürchtet als geliebt. Seine spätere Popularität beruht eher auf den Versuchen der Nachwelt, vor allem im 19. Jahrhundert, ihm einen bewussten Beitrag zur Nationalgeschichte und zur kleindeutsch-protestantischen "Selbstfindung" der Deutschen zuzuschreiben. Das wirkt nach, auch wenn es historisch unhaltbar ist. Die Popularität bleibt ja gerade dann, wenn die Person zu einer Art Mythos wird. Dann sind die Fakten weniger wichtig. Jede Kartoffel auf dem Grab des Königs in Sanssouci beweist das aufs Neue.

Eine Kartoffel auf dem Grab Friedrichs des Großen.
Eine Kartoffel auf dem Grab Friedrichs des Großen.(Foto: Mira Bongard)

Inwiefern?

Weil die bekannten Anekdoten, Friedrich habe seine Soldaten eingesetzt, um die Bauern zum Kartoffelanbau zu bringen, wohl eher gut erfunden als wahr sind. Richtig ist zwar, dass unter seiner Regierung verschiedene Dekrete in diese Richtung erlassen wurden. Die "Weitsicht" und "Staatsklugheit", die dort gern hineingelesen wird, so als müsse "der Große" sich auch noch in Detailfragen des Gemüseanbaus als solcher beweisen, lässt sich dort aber nirgends feststellen.

Das Friedrich-Jubiläum wird mit zahlreichen Veranstaltungen, Ausstellungen und nicht zuletzt mit einer Menge neuer Friedrich-Bücher begangen. Was macht Friedrich II. heute noch so interessant?

Es ist, neben all den wichtigen Wirkungen seiner inneren und äußeren Politik, wohl zuerst seine Persönlichkeit. Sein Handeln als Herrscher mag weitgehend stringent und erfolgreich gewesen sein. Er selbst allerdings war ein Mann, dessen Leben zum Teil extreme persönlich-menschliche Tragik kennzeichnete.

Wie sieht diese Tragik aus?

Die Tragik des Kindes: die gescheiterte Beziehung zum Vater und dessen hilflose Brutalität gegenüber seinem ältesten Sohn. Die Tragik des Kronprinzen: ein tiefer philosophischer Zweifel und das Gefühl des metaphysischen und religiösen "Unbehaust-Seins". Die Tragik des Mannes: die wohl wahrscheinliche homosexuelle Neigung und sein geradezu schäbiger Frauenhass, wie er sich etwa gegenüber der Kaiserin Maria Theresia zeigt. Die Tragik des Charakters: der sich aus all dem ergebende Zynismus, die Menschenverachtung. Die Tragik des Alters: die Einsamkeit, in der Friedrich sich mit seinen Hunden das Lager teilt.

Das passt nicht in das verkitschte Bild vom "Alten Fritz". Wo bleibt das "Große" an Friedrich?

Johannes Bronisch
Johannes Bronisch

Der "Große" wurde Friedrich in der Öffentlichkeit zuerst wegen seiner militärischen Leistungen genannt. Groß war an ihm sein Durchhaltevermögen, seine Zähigkeit, die Siege trotz aussichtloser Ausgangslagen. Und doch beruhten diese Leistungen auf einer letztlich egozentrischen Rücksichtslosigkeit, die für den eigenen Ruhm unglaubliche Risiken einging, die sein Land an den Rand des Abgrundes brachte und – nebenbei gesagt – Tausenden den Tod bescherte.

"Größe" sucht Friedrich aber auch in der Literatur und Philosophie. Letztlich konnte er jedoch an deren Werte, an Schönheit und Wahrheit, nicht glauben. Thomas Mann hat ihn einen "boshaften, ungeschlechtlichen Troll" genannt, zugleich ein "Opfer" – seiner selbst und, wenn man will, der geschichtlichen Situation, in der er stand.

Und was ist mit dem "König der Philosophen"? Friedrichs Interesse an der Philosophie der Aufklärung, an Literatur und Kunst seiner Zeit ist berühmt. Er führte über Jahrzehnte eine Korrespondenz mit Voltaire. Liegt die Größe Friedrichs vielleicht hier, in seiner Fortschrittlichkeit, seiner Aufgeklärtheit, seiner Toleranz?

Friedrich hat sich, vor allem als Kronprinz, zweifellos gern selbst so gesehen. Von Voltaire ließ er sich gern als "neuer Salomon" anreden. Kurz vor seinem Herrschaftsbeginn 1740 schrieb er eine - im Übrigen wenig inspirierte - Abhandlung gegen rücksichtlose Macht- und Interessenpolitik, den sogenannten "Antimachiavel". Das hat ihn indes nicht davon abgehalten, als König gewaltsam einen Krieg vom Zaun zu brechen, indem er das damals habsburgische Schlesien überfiel – ohne jeden glaubwürdigen Rechtsanspruch und in der Vorgehensweise im Widerspruch gegen alle diplomatischen Formen seiner Zeit. Der schöngeistige Kronprinz mit der Flöte verwandelte sich in einen bellizistischen Aggressor. Das "aufgeklärte" Publikum seiner Zeit war natürlich geschockt.

War Friedrich II. also auch ein skrupelloser Kriegsverbrecher?

Nach den Maßstäben seiner Zeit gab es für den Angriff auf Schlesien 1740 ganz offensichtlich keine Rechtfertigung, für den Einfall in Sachsen 1756 wohl ebenso wenig. Man nannte ihn "den Antimachiavellist der Theorie und den Machiavellist der Praxis." Auch Voltaire, der Schmeichler, kritisierte das zumindest vorsichtig.

