Frage & Antwort

Geheimnis der Beine Wie bilden Heuschrecken große Schwärme?

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Schwärme von Wanderheuschrecken können große Schäden in der Landwirtschaft anrichten.

Millionen von Menschen sind von Hunger bedroht, weil Schwärme von Wanderheuschrecken die Ernten zerstören. Aber wie bilden diese Tiere, die anfangs als Einzelgänger leben, so gigantische Gruppen? Forscher sind dem Geheimnis der Rudelbildung nun auf die Spur gekommen.

Bereits in der Bibel sorgten sie für Angst und Schrecken: Wanderheuschrecken. Noch heute stellen sie in Teilen Ostafrikas, Asiens und des Nahen Ostens eine Bedrohung dar. Nach Angaben der Welternährungsorganisation Fao sind derzeit 42 Millionen Menschen infolge der gegenwärtigen Plage von Hunger oder Nahrungsmittelunsicherheit bedroht. Ein Heuschreckenschwarm von etwa einem Quadratkilometer Größe kann an einem Tag Nahrung für 35.000 Menschen verschlingen. Aber wie können die Tiere eigentlich so riesige Schwärme bilden?

Die Europäische Wanderheuschrecke ist auch als Einzeltier zu finden, das sich nur an einem bestimmten Ort aufhält. Irgendetwas veranlasst die Tiere, sich zu großen Schwärmen zusammenzutun, ihre angestammte Region zu verlassen und durch die Lande zu ziehen. Chinesische Forscher haben nun den Grund gefunden, warum die Einzeltiere plötzlich so gesellig werden. Er liegt in der Luft.

Die Forscher um Xiaojiao Guo von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften fanden heraus: Europäische Wanderheuschrecken setzen einen speziellen Duftstoff frei, um sich zu großen Schwärmen zusammenzurotten. Treffen vier bis fünf einzelne Tiere aufeinander, bilden sie das Pheromon 4-Vinylanisol, wodurch weitere Heuschrecken angelockt werden, schrieben die Forscher im Fachmagazin "Nature".

Rudelbildung ab drei bis vier Tieren

Die Wissenschaftler um Guo fanden sechs flüchtige Stoffe, von denen bei wandernden Tieren deutlich mehr freigesetzt werden als bei alleine lebenden Tieren. Nur einer dieser Stoffe, 4-Vinylanisol, lockte andere Wanderscheuschrecken an - und zwar Tiere in jeder Entwicklungsstufe und jeden Geschlechts.

Laborexperimente zeigten: Sobald einzelne Heuschrecken mit drei bis vier Artgenossen zusammenkamen, begannen sie, die Substanz zu bilden. Und zwar wird diese an den Hinterbeinen der Tiere freigesetzt, berichten die Forscher. Mit einem speziellen Duftrezeptor auf ihren Antennen können die Tiere den Duftstoff erschnuppern.

Europäische Wanderheuschrecken (Locusta migratoria) gehören zu den verbreitetsten und verheerendsten Heuschreckenarten der Welt. Die Art kommt in Afrika, großen Teilen Asiens, Australien und Neuseeland sowie in Süd- und Südosteuropa vor. Für die aktuellen Heuschreckenplagen ist allerdings die verwandte Wüstenheuschrecken (Schistocerca gregaria) verantwortlich. Der Lockstoff, welcher bei dieser Art die Schwarmbildung verursacht, sei jedoch noch nicht gefunden worden, so die Forscher.

Tiere mit Lockstoff einfangen

Die neue Entdeckung könnte dennoch einen großen Nutzen haben: Mit dem Wissen könnten Bekämpfungsmethoden gegen die schwärmenden Plagegeister entwickelten werden, zum Beispiel Duftfallen. Experimente bewiesen bereits, dass das Pheromon auch im Freiland die Heuschrecken tatsächlich anlockt. Mit 4-Vinylanisol ausgestattete Klebefallen könnten womöglich dabei helfen, schwärmende Wanderheuschrecken zu bekämpfen. Die Tiere könnten in den Fallen gefangen und dann dort getötet werden.

Alternativ könnten Hemmstoffe versprüht werden, die die Andockstelle für das Pheromon in den Duftrezeptoren der Antennen blockieren, schreiben die chinesischen Forscher. Denkbar sei auch, genetisch veränderte Heuschrecken freizusetzen, denen der zuständige Duftrezeptor fehlt - und so eine nur noch einzeln lebende Art hervorzubringen, die nicht schwärmt.

Übrigens: Die Europäische Wanderheuschrecke ist nicht nur schädlich, sondern kann auch nützlich sein. Denn die Art wird auch als Speiseinsekt verzehrt. Ihr Geschmack soll an Walnuss erinnern. Allerdings sind die Heuschrecken relativ teuer - und damit eher eine Zutat für luxuriöse Gerichte.

Quelle: ntv.de, kst/dpa