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Fast ausgestorbener Kleinwagen Fahrt mit dem Renault 5 der ersten Generation

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Renault 5 in Grün: Der simpel gestaltete Kleinwagen der Siebziger ist cool, aber nicht so kultig wie der ältere R4.

(Foto: Patrick Broich)

Als der Renault 5 vor ziemlich genau 50 Jahren auf die Straße rollte, diente er vor allem als kleines, aber modernes Zweckmobil ohne Luxus. Über genau diesen Luxusverzicht muss man heute schmunzeln und freut sich, in dem winzigen Zeugen der automobilen Zeitgeschichte unterwegs sein zu dürfen.

Mit knappen Abmessungen, aber dennoch keineswegs zu wenig Innenraum löste Renault ab 1972 das Versprechen ein, kompakt unterwegs sein zu können, aber nicht verzichten zu müssen. Aus damaliger Sicht ist das korrekt - zumal der neue R5 als TL beispielsweise mit 43 PS deutlich mehr Leistung hatte als der ältere, größere und viertürige R4 mit maximal 34 PS.

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Typisch R5 - knallige Farben waren damals an der Tagesordnung.

(Foto: Patrick Broich)

Der R5 ist übrigens nicht als Nachfolger des R4 zu verstehen, sondern als kompakte Ergänzung. Der damalige Renault-Generaldirektor Bernard Hanons war ein progressiver Marketingmann mit zeitweiliger Professur in New York und wandte moderne Methoden an, um herauszubekommen, was seine Kunden haben möchten. Darunter auch Markterhebungen.

Vier Türen waren für den Neuling R5 übrigens gar nicht erst vorgesehen, dafür war der Parkplatz in der City gesichert - denn 3,51 Meter Außenlänge waren auch vor fünf Jahrzehnten schon eher minimalistisch. Interessant, was dabei herauskommt, wenn man auf potenzielle Kunden hört.

Choke muss ran

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Der R5 Alpine kommt stets mit Fünfganggetriebe und konventionellem Schalthebel.

(Foto: Patrick Broich)

Und weil minimalistisch auch spannend sein kann, findet die erste Fahrt für diese Story im frühen R5 L mit lediglich 34 statt 43 PS (in Deutschland gab es für die Basis 36 PS) statt. Schnell reingeworfen in die kleine Büchse und gestartet. Vielmehr: ein erster Startversuch. Das Motörchen erweist sich zunächst als arbeitsunwillig - also per Choke (diesen kleinen Hebel, den man beim Kaltstart ziehen muss, kennen jüngere Leser nicht mehr) das Kraftstoff-Luft-Gemisch ein bisschen anfetten, dann springt der 0,8-Liter-Vierzylinder auch an und verfällt in einen stabilen Leerlauf. Mit leichter blauer Fahne - die gibt sich aber später - setzt sich der automobile Floh in Bewegung und kommt sogar recht gut voran. Klar, bei einem Leergewicht von kaum mehr als 700 Kilogramm auch kein Wunder.

Die Arbeit am Schiebestock-Getriebe, bei dem man den Schalthebel liegend bedient und je nach Gang um die eigene Achse drehen muss, geht gut von der Hand. Wem dieses Konzept Unbehagen bereitet, kann auch auf eine konventionelle Schaltung gehen - gab es zeitgenössisch als Sonderausstattung, dürfte aber heute schwierig zu finden sein. Noch schwieriger zu finden: seltene Automatikvarianten.

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Selbst innen geizt Renault nicht mit Alpine-Schriftzügen.

(Foto: Patrick Broich)

Überhaupt ist der gerne in poppigen Bonbonfarben ausgelieferte R5 inzwischen ein recht ausgestorbenes Auto und - genau - ziemlich schwierig zu finden. Gut, dass Renault ein rollendes Museum in einem Komplex innerhalb des Werks Flins nordöstlich von Paris unterhält. Allerdings hat es ja auch seinen Charme, sich für ein klassisches Modell zu interessieren, das inzwischen zur Rarität geworden ist. Der Kleinwagen wurde millionenfach gebaut, aber der Rost hat ihn dahingerafft. Umso mehr freut man sich, ein Exemplar zu entdecken, das vielleicht sogar verkauft wird.

Luxus sucht man im Renault 5 vergebens

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Schlicht sind die Instrumente auch im R5 Alpine, aber der Drehzahlmesser ist ein Muss.

(Foto: Patrick Broich)

Zeiten ändern sich und mit ihr auch die Wahrnehmung. Ein R5 im Alltag wäre heute zumindest eine Herausforderung für die meisten Autofahrer, da man Features wie Antiblockiersystem oder Zentralverriegelung in der Regel nicht mehr als Luxus empfindet. Davon ist man in dem kleinen Franzosen weit entfernt, nicht einmal Kopfstützen vorn zählten anfangs zur Selbstverständlichkeit. Dafür eine schlechte Klimatisierung, die nur in einem kleinen Temperaturfenster erträglich ist. Nämlich dann, wenn es nicht zu warm ist, sodass man auf eine Klimaanlage verzichten kann. Oder eben, wenn es nicht zu kalt und nass ist, damit die Scheiben nicht beschlagen. Aber irgendwie ist es auch cool, mit wenig auszukommen. Ein R5 erfüllt den ureigenen Zweck eines Automobils - einfach nur an Ziele gelangen zu können, die fußläufig nicht mehr praktikabel erreichbar sind.

Und die 43-PS-Version bereitet sogar einen Hauch von Fahrspaß - selbst zeitgenössisch, wie einst Manfred Jantke bestätigte, als er 1972 den ersten Fahrbericht für die Fachzeitschrift "Auto Motor und Sport" verfasste. Doch die Schöpfer des schnörkellos geformten Renault 5 mit der einfachen Innenarchitektur und den schlichten Instrumenten wollten mehr, als nur eine kleine minimalistische automobile Funktionskiste zu kreieren. Legendär ist der später nachgereichte R5 Turbo mit monsterbreiten Kotflügeln, aufwendig umkonstruiertem Mittelmotorkonzept sowie damals unglaublichen 160 PS - heute zu sechsstelligen Preisen gehandelt.

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Die Alpine-Ausgabe des R5 ist dank peppiger Beklebung nicht zu übersehen.

(Foto: Patrick Broich)

Zur Einstimmung auf diese Version gab es Ende der Siebziger zunächst noch den R5 Alpine, den ntv.de in diesem Rahmen bewegen durfte. Hier ist die Schiebestockschaltung längst rausgeflogen - zu unsportlich. Und hinter dem aus der Alpine A310 geborgten Lederlenkrad hat sich ein Drehzahlmesser in das Kombiinstrument geschlichen. Außerdem erzeugt die Tachoskala bis 200 km/h schon eine Vorahnung, was den Fahrer erwartet.

Leicht zu erkennen

Plötzlich steckt unter dem Blech des mit roten Zierstreifen versehenen Zwergs ein potenter 1,4-Liter mit 93 Pferdchen. Genug, um den 850-Kilogramm-Zweitürer nachdrücklich anzuschieben. Schon nach 8,9 Sekunden steht die Nadel laut Werk bei 100 km/h, Ende der Siebziger ein sensationeller Wert, wenngleich die Testexemplare in der Praxis eher ein bis zwei Sekunden später bei Landstraßentempo ankamen. Das schreit nach Versuch. Rein in den Franzosen und Motor starten.

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In der Seitenansicht kommen die eigenwillig gestalteten 13-Zöller gut zur Geltung.

(Foto: Patrick Broich)

Klanglich bleibt der Vierzylinder erst einmal zurückhaltend, kann der Alpine also wirklich Spaß machen? Oh ja, und zwar insbesondere auf einsamen Fahrbahnen außerhalb der Stadt. Das betagte Triebwerk mit dem guten, alten Weber-Doppelvergaser hängt süffig am Gas und scheut sich nicht, willig bis an die 6000-Touren-Marke zu drehen trotz hängender, stoßstangenangetriebener Ventile. Wo sind die Mundwinkel des Fahrers? Genau, ziemlich weit oben. Zumal der kleine Fronttriebler mit den damals trendigen 13-Zöllern im oberen Drehzahlbereich endlich so brüllt, wie man es von ihm erwartet.

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Verstärkte Querstabilisatoren hinten verpassen dem Eigenlenkverhalten sportliche Impulse - doch Vorsicht, elektronische Helferlein gibt es nicht, Fehlbedienung kann direkt in kalter Blechverformung münden. Wer zügig mit dem Kleinen durch die Kehre preschen möchte, muss ganz schön am schwergängigen Lenkrad zerren und das allerdings recht patent schaltende Fünfganggetriebe fleißig bedienen. Sportliches Fahren war früher eben auch Arbeit. Arbeit, die aber jede Menge Gaudi bereitet.

Lust auf einen R5 bekommen? Gibt es schon für unter 10.000 Euro in passablen, aber nicht lupenreinen Zuständen. Gute Alpine-Ausführungen können jedoch locker mal mit 20.000 oder gar 30.000 Euro zu Buche schlagen. Um rasch fündig zu werden, muss man seine Suche auf ganz Europa ausweiten. So wird schon der Erwerb des gesuchten Schmuckstücks zum kleinen Abenteuer und es kann eine Zeit dauern, bis man das richtige Exemplar findet. Doch Vorfreude ist schließlich die schönste Freude. Übrigens auch auf den künftigen R5, den Renault ja als Retrocar wieder aufleben lassen möchte - dann natürlich elektrisch angetrieben.

Quelle: ntv.de

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