Wissen
Dünen wie Sand am Meer und doch nur ein kleiner Teil der Sahara: die südlichen Ausläufer der Großen Sandsee Ägyptens.
Dünen wie Sand am Meer und doch nur ein kleiner Teil der Sahara: die südlichen Ausläufer der Großen Sandsee Ägyptens.(Foto: Stefan Kröpelin)
Dienstag, 29. April 2014

Frage & Antwort, Nr. 324: Wie kam der Sand in die Sahara?

Von Andrea Schorsch

Neulich hatten wir einiges an Sahara-Staub in Köln. Da habe ich mich gefragt, wie die Sahara, dieses riesige Wüstengebiet, überhaupt entstanden ist. Wieso gibt es da solche Massen an Sand? (fragt Andreas K. aus Köln)

Es ist so viel Sand, dass man von Sandmeeren spricht. Bis zu 300 Meter ragt manch eine Sahara-Düne in die Höhe, 1000 Kilometer ist manch andere lang und dabei unzählige Millionen Tonnen schwer. Und doch besteht diese riesige, fast 10 Millionen Quadratkilometer große Wüste in Nordafrika gerade mal zu einem Fünftel aus Sand. Der größte Teil der Sahara ist Felsen oder Stein. Sandstein. Womit wir der Antwort auf die Leserfrage schon sehr nah kommen.

Jede einzelne Sichel- oder Barchandüne wiegt mehrere 100.000 Tonnen und bewegt sich dennoch 6 bis 8 Meter pro Jahr.
Jede einzelne Sichel- oder Barchandüne wiegt mehrere 100.000 Tonnen und bewegt sich dennoch 6 bis 8 Meter pro Jahr.(Foto: Stefan Kröpelin)

"Sahara-Sand, das ist im Wesentlichen verwitterter Sandstein", sagt der Geograf Stefan Kröpelin. Er ist Wissenschaftler an der Forschungsstelle Afrika des Instituts für Ur- und Frühgeschichte der Universität Köln. Und er kennt die Sahara so gut wie kaum ein anderer. "Flüsse und Seen haben in den Feuchtphasen der Sahara durch das verwitternde Gestein Sand bereitgestellt. In den langen Trockenphasen wurde der Sand dann durch Winde abgetragen und umgelagert", erklärt Kröpelin. "Und es kam auch anderer Sand hinzu. Denn während der letzten Eiszeit zum Beispiel, vor rund 20.000 Jahren, waren sowohl das Mittelmeer als auch der Atlantik rund 100 Meter niedriger als heute. Da gab es große Schelf- und Küstenbereiche mit sehr viel größeren Stränden, als wir sie kennen. Und von dort, gerade von den Mittelmeerstränden, ist durch die Passatwinde sicherlich sehr viel Sand, ehemaliger Meeressand, in die Sahara hineingeblasen worden."

Grüne Zeiten in der Sahara

Aus der letzten Feuchtzeit stammende verwitterte Seeböden sind eine wichtige Staubquelle.
Aus der letzten Feuchtzeit stammende verwitterte Seeböden sind eine wichtige Staubquelle.(Foto: Stefan Kröpelin)

Meeressand in der Sahara. Nun gut. Aber Sand aus Flüssen und Seen, die es einst in der Sahara gegeben haben soll? Feuchtphasen? War die Sahara also gar nicht immer schon Wüste? "Nein, sie war schon häufiger mal grün", sagt Kröpelin. "Vor 6000 bis 11.000 Jahren zum Beispiel. Und noch grüner war sie vor 100.000 Jahren. Seit wahrscheinlich zwei bis zweieinhalb Millionen Jahren erlebt die Sahara etwa alle 100.000 Jahre eine Feuchtphase. Und die hält jeweils ein paar tausend Jahre an."

Das klingt nach einer langen Zeit. In der Bilanz bleiben von 100.000 Jahren aber immer noch mehr als 90.000 extrem trocken – so wie heute. Dann beherrscht der Wind die Sahara. Das ist fast immer ein von Norden oder Nordosten wehender Passat. Er bringt Sand nach Süden. In den Feuchtphasen aber, wenn die Sahara eine fruchtbare Savannenlandschaft war, wehten Monsunwinde aus dem Süden über das Gebiet hinweg. Sie transportierten zurück, was Passatwinde aus dem Norden in den Süden gebracht hatten. Das jedenfalls nehmen Wissenschaftler an. "Das ist ein schwieriges Problem", sagt der Sahara-Experte. "Man kann das Alter der Sande ja nur indirekt ermitteln. Aber eines ist klar: Es geht um mehrere Zyklen, um sich wiederholende Prozesse aus Verwitterung, niedrigem Meeresspiegel und Verwehungen von Nord nach Süd, die irgendwann durch Winde von Süd nach Nord wieder ausgeglichen werden."

