Auto

Früher war die Zukunft besser Porsche 911 Targa 4S - Überflieger mit Bügel

BE8I0525.jpg

Der Porsche Targa ist geschichtsträchtig. Na gut, vielleicht ist es auch nur die Erinnerung an den 1965 erstmals aufgelegten Porsche 911 mit Bügel.

(Foto: Rossen Gargolov)

Ob der Targa das schönere 911er Cabrio ist, liegt im Auge des Betrachters. Eine Fahrmaschine ist er allemal. Vor allem dann, wenn er als 4S mit Sechszylinder und 450 PS unterwegs ist. Aber die Geschichte hat eben auch ihren Preis.

P1049103.jpg

Der Urahn des Porsche 911 Targa Seite an Seite mit seiner Neuauflage.

(Foto: Rossen Gargolov)

Es gilt mehr denn je: Früher war selbst die Zukunft besser. Vielleicht ist das der Grund, warum auch die Autohersteller sich beim Design ihrer Fahrzeuge gerne auf Vergangenes besinnen. Sei es die übergroße BMW-Niere, also der üppige Kühlergrill der neuen Modelle der Bayern, oder sei es das Stuttgarter Formbild, das das Design mit einem GT ins Spiel brachte und dabei selbstredend den SL 300 im Blick hatte. Nun kann man sagen, dass Porsche von diesem Spiel mit der Vergangenheit nie so arg berührt war wie die Konkurrenz. Schließlich hält man sich in Zuffenhausen seit Jahrzehnten an die Designvorgaben eines Ferry Porsche. Vor allem bei einem 911.

Und dennoch, auch im Ländle der schwäbischen Sportwagenschmiede blickt man manchmal zurück und erinnert sich an Ikonisches. So zum Beispiel an den 911 Targa 2.0 von 1965. Seinerzeit stand der Zweisitzer noch für das Konzept des sicheren Offenfahrens, er war das "Sicherheitscabriolet mit Überrollbügel". Durchgesetzt hat sich aber nicht dieser Aspekt, sondern das daraus resultierende besondere Design des Sonnenanbeters mit den herausnehmbaren Dachelementen. Dennoch wurde die Produktion 1976 eingestellt. Eine kurze Renaissance erlebte das Targa-Konzept von 2003 bis 2006 mit dem Carrera GT, der auch als Targa angeboten wurde.

Der Wind, der Wind

BE8I0538.jpg

Bei Regen ist offenes Fahren eher unangenehm. Über die Fahreigenschaften eines 911 Targa muss man sich hier aber keine Gedanken machen.

(Foto: Rossen Gargolov)

Doch wirklich wiederentdeckt wurde das Konzept erst im Jahr 2014 mit dem 991. Doch anders als bei dem Ur-Targa muss das Dachteil nicht mehr per Hand zwischen der Frontscheibe und dem charakteristischen breiten Bügel herausgehoben werden, sondern es schließt und öffnet sich vollautomatisch in nur 19 Sekunden. Das hat in zweierlei Hinsicht Charme: Mit dem schon erwähnten Bügel bleibt die typische 911er-Form besser erhalten als beim Cabrio und der Wind findet andere Wege bei schneller Fahrt, als um das Haupt der Passagiere zu wehen. Obgleich - eine Misslichkeit gibt es doch. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit fängt es an in den Ohren zu pumpen, weil sich eben die Verwirbelungen im Bügel verfangen.

Doch wenden wir uns den mehr als angenehmen Dingen zu: den Fahreigenschaften eines Porsche 911 Targa 4S. Ja, natürlich gibt es den eigenwilligen Sonnenanbeter auch als "schlichte" 4. Was dann nichts anderes bedeutet, als dass der Dreiliter-Sechszylinder-Boxermotor hier 385 PS leistet, ein maximales Drehmoment von 450 Newtonmeter auf die Achsen schaufelt und den Sportfreund in 4,2 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 beschleunigt. Am Ende stehen mit schwerem Gasfuß 298 km/h auf dem Tacho. Reicht aus? Natürlich! Keine Frage, aber warum kleckern, wenn man klotzen kann. Der 4S übertrifft das Ganze nämlich nicht nur um 15.000 Euro mit einem Einstiegspreis von 140.327 Euro, sondern auch bei den Fahrwerten.

Die Bügel-Kampfmaschine

BE8I0632.jpg

Wie ein 911 ist auch der 911 Targa ein echter Kurvenjäger.

(Foto: Rossen Gargolov)

Aus dem gleichen Sechszylinder haben die Ingenieure hier 450 PS gekitzelt. Wenn die analoge Nadel des Drehzahlmessers drei Striche hinter der 2 steht, also 2300 Kurbelwellenumdrehungen anzeigt, pressen 530 Newtonmeter die Mischbereifung an Front und Heck in den Asphalt, dass man meinen möchte, man riecht bereits beim Antritt verbrannten Gummi. Dem ist nicht so, aber über die 245er Schluffen vorn und die 305er Walzen am Hinterteil schiebt die Bügel-Kampfmaschine gewaltig an. Bereits nach 3,6 Sekunden ist der Standardsprint beendet. Wenige Sekunden später ist Tempo 200 erreicht und wer jetzt noch nicht genug hat, der lässt den Boliden bis auf 304 km/h fliegen.

