Frage & Antwort

Frage & Antwort Vergeht die Zeit mit den Jahren schneller?

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Nach dem 60. Lebensjahr entschleunigt sich das Leben wieder.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Warum fühlt es sich so an, dass das Leben in der zweiten Hälfte schneller vergeht als in der Kindheit oder Jugend? Oder geht es nur mir so? (fragt Christiane M. aus Düsseldorf)

Als Kind scheinen die Tage und Nächte vor allem vor dem sechsten, siebten oder achten Geburtstag unendlich lang zu sein. Als Erwachsener dagegen wartet man nicht mehr so sehnsüchtig auf die Geburtstage. Je höher die Zahlen auf der Geburtstagstorte werden, umso schneller scheinen auch die Jahre zu vergehen.

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Die Zeit ist ein Phänomen. Man kann sie nicht sehen und nicht anfassen, trotzdem gibt es sie.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Diese Wahrnehmung ist ganz normal und weit verbreitet", sagt der Psychologe Dr. Marc Wittmann vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. Das individuelle Zeitempfinden steht in direkter Verbindung zum Gedächtnis. Davon gehen zumindest die meisten Forscher aus. Vor allem die Beurteilung von langen Zeiträumen hängt mit Erinnerungen zusammen, die wiederum aus dem Gedächtnis stammen.

"Die Psychologie konnte mit zahlreichen Untersuchungen beweisen: Je mehr Gedächtnisinhalt für einen bestimmten Zeitraum jemanden zur Verfügung steht, desto länger kommt demjenigen die Zeit vor", erklärt der Experte. Kinder und Jugendliche machen täglich reichliche Lernerfahrungen. Die Zeit ist mit neuen Dingen vollgepackt. Das Leben wird intensiv wahrgenommen und deshalb als lang empfunden.

Wenn sich Erwachsene im Gleichmaß des Alltags mit viel Routine und vielen Wiederholungen befinden und währenddessen nichts Besonderes passiert, dann vergeht die Zeit schnell und man erinnert sich im Rückblick kaum noch daran. Wenn dagegen viele neue aufregende Dinge passieren, dann nimmt man in der Rückschau die Zeit intensiver und damit auch als länger während wahr. Zahlreiche Dinge und Gefühle während dieser bestimmten Zeit sind dann im Gedächtnis präsent. Aber selbst in einem abwechslungsreichen Erwachsenenleben kommt es mit den Jahren zu Wiederholungen und Routinen.

Emotionen machen das Leben länger

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Ob es wohl der erste Kuss ist, den er von einem Mädchen bekommt?

(Foto: picture alliance / dpa)

Vor allem emotionale Erinnerungen haben in Bezug auf die Zeitwahrnehmung einen besonderen Stellenwert, weil sie besonders tief abgespeichert werden. "Als gut nachvollziehbares Beispiel dafür dient der erste Kuss", so Wittmann. Das Ereignis ist aufregend und emotional stark aufgeladen, so dass man sich noch lange Zeit, manchmal sogar ein Leben lang ziemlich genau daran erinnern kann. So kann es passieren, dass der erste richtige Kuss tatsächlich als eine halbe Ewigkeit wahrgenommen wird. Der 1000. Kuss dagegen ist nicht mehr so aufregend und deshalb könnte man auch nicht sagen, wann er war und wie lang er gefühlt gedauert hat, es sei denn, es ist der erste Kuss mit einer neuen Liebe und damit wieder etwas Aufregendes, das außerhalb jeglicher Routine passiert.

Es ist also nicht verwunderlich, dass bei Kindern und Jugendlichen, die viele Dinge in diesem Alter zum ersten Mal machen oder lernen, die Jahre – auch in der Rückschau - wesentlich länger zu dauern scheinen, als bei Erwachsenen.

Übrigens: Tatsächlich nimmt die Mehrzahl der Erwachsenen die Jahre mit zunehmendem Alter als immer kürzer wahr, allerdings nicht bis zum Lebensende. "Wir haben dazu eine Untersuchung gemacht", erzählt Wittmann. "Wir befragten Personen zwischen 14 und 94 Jahren, wie schnell für sie die Zeit vergeht und konnten feststellen, dass die Geschwindigkeit des Zeitverlaufes ungefähr mit 60 Jahren nicht mehr zunimmt." Mit ungefähr 60 Jahren werden die Jahre in der Wahrnehmung  nicht weiter kürzer. Woran das liegt, darüber können Experten bisher nur spekulieren.

Quelle: n-tv.de

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