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Nach 45 Jahren zurück S-Klasse Cabrio - noch mehr offener Luxus

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Selbst im Mercedes-AMG S 63 lässt es sich perfekt cruisen.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Vor 45 Jahren wurde das S-Klasse Cabrio aus dem Mercedes-Programm genommen. Jetzt ist es zurück und die Stuttgarter erheben den Anspruch, das "komfortabelste Cabriolet der Welt" gebaut zu haben. n-tv.de dreht eine erste Runde.

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In 20 Sekunden versteckt sich das Verdeck im Kofferraum des S-Klasse Cabrio. Und das bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h.

(Foto: Holger Preiss)

Es ist tatsächlich 45 Jahre her, dass Mercedes seine Luxusklasse oben öffnete und ein Cabriolet bereitstellte. Damals wie heute muss man ein erkleckliches Sümmchen bereithalten, um sich in diesem Segment die Sonne unverhüllt ins Gesicht scheinen zu lassen. Die Rede ist hier von mindestens 140.000 Euro. Puh, sagt jetzt der eine, und der andere fügt hinzu: Dafür gibt es aber den S 500 mit einem 4,6-Liter V8-Triebwerk und 455 PS. Die Kraft von 700 Newtonmeter wird über eine Neungang-Automatik an alle vier Räder verteilt und schiebt die zwei Tonnen offenen Luxus in lockeren 4,6 Sekunden auf Tempo 100. In der Spitze schießt der Premiumgleiter bis auf 250 km/h.

Wem das immer noch nicht standesgemäß ist und wer ohnehin nicht weiß, wohin mit seinem Geld, der kann bei der Motorisierung für 187.500 Euro noch eine Schippe drauflegen. Wer diese Summe ausgibt, der fährt nämlich mit dem AMG S 63 vom Hof. Der Kenner weiß, was ihn da unter der Haube erwartet: ein 5,4-Liter V8 der mit 585 PS und 900 Newtonmeter zur Sache geht. Auf gerader Strecke schießt das S-Klasse-Cabrio so befeuert in 3,9 Sekunden auf Landstraßentempo und erfreut den Piloten und auf Wunsch drei weitere Personen mit einer Spitzengeschwindigkeit von abgeregelten 250 km/h.

Es geht auch zu viert

Wenn der offene Gleiter, egal wie er auch motorisiert ist, voll besetzt wird, muss Rücksicht geübt werden. Jedenfalls dann, wenn die Personen in der ersten Reihe die Körpergröße von 1,80 Meter überschreiten. Das mag verwundern, wenn man Limousine der S-Klasse im Blick hat. Denn dort liegen Platz und Komfort natürlich im Fond. Das ist bei einem Cabrio eben genau andersherum. So ein Sonnenanbeter ist ein Auto, das vor allem dem Fahrer Spaß bereiten soll, auch wenn es fünf Meter lang ist. Einen Großteil des Platzes frisst nämlich der Kofferraum, in dem sich bei offener Fahrt das Softtop versteckt. Wenn sich der Deckel in 20 Sekunden und bis zu einer Geschwindigkeit von 50 km/h in das Gepäckabteil gekauert hat, wird es fürs Gepäck eng. Lediglich 250 Liter bleiben von den ursprünglich 350 übrig.

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Platz für vier Insassen. Wenn man Rücksicht nimmt.

(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Aber wer will schon mit seinem S-Klasse Cabrio zu Ikea fahren? Ein solches Auto ist gelebter Luxus. Der Meinung ist auch der Entwicklungschef des S-Klasse Cabrios Hermann-Joseph Storp: "Wir haben hier das beste Cabrio in dieser Klasse auf die Räder gestellt." Tatsächlich gibt es in dieser Klasse nicht viel Konkurrenz, aber auch zu der möchte Storp einen ordentlichen Abstand halten. Da wäre vielleicht noch der Bentley Continental GTC, aber der hat seine letzte Auffrischung vor sechs Jahren erlebt. Allerdings ist inzwischen auch die S-Klasse in einigen Details vom kleineren Bruder der E-Klasse überholt worden.

Sturmlauf über zwei Stufen

Da wären zum Beispiel die Fahrmodi. Während fast alle Modellreihen der Stuttgarter inzwischen bis zu fünf Fahrprogramme bieten, bescheidet sich das S-Klasse Cabrio mit zweien: Sport und Eco. Im AMG kommt ein drittes hinzu, das da Manuell heißt. Sport Plus, Comfort, Individuell? Gibt es noch nicht, kommt aber mit der nächsten Modellpflege, verspricht Storp. Der Fahrer vermisst die weiteren Stufen aber nicht wirklich. In der Regel cruist man mit dem offenen Schiff, so dass die Programmstufe Sport ohnehin nur bei geschlossenem Verdeck genutzt wird. Dann kann man natürlich auch die serienmäßige Luftfederung auf Sport setzen, um den Sonnenanbeter beim Sturmlauf zu straffen.

Im Innenraum bekommt man, gebettet in ein Luxusambiente, von hohen Geschwindigkeiten hingegen wenig mit. Souverän wie das Coupé überläuft auch das Cabrio alle Unebenheiten und denkt nicht mal im Ansatz daran den Insassen mitzuteilen, wie schlecht die Straße ist. Jetzt könnte befürchtet werden, dass sich Windgeräusche einen Weg ins Fahrzeug bahnen. Weit gefehlt. Durch das serienmäßige dreilagige Akustikverdeck dringt so gut wie nichts. Für Flüsterstimmung sorgen auch ein neues Dichtungskonzept an den Türen und die Doppelverglasung. Außerdem wurden Motorraum- und Hauptboden sowie die Hinterachse großzügig verkleidet. Letztlich ergibt das in der Summe einen ausgezeichneten Cw-Wert von 0,29.

Das ganze Jahr offen

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(Foto: Dirk Weyhenmeyer)

Doch wie schon erwähnt dürfte die liebste Spielart der S-Klasse-Cabrio-Besitzer die offene Fahrt sein. Um die so lange wie möglich über das Jahr zu strecken, gibt es einige wichtige Gimmicks, die das auch bei niedrigen Temperaturen möglich machen. So arbeitet die Klimaregelung zum Beispiel vollautomatisch. Der Fahrer muss weder einen Modus für offenes oder geschlossenes Fahren wählen. Die gewählte Temperatur wird gehalten, weil der Ausstoß an warmer oder kalter Luft sich den äußeren Bedingungen anpasst und je nach individuellen Wünschen an Fahrer und Beifahrer verteilt wird. Allein der Fußraum kann in fünf Stufen temperiert werden.

Wer bis in den Winter ohne Dach fahren möchte, der sollte das Wärme-Komfort-Paket für zusätzliche 511 Euro ordern. Darin enthalten sind nicht nur Sitze mit Powärmer und ein beheizbares Lenkrad, sondern auch sich erwärmende Armlehnen in der Mittelkonsole und in den Türen. Für 773 Euro zusätzlich sorgt dann auch noch ein Luftschal in Form des Airscarf für einen warmen Nacken. Wichtig ist allerdings, dass all das nur richtig gut funktioniert, wenn die Fenster geschlossen sind. "Wir können die Luftbewegung reduzieren, aber die Physik völlig verändern, das können wir nicht", so Storp. Im besten Fall investiert der Interessent weitere 1178 Euro für das sogenannte Aircap. Das beinhaltet ein automatisches Windschottsystem mit Windlamelle vorn und einem Windschott hinten zur Zugluftregulierung. Bedient wird es über einen Knopf in der Mittelkonsole.

Kein GT, aber flott unterwegs

So geschützt, kann man sich auf die Sonne und das Brabbeln des V8 konzentrieren oder beim AMG auf das lockere Spratzen freuen. Aber Achtung: Der Sound passt sich hier der Idee des Wagens an, der im schon erwähnten cruisenden Luxus liegt. Wer also denkt, dass der AMG brüllt wie ein GT, der muss enttäuscht werden. Er fährt sich auch nicht so: zu lang, zu schwer, zu sehr dem Luxus zugewandt. Klar kann man auch mit den Gleitern mal zackig ums Eck gehen. Immerhin entspricht die Verwindungssteifigkeit den Werten des 2014 abgelösten S-Klasse Coupés. Auch die Lenkung mit ausgezeichneter Rückmeldung und der für ein Schiff dieser Größe erstaunlich enge Wendekreis lässt einiges zu. Die Grenzen werden hier einzig durch die Länge des Fahrzeuges gesetzt.

Wie dem auch sei: "Cabrioler" steht im Französischen für "Luftsprünge machen", "Kapriolen schlagen". Insofern bleibt das offene Fahren auch im S-Klasse Cabrio ein Garant für gute Laune. Und der Begriff "Cabriolet"? Stammt noch aus dem Zeitalter der Kutsche: Seinerzeit wurde ein leichter, offener Wagen, der von zwei Pferden gezogen wurde, so bezeichnet. Und dieses 2-PS-Gefährt stand vor allem für Genussfahrten bei schönem Wetter, so wie das S-Klasse Cabrio heute.

Quelle: n-tv.de