Das sind Rennstreckenwerte und der gesunde Menschenverstand verbietet es, den Flug in Überschallgeschwindigkeit auf öffentliche Straßen zu vollführen. Aber der Kenner weiß ohnehin, dass die schiere Geschwindigkeit niemals das Können eines Fahrzeuges und dessen Piloten zum Ausdruck bringt. Die Verbindung von Mensch und Maschine beginnt und endet in der Kurve und für die ist auch der 911 Targa 4S gemacht. Stabil wie an den Magneten der Carrera-Bahn geführt pfeilt der Porsche auf Wunsch durch die Kehren. Der Winkel? Fast egal. Die physikalischen Kräfte? Wirken natürlich auf Fahrzeug und Fahrer. Aber dieser Porsche lenkt so präzise und bleibt dank der elektronisch geregelten variablen Dämpfer und der ebenfalls elektronisch geregelten Hinterachs-Quersperre mit variabler Momentenverteilung bis in den weit, weit gesteckten Grenzbereich so gutmütig, so sportlich einfach, dass es scheint, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Auch dann nicht, wenn die Zahl im Tacho ganz anderes vermuten lässt.

Der Könner schaltet selbst?

CZ21V10OX0003_KV_AW.jpg

Aus armdicken Endrohren singt der Porsche 911 Targa 4S auf Wunsch ein kraftvolles Lied.

(Foto: Porsche)

Präzise wie die Kurven schaltet das PDK, das Automatikgetriebe, hoch und runter. Und noch besser: Im Sportmodus überschaltet das Getriebe, hält für den nächsten Angriff die Drehzahlen oben und hustet heiser aus den zwei armdicken Endrohren. Nein, nicht so wie der Sauger, höher, aggressiver, vielleicht sogar etwas dynamischer. Doch wie auch immer man das Lied interpretieren möchte, der Sound gefällt. Und wem die automatische Schaltung nicht genehm ist, wer selber Herr der Sache sein möchte, der hat mit dem 4S die Gelegenheit dazu. Er kann den Kampfsportler nämlich auch mit manueller Sechsgangschaltung bestellen und puristisch wie seinerzeit die Gänge per Handkraft einlegen. Denn wir wissen ja, der Könner schaltet selbst. Kann er aber auch beim PDK. Richtig, über die Wippen am Lenkrad. Und Herrschaften, die verdienen den Namen. Groß, super ausgeformt und metallen geben sie den Fingern zu jeder Zeit den richtigen Halt.

Und wenn im Ernstfall wirklich der Anker des 911 Targa 4S geworfen werden muss, dann verzögert der Bolide dank der Sechskolben-Sättel vorn und der Vierkolben-Sättel hinten, die in jeweils 350 Millimeter messende Bremsscheiben hacken, umgehend. Verzug ist etwas, was dieser Porsche weder beim Beschleunigen noch beim Bremsen kennt. Und das schafft ein gutes Gefühl.

Ob das Gefühl beim Blick auf den Verbrauch noch so gut ist, muss jeder mit seinem Gewissen ausfechten. Fakt ist, dass 13 Liter im flotten Lauf über 100 Kilometer für diese Leistungsklasse absolut in Ordnung gehen. Und Fakt ist auch, dass man mit viel Gefühl im rechten Fuß und den elektronischen Helferlein durchaus mit gut 9 Litern über die gleiche Distanz kommen kann. Aber wer in einem solchen Auto nicht mal für einen Moment über die Stränge schlägt und sich von der oben geschilderten Performance in den Bann schlagen lässt, der sitzt definitiv im falschen Auto.

Die Zeit reist mit

S20_2464_fine.jpg

Der Innenraum des 911 Targa gleicht dem des Kollegen mit festem Dach.

(Foto: Porsche)

Wer in dem richtigen Auto sitzt, der hat neben der Power und Präzision nunmehr auch die Annehmlichkeiten aus dem neuen Porsche 911, also dem 992. Dazu gehört das volldigitale Display mit dem manuellen Drehzahlmesser ebenso wie das 10,9 Zoll große Zentraldisplay, das gleichsam die Steuereinheit für das "Porsche Communication Management" ist. Darunter befinden sich fünf Schalter für den direkten Zugriff auf die wichtigsten Fahrzeugfunktionen.

Apropos: Zum Fahren wurde der Testwagen ja nur über einen kleinen Gnubbel in der Mittelkonsole bewegt. Shift bei Wire nennt sich das Ganze und heißt nichts anderes, als dass es hier keine Kabel, Züge oder sonst was gibt, sondern nur ein elektronisches Signal, das die Vorgaben macht. Den Rest übernimmt ohnehin das PDK. Doch alle die die Kraftverteilung lieber selbst übernehmen wollen, denen sei gesagt, dass sie das können, denn Porsche bietet den Targa auch als Handschalter an.

Quelle: ntv.de