Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 5 Unwichtiges merken, Wichtiges nicht?

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Nena und Udo: Sie erinnern sich?

(Foto: picture-alliance / dpa)

Warum merkt man sich immer die unwichtigen Dinge am besten, zum Beispiel nach der n-tv.de-Lektüre die Klatsch- und Tratschgeschichten, nicht jedoch die Auslands-, Wirtschafts- oder Politiknachrichten, die einen ja eigentlich oft mehr betreffen? (fragt Frau B. Huth aus München)

Ist das so, dass man sich immer die unwichtigsten Dinge am Besten merkt? Wir waren nicht sicher und bevor wir die Frage wieder vergessen, haben wir einen Fachmann für die unergründlichen Wege des Gedächtnisses gefragt, Prof. Dirk Wentura, Professor für Kognitive Psychologie der Universität Saarbrücken.

"Ich glaube nicht, dass man sich immer die unwichtigsten Dinge merkt. Aber nehmen wir einmal, wir hätten die Vermutung, dass dem so sei und wollten diese Vermutung überprüfen. Würden wir dann unseren Versuchsteilnehmern eine Zeitung zu lesen geben, nachher die Inhalte abfragen und das Ergebnis, dass Klatsch und Tratsch besser wiedergegeben werden als komplizierte Vorgänge in Politik und Wirtschaft, als Beleg für unsere Vermutung werten? Wohl kaum.

Zum einen sollte jedem klar sein, dass mit dem Vergleich dieser beiden Nachrichtensorten mehr als nur eine abstrakte Wichtigkeit variiert wird. Da ist neben der Komplexität und damit Verständlichkeit auch das Vorwissen des typischen Lesers variiert worden. Geben Sie einmal einem Wirtschaftsfachmann, der gleichzeitig keinerlei Interesse und damit wenig Vorwissen zu Film, Fernsehen und Musik hat, die Zeitung und beobachten Sie, wie er Ihnen mühelos nachher die neusten Wirtschaftsnachrichten wiedergeben kann, aber auf die Frage, ob Robbie Williams oder Robin Williams auf Deutschland-Tournee war, nur abwinkt.

Generell ist es eine wichtige Bedingung für gute Gedächtnisleistung, die neuen Informationen mit schon bekanntem Wissen in Verbindung bringen zu können. Das zeigt sich auch an einem zweiten Beispiel: Stellen Sie einmal in der Generation der 40- bis 50-jährigen die folgende Frage: "Kürzlich wurde bekannt, dass Udo Lindenberg in den Achtzigern eine kurze Affäre mit einer bekannten Pop-Sängerin hatte. Um wen handelt es sich?" Sie werden sicher eine große Trefferquote haben, da Udo Lindenberg und Nena Personen sind, die im Gedächtnis dieser Generation ihre Spuren hinterlasen haben, so dass die neue Nachricht über die Affäre der beiden mühelos in die schon vorhandene Gedächtnisspur "eingehängt" werden kann. Fragen Sie das einmal 15- bis 20-Jährige ("Udo wer?").

Was ist wichtig?

Zum anderen sieht man an diesem Beispiel auch, dass der Aspekt der Wichtigkeit nicht ganz einfach zu bestimmen ist. Sicherlich, wir sollten vielleicht bestimmte politische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Zusammernhänge wichtiger nehmen als Klatsch und Tratsch. Ich würde aber umgekehrt argumentieren und behaupten, dass in gewisser Weise persönliche Wichtigkeit sich gerade daran zeigt, dass man etwas im Gedächtnis behalten hat. So gehören Personen des Zeitgeschehens offenbar in gewisser Weise zu unserem sozialen Kontext und werden in ihren Beziehungen als persönlich relevant erlebt. Bei dem Beispiel von Udo Lindenberg und Nena kann man das gut nachvollziehen: In der mittelalten Generation gehören sie zum biographischen Kontext, bei den jungen Leuten nicht. (Gegenprobe: Fragen Sie mich - einen 45-Jährigen - mal etwas zu Klatsch und Tratsch über "Tokio Hotel" - Fehlanzeige.) Bei den alltäglichen politischen Nachrichten ist diese persönliche Relevanz letztlich in vielen Fällen vermutlich nicht gegeben.

Natürlich gibt es noch andere Faktoren: Wenn ich eine Information als inkonsistent zu meinen Vorerwartungen erlebe, werde ich etwas mehr Aufwand bei der Verarbeitung der Information betreiben, um sie in mein vorhandenes Wissen zu integrieren. Das fördert spätere Erinnerung. Klatsch und Tratsch haben sicher häufig diesen Charakter (ich empfand die Nachricht über die Liason von Udo Lindenberg und Nena jedenfalls als inkonsistent zu meinem Bild der beiden. Vermutlich "reite" ich deswegen so darauf herum). Einzigartige, "herausstechende" Ereignisse (in der Fachsprache: "distinkte") Ereignisse werden besser erinnert. Auch das ist bei Klatsch und Tratsch häufig gegeben. Man denke nur an die abstruse Geschichte um Boris in der Wäschekammer.

Emotionale Ereignisse haben auch eine etwas bessere Chance, erinnert zu werden und Klatsch & Tratsch ist häufig mit emotionalen Reaktionen verbunden. (Wohl niemand, der das Photo der kleinen Tochter von Boris in der Boulevardpresse gesehen hat, die - sozusagen als lebender Vaterschaftsnachweis - damals wie ein Boris-Klon aussah, wird - bei aller Tragik - nicht amüsiert reagiert haben.) So etwas führt dann wiederum dazu, dass wir uns über Klatsch & Tratsch häufiger unterhalten (Gegenprobe: Wann haben Sie sich das letzte Mal über das Für und Wider des Keynesianismus ausgetauscht?), auch das fördert das langfristige Behalten.

All diese Aspekte bündeln sich im Übrigen in manchen Ereignissen der Zeitgeschichte, wie etwa dem 11.9. Für jeden in unspezifischer Weise relevant, auf eine reichhaltige Wissenstruktur treffend, distinkt, emotional. Und Gesrächsthema. Deshalb gibt es das, was in der Gedächtnisforschung unter dem Namen "Blitzlichtgedächtnis" läuft: Fast ausnahmslos jeder weiß, wo er war, was er gerade tat, mit wem er zusammen war, als er oder sie vom Attentat erfahren hat."

Quelle: n-tv.de