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Wie das Medikament genau aussieht, ist noch nicht bekannt.
Wie das Medikament genau aussieht, ist noch nicht bekannt.(Foto: imago/View Stock)
Mittwoch, 10. Januar 2018

Revolution dank Sternprinzip: Wöchentliche Kapsel verändert HIV-Therapie

Für HIV-Patienten könnte die Medikamenteneinnahme künftig deutlich einfacher werden. US-Forscher entwickeln eine Pille, die nur einmal in der Woche eingenommen werden muss. Diese dient auch zur Vorsorge vor einer Infektion mit dem HI-Virus.

Forscher haben ein Trägersystem für HIV-Medikamente entwickelt, bei dem Patienten nur noch eine Pille pro Woche einnehmen müssen. Die mit drei antiviralen Wirkstoffen beladene Kapsel bleibt sieben Tage im Magen und gibt die Arzneien nach und nach ab, bevor sie verdaut wird. In einer Machbarkeitsstudie testeten die Forscher um Ameya Kirtane vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge die Erfindung an Schweinen. Das neue Einnahme-Schema könne die Therapietreue erhöhen und langfristig Hunderttausende HIV-Infektionen verhindern, schreiben sie im Fachblatt "Nature Communications". Ein deutscher Experte begrüßt die Entwicklung.

Was unterscheidet HIV und Aids?

Aids ist das Endstadium von HIV. Die Krankheit entwickelt sich meist nach Jahren aus einer Infektion mit HI-Viren, die in die Helferzellen des menschlichen Immunsystems eindringen. Die Abkürzung Aids steht für acquired immuno deficiency syndrome also erworbenes Immunschwächesyndrom. Dazu gehören zahlreiche zum Teil lebensbedrohliche Symptome wie schwere Infektionskrankheiten oder Tumoren.

Bei der antiretroviralen Therapie (ART) nehmen Patienten täglich drei Wirkstoffe, die die HIV-Last im Blut unter die Nachweisgrenze drücken. Seit einigen Jahren gibt es dafür eine einzelne Pille, die die drei Substanzen kombiniert. Inzwischen prüfen einige, teils fortgeschrittene Projekte injizierbare Wirkstoff-Kombinationen, die mehrere Wochen vorhalten.

Sechsarmiger Stern macht es vor

Nun stellen die Forscher um Kirtane nach eigenen Angaben das erste System mit oraler Anwendung vor. Die Forscher kombinierten die Wirkstoffe Dolutegravir, Rilpivirin und Cabotegravir in einer Kunststoff-Kapsel, die sich im Magen zu einem Stern mit sechs Armen entfaltet. Diese Struktur ist zu groß, um aus dem Magen durch den Pförtner in den Darm zu gelangen. Sieben Tage lang gibt jeder Arm seinen Wirkstoff in unterschiedlicher Rate ab, erst danach löst sich die Kapsel auf und wird über den Darm ausgeschieden.

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Tests an Schweinen, deren Verdauungstrakt dem des Menschen ähnelt, zeigten, dass das Blut der Tiere die Substanzen eine Woche lang in recht konstanten Konzentrationen enthielt. "Das ist, als ob man eine Pillenschachtel in eine Kapsel packt", wird Studienleiter Giovanni Traverso in einer MIT-Mitteilung zitiert. "Dieses System mit verzögerter Abgabe ist in präklinischen Versuchen für die Therapie mindestens ebenso gut wie die gegenwärtige tägliche Einnahme."

Gesteigerte Therapietreue

Eine wöchentliche Einnahme könnte die Therapietreue, die derzeit bei etwa 70 Prozent liege, auf über 80 Prozent steigern, schreibt das Team. Zudem könne das System bei Menschen, die besonders infektionsgefährdet sind, vor sexuellen Kontakten auch zur Prophylaxe dienen - da die Therapie die Gefahr einer Ansteckung deutlich verringert. Die Forscher berechnen, dass ein solches Präparat allein in Südafrika binnen 20 Jahren zwischen 200.000 und 800.000 HIV-Infektionen verhindern könnte.

"Diese Erfindung ist ein weiterer Schritt zu einer Steigerung der Therapietreue", sagt Norbert Brockmeyer von der Ruhr-Universität Bochum. Der HIV-Experte schätzt, dass sich in Deutschland bis zu 90 Prozent der Patienten an ihr Therapieschema halten. "Jedes Verfahren, das die Therapietreue verbessert, ist begrüßenswert."

Im Jahr 2015 infizierten sich weltweit 21 Millionen Menschen mit HIV, 1,2 Millionen Menschen starben an den Folgen der Infektion. In Deutschland steckten sich im Jahr 2016 schätzungsweise 3100 Menschen mit dem Erreger an.

Quelle: n-tv.de