Unterhaltung
Che Guevaras Antlitz schmückt Flaggen, T-Shirts und Häuserwände.
Che Guevaras Antlitz schmückt Flaggen, T-Shirts und Häuserwände.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 08. Oktober 2017

"Mein Bruder Che": Der Kampf gegen den Mythos von "Che"

Von Juliane Kipper

Aus Scham und Angst weigert sich die Familie von Ernesto "Che" Guevara jahrelang, über ihr berühmtes Familienmitglied zu sprechen. Inzwischen ist Che längst zum Mythos geworden. Ganz zum Ärger seines jüngsten Bruders Juan Martín.

50 Jahre nach seinem Tod ist Ernesto "Che" Guevara im kollektiven Gedächtnis immer noch gegenwärtig. Das Bild Ches überdauert. Jugendliche nehmen sich noch immer den Guerilla-Kämpfer als Archetyp von Rebellion, Redlichkeit, Kampf und Gerechtigkeit zum Vorbild. Sein Antlitz schmückt Flaggen, T-Shirts und Häuserwände – er ist zum Mythos geworden.

Juan Martín Guevara ist davon überzeugt, dass "Che uns aufrütteln kann". Sein Buch "Mein Bruder Che" versucht das ins Wanken geratenen Bild von Ernesto wieder ins rechte Licht zu rücken.
Juan Martín Guevara ist davon überzeugt, dass "Che uns aufrütteln kann". Sein Buch "Mein Bruder Che" versucht das ins Wanken geratenen Bild von Ernesto wieder ins rechte Licht zu rücken.(Foto: picture alliance / Klett-Cotta T)

In "Mein Bruder Che" gewährt Ernestos 15 Jahre jüngerer Bruder Juan Martín Guevara sehr persönliche Einblicke in das Leben einer ungewöhnlichen Familie aus Buenos Aires, die er als einen Wanderzirkus in permanentem Chaos beschreibt. Die Guevara-Sprösslinge lebten frei wie die Vögel und mussten sich an keine Zeiten halten. In der Familie durfte jeder machen, was er wollte. Die Eltern schrieben ihren Kindern keine Regeln vor.

Mit seiner Asthma-Erkrankung und als ältestes von fünf Geschwistern stand "Ernestito", wie er von seiner Mutter Celia de la Serna liebevoll genannt wurde, oft im Mittelpunkt. Die Familie musste wegen seiner Erkrankung mehrmals umziehen, bis zur neunten Klasse unterrichtete ihn seine Mutter zu Hause. Für ihn war das kein Nachteil. Dank der Qualität des Unterrichts seiner Mutter überholt Ernesto seine Klassenkameraden später locker.

Mehr als nur Brüder

Mutter und Sohn pflegten eine innige Beziehung. Beide hatten tiefen Respekt voreinander. Von seiner Mutter hatte er die Lust am Lesen geerbt und die französische Sprache erlernt. Che war zweifelsohne ihr Lieblingssohn. Sein Vater Ernesto Guevara Lynch hingegen teilt weder seine politischen Ansichten noch honorierte er die "unerschütterliche Rechtschaffenheit" seines Sohnes. Bis zum Schluss konnte er nicht verstehen, dass die Revolution für Che mehr als nur ein Abenteuer war.

Juan Martín Guevara beschreibt seinen Bruder als Störenfried. Geboren für die Polemik. Ernesto habe Leute provoziert, um eine Reaktion zu erzielen. In seiner Biografie erzählt der 72-Jährige von der Angewohnheit seines Bruders, Bücher mit auf die Toilette zu nehmen und Ewigkeiten dort sitzen zu bleiben. Sobald ihn jemand gebeten habe, die Toilette freizugeben, habe er angefangen, Flaubert, Dumas oder Baudelaire auf Französisch zu zitieren – er trieb damit die Familie in den Wahnsinn.