Sahara-Staub düngt den Amazonaswald

So bleibt der Sahara-Sand immer mehr oder weniger an einer Stelle. Nur der Sand, wohlgemerkt. Mit den noch feineren Körnern, dem Sahara-Staub, ist das ganz anders. "Der wird vom Wind in gigantischen Mengen exportiert", sagt Kröpelin. "Millionen Tonnen davon werden um die halbe Welt verfrachtet." Nicht nur bis nach Köln, wie der Wissenschaftler betont, sondern bis in den Amazonaswald. "Dort ist der Sahara-Staub eine wichtige Mineralstoffquelle. Die Amazonaswälder gäbe es nicht ohne die Düngung aus der Sahara."

Schwierige Fahrt im Staubsturm bei Sichtweiten bis unter zwei Meter.
Schwierige Fahrt im Staubsturm bei Sichtweiten bis unter zwei Meter.(Foto: Stefan Kröpelin)

Während Sahara-Sand - sehr viel gröber als der Staub - nicht höher als zwei Meter fliegen kann und daher immer in Bodennähe transportiert wird, ist Sahara-Staub auch in 10.000 Metern Höhe noch zu finden. Er entsteht durch verkleinerte Sandkörner und ausgetrocknete Seeablagerungen. "Die Sahara ist die größte Staubquelle", erzählt Kröpelin. "Und was weggeweht wird, ist dann natürlich verloren."

Klimawandel lässt Sahara schrumpfen

So unterliegt die Wüste einer ständigen Veränderung. Und es steht womöglich noch eine ganz andere, weitaus auffälligere und folgenreichere bevor: Der Klimawandel lässt die Sahara offenbar sehr viel früher wieder ergrünen als es allein nach dem natürlichen Zyklus der Fall wäre. Kröpelin, der so viel Zeit in der östlichen Sahara verbracht hat wie kein anderer Wissenschaftler, berichtet von seinen Beobachtungen: "Ich fahre jedes Jahr in die gleichen Gebiete. Sie liegen abseits von Siedlungen und werden nicht mal mehr von Nomaden genutzt. Und da ist seit Ende der 1980er Jahre ein vorsichtiger Trend zum Wiederergrünen der Sahara auszumachen." Wenn Kröpelin von einem vorsichtigen Trend spricht, dann meint er erste zaghafte Anzeichen: "Die Niederschläge nehmen völlig zweifelsfrei zu", konkretisiert er. "Der Grasbewuchs kommt wieder. Später kommen die Mäuse und Vögel, dann gibt es mehr Weiden, und schließlich kehren die Gazellen zurück."

Eigentlich wäre eine grüne Sahara erst in 60.000 bis 80.000 Jahren wieder zu erwarten. Sie bildet sich eben nur etwa alle 100.000 Jahre aus. Doch die globale Erwärmung scheint die Entwicklung deutlich zu beschleunigen. Sie erhöhe, erklärt Kröpelin, die Verdunstung über den Weltmeeren und verstärke die Monsunwinde, sodass in den letzten beiden Jahrzehnten viel mehr Niederschläge weit in die Sahara hineingetragen wurden. "Es ist jetzt das erste Mal, dass die Wüste nicht durch externe Faktoren wiederergrünt, durch orbitale Vorgänge, die Nähe zur Sonne usw., sondern eben durch den Menschen, durch den von ihm verursachten Klimawandel", lautet der Schluss, den der Forscher aus seinen Beobachtungen zieht.

Mensch wirkt dem Grün entgegen

Ein Trend zur schrumpfenden Sahara ist für den Experten also schon jetzt erkennbar, allerdings ist er nur in weit von Menschen entfernten Gebieten auszumachen. Denn es gibt etwas, das einem Wiederergrünen der Wüstengebiete im Wege stehen könnte: die extreme Bevölkerungszunahme am Rand der Sahara. "Ziegen, Überweidung und Holzentnahme können die positive Entwicklung stoppen und sogar mehr als umkehren", erläutert Kröpelin. "In Darfur gab es 1950 eine Million Einwohner, inzwischen sind es acht Millionen. Und es ist ganz klar, dass viele Menschen auch viel mehr nutzen müssen - auch die empfindlichen Wüstenrandgebiete." Die klimabedingte Ausbreitung der Sahara ist nach Meinung Kröpelins zum Stillstand gekommen. Die menschgemachte Ausdehnung der Wüste aber, die Desertifikation, ist eine akute Bedrohung. Sie könnte bewirken, dass es demnächst noch etwas mehr Sand in der Sahara gibt.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de