Was die vielgerühmte aufgeklärte Haltung Friedrichs angeht – "jeder soll nach seiner Façon selig werden" – so wird gern übersehen, dass dahinter nicht etwa Interesse oder gar Sympathie für die Pluralität konfessioneller Glaubensüberzeugungen stand, sondern eine elitäre, verächtliche Haltung gegenüber allen Formen der Religion. Insofern handelt es sich nicht eigentlich um Toleranz, denn es fehlt die Wertschätzung der Überzeugung des anderen.

Also steht Friedrich für ein "Königtum der Widersprüche", wie eine berühmte Formel lautet?

Das Buch "Der Kampf um Kronprinz Friedrich" von Johannes Bronisch ist im Verlag Landt erschienen und kostet 19,90 Euro.
Das Buch "Der Kampf um Kronprinz Friedrich" von Johannes Bronisch ist im Verlag Landt erschienen und kostet 19,90 Euro.(Foto: Landtverlag)

Man sollte das Widersprüchliche nicht überbetonen – weder in der Herrschaft Friedrichs noch in seiner Person. Denn so widersprüchlich, wie die Zeitgenossen den philosophierenden Kronprinzen und den kriegführenden Feldherrn Friedrich wahrnahmen, war er durchaus nicht.

Man kann das an vielen Punkten sehen. Nur ein Beispiel: Als Kronprinz entscheidet sich Friedrich nach einigen Zögern für den Skeptizismus Voltaires, der – im Gegensatz zu den Positionen der meisten deutschen Aufklärer seiner Zeit – zugleich ausgesprochen religionskritisch war. Ausdrücklich lehnt Friedrich schon 1736 die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele ab.

Weltliche Gesetze konnten ihn als absolutistischen Monarchen von vornherein kaum binden. Nun aber entfiel auch der Gedanke an einen überweltlichen Richter, an einen Gott, dem er nach seinem Tod für seine Taten Rechenschaft schuldig wäre. Gewissermaßen war damit der Weg für Angriffskriege und Rechtsbrüche frei.

Solche Zusammenhänge scheinen uns heute vielleicht fremd, wiewohl wir uns sicher an den einen oder anderen Politiker unserer Tage erinnern, dem ein gewisses inneres Unrechtsbewusstsein nicht geschadet hätte. Nur woher soll dies kommen? Die Zeitgenossen Friedrichs haben diese Zusammenhänge jedenfalls außerordentlich stark beschäftigt.

Zeigt sich in Friedrich auf diese Weise nicht ein ziemlich moderner Charakter, ein Individualist sozusagen?

Bilderserie

So kann man es sagen. Friedrich hat den ihm in seiner Position eigentlich vorgegebenen Rahmen häufig und absichtlich übertreten. Das zeigt sich schon an seiner Abneigung gegen alles Zeremonielle. Friedrich denkt auch offenbar kaum in dynastischen Bezügen. Seinen Nachfolger und Neffen verachtet er nicht nur, er gibt das sogar gegenüber auswärtigen Gesandten überdeutlich zu verstehen.

Zwar argumentiert Friedrich, wo es nützlich ist, durchaus traditionell mit der Ehre seines Hauses, seiner Familie also. Letztlich aber scheint ihm die Zukunft seiner Staaten weniger wichtig gewesen zu sein, als sein eigener Ruhm in den Geschichtsbüchern. Bezeichnend ist dafür, Jens Bisky hat das zuletzt wieder erwähnt, sein geradezu egozentrischer Wunsch, in aller Stille und ohne – für die politischen Kontinuität höchst bedeutsamen – Staatsakt begraben zu werden.

Interessant ist, dass Friedrich in seinem Individualismus wiederum nicht selten zum Plagiator wird.

Plagiator – das wirkt durchaus wieder modern …

In der Tat – seinen französischen Stil will Friedrich von Voltaire kopieren, die Berliner Akademie der Wissenschaften richtet er ganz nach den Vorbildern in London und Paris ein.

Vieles, was wir heute für "typisch Friedrich" halten, ist weniger seine genuin eigene Schöpfung, sondern wird von anderen angeregt, bis hin zu verblüffenden Übernahmen. So übernimmt er den Namen seines berühmten Potsdamer Schlosses Sanssouci – anders als bis heute populäre Anekdoten behaupten – von einem gleichnamigen Landhaus, das Ernst Christoph von Manteuffel, ein sächsisch-polnischer Diplomat, zu dem Friedrich in seiner Kronprinzenzeit engen Kontakt hatte, bereits um 1730 auf seinen Gütern in Pommern angelegt hatte.

Hatte Friedrich aufgrund all dessen ein Glaubwürdigkeitsproblem?

Nein. Glaubwürdigkeitsprobleme können nur bei heutigen Politikern entstehen, die auf die Konjunkturen der öffentlichen Meinung fixiert sind, nicht bei einem König. Friedrich musste sich um Zustimmung in Meinungsumfragen nicht scheren, sondern konnte seine Ziele – man mag sie bewerten wie man will – mit Gradlinigkeit, ja auch mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit verfolgen. Gleichwohl waren die Erwartungen des Volkes an seinen König viel größer als es heute gegenüber den gewählten demokratischen Politikern ist. Kreditschwindeleien, gefälschte Dissertationen, betrogene Ehefrauen, öffentliche Moralpredigten und private Vorteilnahmen – das alles überrascht uns heute ja doch eigentlich nur noch wenig. Freilich, manchmal täten uns auch heute Tugenden, die einer "vor-mediendemokratischen" Epoche entstammen, nicht schlecht.

Mit Johannes Bronisch sprach Jan Gänger

Quelle: n-tv.de