In Ches Schatten aufzuwachsen war für Juan Martín Guevara nicht leicht. Doch die beiden waren nicht nur Brüder. Für den Jüngsten war der Älteste auch Kampfgenosse und Vorbild. Trotz des Altersunterschiedes empfahl Che Juan Martín Bücher, die er lesen sollte, und sprach mit ihm über Politik wie mit einem Gleichaltrigen. Che sah in Juan Martín seinen spirituellen Erben, denjenigen, der seinen Kampf weiterführen und zu Ende bringen könnte.

Buch enthüllt keine neuen Geheimnisse

Juan Martin Guevara wollte mit seinem bisherigen Schweigen verhindern, das Andenken seines Bruders auszubeuten.
Juan Martin Guevara wollte mit seinem bisherigen Schweigen verhindern, das Andenken seines Bruders auszubeuten.(Foto: REUTERS)

Die Familie erlebte Ernestos Engagement und seine immer größer werdende Popularität unmittelbar. Ähnlich wie für Lateinamerika, gibt es auch für die Familie Guevara Lynch de la Sernas, eine Zeit vor und nach der Revolution auf Kuba. Als die von Fidel Castro angeführte Organisation "Bewegung des 26. Juli" den kubanischen Diktator Fulgencio Batista stürzte, reiste die Familie 1959 gemeinsam nach Havanna. Aus Ernesto war inzwischen der Revolutionsführer Comandante Che Guevara geworden. Juan Martín stand kurz davor, sich seinem Bruder im Kampf gegen den Imperialismus anzuschließen. Doch sein Vater durchkreuzte die Pläne des Jugendlichen. Juan Martín war damals erst 15 Jahre alt.

1965 ist die Familie ein letztes Mal beisammen. Auf einem Bahnsteig verabschiedeten Eltern und Geschwister den Nestflüchter Ernesto in ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang, von dem er nie zurückkehren sollte. Che will die Revolution von Kuba hinaus zu den Bauern in Bolivien und in die Welt tragen. Nachrichten von Ernestos Tod hat die Familie in Buenos Aires öfter erhalten. Immer stellten sie sich als falsch heraus. Doch als Juan Martín 1967 den leblosen Körper seines Bruders in der Zeitung sah, zweifelte er keinen Augenblick.

Juan Martín Guevaras Buch über seinen berühmten Bruder enthüllt keine neuen Geheimnisse. Doch die kurzweiligen Episoden aus dem Leben der Familie Guevara Lynch de la Sernas machen es zu einer spannenden Lektüre für alldiejenigen, die mit dem politischen Werk von Ernesto Che Guevara bereits vertraut sind.

In stiller Übereinkunft hat sich die Familie lange geweigert, über ihr berühmtes Familienmitglied zu reden. Aus Angst und Scham, aber auch, weil es zeitweise in Argentinien lebensgefährlich war, mit Che Guevara in Verbindung gebracht zu werden. Das muss auch Juan Martín erleben: Fast acht Jahre verbrachte er während der argentinischen Militärdiktatur wegen seiner politischen Gesinnung und seines Nachnamens im Gefängnis.

Das Bild von Che ist ins Wanken geraten

Der 72-Jährige wollte mit seinem Schweigen aber auch um jeden Preis verhindern, das Andenken seines Bruders auszubeuten. Denn der Tod von Che Guevara hatte sich in ein regelrechtes Geschäft verwandelt und damit genau jenes skrupellose Gewinnstreben gefördert, gegen das sein Bruder sein Leben lang gekämpft hat.

Auch 50 Jahre nach dem Tod seines Bruders ist Juan Martín Guevara vielleicht einer der größten Anhänger von Che. Zu keinem Zeitpunkt und in keinem Nebensatz klingt ein Funke Kritik an. Für Juan Martín Guevara ist sein Bruder schon zu Lebzeiten eine Legende mit einem angeborenen Sinn für Gleichheit und Gerechtigkeit, der sich stets der Norm widersetzte und dabei von einer mysteriösen Aura umgeben gewesen ist.

Noch heute ist Juan Martín Guevara davon überzeugt, dass "Che uns aufrütteln kann". Denn er ist sich sicher: In der Welt verbergen sich neue Ches, die nur auf den richtigen Moment für ihren Auftritt warten.

"Mein Bruder Che" bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen