Frage & Antwort

Frage & Antwort, Nr. 13 Woher kommt der "Herr Gesangsverein"?

Wir haben uns schon seit einiger Zeit gefragt: Warum sagt man, wenn man was unglaublich findet, "Mein lieber Herr Gesangsverein"? Haben Sie da vielleicht eine Erklärung? (fragt Jens Behrens aus Lippstadt)

"Mein lieber Scholli", haben wir gedacht. Woher sollen wir das wissen? Schließlich schimpften schon unsere Großmütter immer auf den Herrn Gesangsverein. "In der Tat, Sprichwörter und Redensarten haben häufig eine lange Tradition, die bis ins Mittelalter oder gar bis in die Antike zurückreichen kann", pflichtet Rebekka Nöcker bei.

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Gottfried von Straßburg

"Bei Ovid etwa findet sich das Sprichwort 'Steter Tropfen höhlt den Stein'. Das Sprichwort 'Alte Schuld rostet nicht' bezeugt bereits der mittelalterliche Autor Gottfried von Straßburg (do wart diu warheit wol schin / des sprichwortes, daz da giht, / daz schulde ligen und rosten niht - Daran zeigte sich gut die Wahrheit des Sprichwortes, das besagt, dass Schulden liegen und nicht rosten; Tristan, 5456-5458). Ein Blick in die Bibel zeigt die Herkunft z.B. des Sprichwortes 'Hochmut kommt vor dem Fall' aus den Sprüchen Salomons (16,18) oder der Redensart 'Perlen vor die Säue werfen' aus dem Matthäus-Evangelium (7,6)."

Nun gibt es eine Schwierigkeit: Sprichwörter und Redensarten sind primär in mündlicher Kommunikation verankert, werden mündlich überliefert und entfalten ihre Sinnbildung oft erst mit der situativ geäußerten Formulierung, weil sie sich auf einen ganz konkreten Anlass beziehen. Im besonderen Interesse der Forschung liegen daher die Gebrauchszusammenhänge, in denen eine sprichwörtliche Phrase bevorzugt verwendet wurde und über die sich Bedeutungswandel oder unterschiedliche Verwendungszwecke ablesen lassen. "Die jeweils aktuelle Situation, die Aufschluss über Anlass und Absicht der Sprichwortäußerung geben könnte, liegt in der Regel nicht mehr vor", sagt Nöcker. Für die Ermittlung der Herkunft und Bedeutung muss die Sprichwort-Expertin der Universität Tübingen darum auf schriftlich überlieferte Zeugnisse zurückgreifen.

Ab ins Mittelalter

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Reproduktion einer Handschrift aus dem 14. Jahrhundert mit einem Minnelied von Walther von der Vogelweide.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Eine besondere Rolle spielt dabei die mittelhochdeutsche Literatur, die, so die Germanistin, "entscheidend zur Überlieferung deutscher Sprichwörter beigetragen hat". "Neben dem oben erwähnten Beispiel Gottfrieds von Straßburg ist etwa Walther von der Vogelweide zu nennen. Bei ihm lautet das Sprichwort 'Den wahren Freund erkennt man in der Not': ouch hrte ich die liute des mit volge jehen, / gewissen friunt, versuochte swert, sul man zeten sehen (Auch hörte ich das unter Beifall sagen: Den zuverlässigen Freund und erprobte Schwerter soll man in der Not erkennen; 31,1). Material bieten ferner mittelalterliche und humanistische Sprichwörtersammlungen. Das eben erwähnte Sprichwort findet sich beispielsweise in der berühmten Sprichwörtersammlung des Humanisten Sebastian Franck (1541). Dort heißt es: In der not spürt man den freund (I, 116v). Verbreitet worden ist es aber vor allem durch Luthers Bibelübersetzung (1546): Wens aber wolgehet, so kann man keinen Freund recht erkennen. Wens aber vbelgehet, so kann sich der Feind auch nicht bergen (Sir 12,7).

Und der Sänger vom Verein?

Jetzt kommt Frau Nöcker ins Stocken. Im Fall der Redensart "Mein lieber Herr Gesangsverein" sind, wie in manch anderen Fällen, der Forschung hinsichtlich der Rekonstruktion seiner Entstehung Grenzen gesetzt. "Sicher ist nur, dass die Redensart nach der Gründung des Vereinswesens im 19. Jahrhundert entstanden sein muss." Die genaue Herkunft des Sprichwortes ist bislang aber nicht geklärt worden. Eine Vermutung hat die Expertin dennoch: "Es handelt sich dabei um einen Ausruf der Verwunderung, des Erstaunens, der Verärgerung, der Anerkennung, der Verblüfftheit, der Überraschung. Grundsätzlich ist nicht auszuschließen, dass die Redensart in Analogie zu Redensarten mit gleich lautendem Beginn und identischer Satzstruktur gebildet ist, etwa zu 'Mein lieber Schwan' oder 'Mein lieber Scholli'."

"'Mein lieber Schwan' stammt aus der Wagner-Oper Lohengrin (1847): 'Nun sei bedankt, mein lieber Schwan!' lautet dort der Dank Lohengrins an den Schwan, der ihn und seinen Nachen über das Wasser gezogen hat. Für 'Mein lieber Scholli' gibt es zwei Erklärungsversuche, erstens den aus dem französischen Adjektiv joli (hübsch) abgeleiteten Hundenamen Joli, den z.B. Eduard Mörike seinem Spitz gibt, zweitens den Salzburger Studenten Ferdinand Joly (1765-1823), der 'unrühmlich' der Universität verwiesen, als Dichter volkstümlicher Lieder durch die Lande zog. Möglicherweise stellt 'Mein lieber Herr Gesangsverein' eine Witzbildung auf der Grundlage der beiden genannten Redensarten dar, die bewusst 'Nonsens' formulieren soll."

Quelle: ntv.de

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